Wenn die anderen Glück haben

Trubschachen

Das Lotto vom Dorfverein gehört zur Adventszeit wie die Kerzen zum Kranz. Und trotzdem hat der 21-jährige BZ-Praktikant noch keinem dieser Glücksspielnachmittage beigewohnt.

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«Lotto!» Ein Aufschrei reisst mich jäh aus meinen Tagträumen. Stimmt, es gilt ja ein Spiel zu spielen, aufzupassen. Man darf sich nämlich keine Blösse geben beim Lotto. Die Konzentration ist stets hoch zu halten. «Zwesächzg», Mist, nicht schon wieder! Wie viele habe ich verpasst?, rast es mir durch den Kopf. Aber Margrith auf der anderen Tischseite schaut mich an, schmunzelt nur und schüttelt etwas den Kopf und sagt: «Sch nüt cho.» Doch wie kam es, dass ich überhaupt in diese Situation geraten bin?

«Lottomatch»

Als vor ungefähr zwei Monaten die ersten Inserate für Lottos in den Anzeigern auftauchten, wurden auf der Redaktion unweigerlich Geschichten vergangener Lottoabende aufgewärmt und zum Besten gegeben. Da rutschte es mir heraus: «Ich war noch nie an einem Lottomatch.» Die Verwirrung, die meine Aussage generierte, war eine doppelte. Wie es denn sein könne, dass man noch nie an einem Lotto gewesen sei.

«Haben sie das denn nicht bei euch? Und warum sprichst du immer von einem Lottomatch?»Doch, sie haben es. Und eben, im Solothurnischen, wo ich wohne, nennt man es Lottomatch. Das komme aus dem Welschen, habe ich mich kürzlich belehren lassen. Dort heisse es: «match au loto».

Schnell war für meine Arbeitskollegen klar, dass ich einfach ein Lotto besuchen müsse. Das gehöre dazu. Zugegeben: Ganz abgeneigt war ich der Idee nicht, eigentlich überhaupt nicht. Erlebt haben sollte man das ja schon mal, und wer weiss, vielleicht gewinne ich tatsächlich noch was. Der Entschluss war gefasst, ich sollte am 29. Dezember ans Lotto der Schützen Kröschenbrunnen im Trubschacher Hirschen. Also möglichst weit entfernt von meinen heimischen Gefilden.

Im vollen Restaurant

Der Tag war gekommen, und auf der Fahrt die Emme entlang ins obere Emmental kam langsam Nervosität auf. Wo musste ich denn hin, wie würde gespielt werden? Denn vorbereitet hatte ich mich nicht. Nein. Ich wollte die ganze Erfahrung eines Lotto-Greenhorns.

Eh ich mich versah, war ich dort. Trubschachen, mir nur bekannt von diversen Erwähnungen in der Zeitung und einigen Kambly-Besuchen vergangener Jahre. Ein Triopan am Strassenrand kündigte einen «Anlass» an. Hier musste es sein. Der Parkplatz vor dem Haus war so voll wie das Restaurant selbst auch. Unzählige Menschen, jung wie alt, allesamt ins Spiel vertieft, füllten die Gaststube.

«Eine Gruppe von sehr liebenswerten älteren Damen nahm mich unter ihre Fittiche.»

Also musste ich mich in den Saal im Obergeschoss vorkämpfen. Oben angekommen, hatte ich natürlich immer noch keine Ahnung, wie ich mich hier verhalten sollte. Also kaufte ich zuerst einmal ein Henniez. Dann begann ich durch die Tischreihen zu waten und liess mich schliesslich an einem freien Platz nieder.

Meine drei Damen

Jetzt musste gespielt werden. Aber meine ersten Kommunikationsversuche wurden abgewiesen. Also gut, nicht während des Spiels, dachte ich. Eigentlich klar. Doch als der Gang vorbei war, wendete sich mein Glück. Nach einer kurzen Vorstellung waren meine Mitstreiterinnen für diesen Nachmittag gefunden. Eine Gruppe von sehr liebenswerten älteren Damen nahm mich unter ihre Fittiche.

Mir gegenüber die BZ-Abonnentin Margrith, die mich sofort zu instruieren begann, zu meiner Rechten sorgte die 87-jährige Elisabeth aus Landiswil für heitere Stimmung, und schräg vis-à-vis war Trudi um unser aller kulinarisches Wohlergehen besorgt. Sie verteilte Schoggi. Elisabeth schnappte sich ein rotes Schoggiherz und meinte: «Das isseni jetz, de hani de Gfeu.» Das erhoffte ich mir auch. Und schon waren meine drei Schöggli verschwunden. Mit dem Glück wollte es dann nicht so recht, obwohl Margrith mit ihrer Prophezeiung «Dä gwinnt sicher» auf grosse Zustimmung stiess.

Lotto will gelernt sein

Und nun sitze ich also da, aus meinen Tagträumen gerissen, mitten im Geschehen. Fehlt nur eins, ein Lotto. Oder Carton, wie man dem hier auch sage. Das Spiel selbst ist immer gleich, und trotzdem wird es einen ganzen Nachmittag nicht langweilig. Das sei auch der Grund, warum man spiele, sagt Margrith aus Marbach. Es bringe etwas Abwechslung in die Altjahrswoche. Aber Zeit für viele Gespräche bleibt nicht.

Der nächste Gang startet. Soeben habe ich von zwei auf vier Karten aufgestockt. «Jetz wott ers wüsse», wird kommentiert, und ja: Ich will es wissen, fühle mich endlich Herr der Situation und habe eines dieser feinen Zvieriplättli ins Visier genommen. Noch die 50 fehlt, und eine Reihe ist voll. Der Puls steigt. Was sage ich, wenn sie kommt, wie sage ich es? Ich will mir die Nervosität nicht anmerken lassen. Zur Sicherheit frage ich: «Geht es schon um die ganze Karte?» Ja, es geht um die ganze.

Die Aufregung um meine Reihe war umsonst. Schade. Da kommt es auch schon aus den Lautsprechern: «Carton ir Gaschtstube.» Ein Satz, den ich hassen gelernt habe an diesem Nachmittag. Die dort unten scheinen immer mehr Glück zu haben als wir hier oben. Auch Elisabeth hat kein «Gfeu», wie sie es nennen würde. Dennoch gluckst sie stets vergnügt, wenn es bei ihr mal knapp wird oder wenn jemand sich zu früh freut.

Es war anstrengend

Nach und nach leert sich der Saal. Somit müssen meine Gewinnchancen steigen. Die Damen bestätigen meine Vermutung. Margrith wechselt noch mal die Karten, jetzt will sie es auch wissen. Bei uns beiden wird es noch mal sehr knapp. Wir sind mit einer 1 beziehungsweise der 85 offen für einen vollen Carton. Aber Fortuna gesellt sich einmal mehr nicht zu uns an den Tisch. Und so mache ich mich alsbald ermüdet vom aufmerksamen Abdecken und um 50 Franken erleichtert auf nach Hause. Die Damen wollen noch an ein Konzert gehen. Ich aber muss mich erst mal ausruhen und träume auf der Rückfahrt von glorreichen Lottogewinnen.

Langenthaler Tagblatt

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