Wann ist eine Kirche eine Kirche?

Lützelflüh

Gälte der Predigtsaal in Grünenmatt als ­Kirche, hätte die Kirchgemeinde Lützelflüh nicht 20 Pfarrstellenprozente reduzieren müssen. Aber er erfüllt die ­Kriterien nicht.

Die Kirche, die keine ist:?Bea Schütz, Kirchgemeinderatspräsidentin von Lützelflüh, im Predigtsaal Grünenmatt.

Die Kirche, die keine ist:?Bea Schütz, Kirchgemeinderatspräsidentin von Lützelflüh, im Predigtsaal Grünenmatt.

(Bild: Daniel Fuchs)

Susanne Graf

Grünenmatt gehört nicht nur zur politischen, sondern auch zur kirchlichen Gemeinde von Lützelfüh. Aber das Dorf hat ein eigenes Pfarramt mit einem eigenen Pfarrer, einem Pfarrhaus und einem Predigtsaal. Das Lokal im ersten Stock des Kirchgemeindehauses ist mit einer Orgel ausgestattet, einer Kanzel und einem einfachen Altar aus Holz. Die Predigtbesucher sitzen zwar nicht auf Bänken, sondern auf Stühlen, aber das hindert die Grünenmatter Bevölkerung nicht daran, hier Gottesdienste zu feiern.

Wenn das Gebäude auch mit keinem Kirchturm ausgestattet ist, übernimmt es doch die Funktion einer Kirche.Das fand auch der Kirch­gemeinderat von Lützelflüh. Als ihm der Kanton die Aufgabe aufs Auge drückte, 20 Pfarrstellenprozente zu kürzen, wehrte er sich mit dem Hinweis, der Predigtsaal in Grünenmatt sei einer Kirche gleichzusetzen. Wäre der Kanton dieser Argumentation gefolgt, hätte das der Kirch­gemeinde Lützelflüh bei der Pfarrstellenzuteilung zusätzliche Punkte beschert, und sie hätte ihre 180 Stellenprozente behalten können. Doch in Bern hatte man kein Einsehen. Warum? Wann gilt ein Gotteshaus als ­Kirche?

Verordnungen statt Bischof

Würde es sich um ein katholisches Lokal handeln, «wäre die Antwort einfach», sagt Martin Koelbing, Beauftragter für kirchliche Angelegenheiten des Kantons Bern. Für die Katholiken ­gelte ein kirchlicher Raum als Kirche, sobald ihn der Bischof durch seine Weihung dazu gemacht habe. «Die evangelisch-reformierte Kirche jedoch geht davon aus, dass das, was eine Kirche zur Kirche macht, die Menschen sind, die einen Raum als Kirche brauchen», hält Koelbing weiter fest.

Allein aufgrund dieser offenen Formulierung hätte der Staat den Lützelflühern die 25 Pfarrstellenprozente zugestehen können, auf die jede Kirchgemeinde pro Kirche in ihrem Gebiet Anspruch hat. So regelt es die «Verordnung zur Zuordnung der vom Kanton besoldeten evangelisch-reformierten Pfarrstellen». Doch weil sich der Staat nicht in innerkirchliche Angelegenheiten einmischen dürfe, so Koelbing weiter, stehe in eben jener Verordnung auch: «Anrechenbar sind die vom Synodalrat bezeichneten Kirchen, in denen ein aktives Gemeindeleben stattfindet.»

Die Exekutive der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn hat also in einem weiteren Papier – zur Sicherstellung von Rechtsgleichheit und Transparenz – eine «Verordnung über die anrechenbaren Kirchen» erlassen. Und damit ist nun auch unter den Reformierten im Kanton Bern klar, wann eine Kirche als Kirche gilt:

  • Sie muss der Kirchgemeinde vor allem zum liturgischen ­Gebrauch dienen und für das Feiern von Gottesdiensten dauernd eingerichtet sein.
  • In der betreffenden Kirche werden pro Jahr mindesten 18 Gottesdienste gefeiert.
  • In den betreffenden Kirchen werden ausserdem auch Kasualien gefeiert, also Taufen, Trauungen und Abdankungen.
  • Mehrere Kirchen können einer Kirche nur angerechnet werden, wenn sie in unterschiedlichen Dörfern oder Quartieren stehen.

Der Predigtsaal in Grünenmatt scheiterte an Punkt 2. Weil dort pro Jahr nur 12 Gottesdienste stattfinden, wurde er vom Kanton nicht als Kirche anerkannt. «Der Staat hat in dieser Frage ­keinen Handlungsspielraum», betont Koelbing. Er dürfe und müsse lediglich vollziehen, was die Kirche selber festgelegt habe.

Eine Teilkündigung

Kirchgemeinderatspräsidentin Bea Schütz hat keine Freude an dem Entscheid. Vor allem auch deshalb, weil man in Lützelflüh «mit der Kirche zu den Leuten» gehe und «auf allen Högern» Aussengottesdienste anbiete, die bei der Bewertung nun nicht ­angerechnet worden seien. Doch Tatsache ist: Der Kirchgemeinde stehen ab 2017 nicht mehr 180 sondern nur noch 160 Pfarrstellenprozente zu. Der Kirchgemeinderat hatte also die unangenehme Aufgabe, zu entscheiden, welcher der beiden in Lützelflüh tätigen Pfarrer reduzieren muss. Es ist der in Grünenmatt tätige Ingo Koch, dem schliesslich eine Teilkündigung ins Haus flatterte. Sein Pfarramt wird von 80 auf 60 Prozent gekürzt.

«Wir wollen das Pfarramt, in dem unsere Kirche steht, nicht schwächen», gibt Bea Schütz die Hauptüberlegung weiter, die den Kirchgemeinderat zu diesem Entscheid bewog. David Schneeberger, der sein Amt in Lützelflüh am 1. August 2014 angetreten hat, kann seine Vollzeitstelle be­halten.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt