Widerstand gegen die Flachdächer

Zollbrück

Im Tannschachen soll eine grosse Wohnüberbauung entstehen. In der Bevölkerung regt sich Widerstand gegen das Projekt. Die Abstimmung darüber dürfte sich verzögern.

Markus Hottenberg wehrt sich gegen die geplante Überbauung im Tannschachen und hat an seinem Haus eine Stange montiert, die zeigen soll, wie hoch die Wohnhäuser werden sollen.

Markus Hottenberg wehrt sich gegen die geplante Überbauung im Tannschachen und hat an seinem Haus eine Stange montiert, die zeigen soll, wie hoch die Wohnhäuser werden sollen.

(Bild: Beat Mathys)

Simon Scheidegger@theSimon_S

Wer auf der Rüderswilstrasse von Zollbrück Richtung Rüderswil unterwegs ist, kann sie nur schwer übersehen, diese Stange, die vom Haus an der Nummer 21 in die Höhe ragt. Dass es sich dabei nicht um eine vergessen gegangene Fahnenstange handelt, wird spätestens dann klar, wenn das Plakat daneben betrachtet wird. «11 Meter hohe Bauten NIE» steht dort drauf und in der Zeile darunter: «kein Städtebau!».

Es ist eine Protestaktion, die der dort wohnhafte Markus Hottenberg gestartet hat. Gegen eine Überbauung, die im Tannschachen gleich gegenüber seinem Einfamilienhaus geplant ist: Auf dem Areal zwischen der Rüderswilstrasse und der Emme sollen auf rund 11500 Quadratmetern insgesamt fünf Mehrfamilien- und fünf Doppeleinfamilienhäuser entstehen mit insgesamt 34 Wohneinheiten und einer Einstellhalle.

Dazu will die Gemeinde eine Änderung des Zonenplans sowie des Baureglements veranlassen. Wie dem Erläuterungsbericht der Gemeinde zu entnehmen ist, seien die Anpassungen vorab deshalb notwendig, «um eine attraktive Aussenraumgestaltung zu gewährleisten und trotzdem die angestrebte Dichte zu erreichen».

Unter anderem beinhalten diese überarbeiteten Reglemente eine Vereinheitlichung der Maximalhöhe der Gebäude, die auf 11 Meter festgelegt werden soll.

Beide Dachformen bedenkenlos

Die Stange, die Markus Hottenberg an seinem Balkon angebracht hat, ragt genau 11 Meter in die Höhe. Er hat sie montiert, um die Nachbarn dafür zu sensibilisieren, was dieses Projekt aus seiner Sicht für Rüderswil bedeuten würde. «Diese Überbauung passt überhaupt nicht ins Ortsbild», sagt Hottenberg und meint damit nicht nur die Höhe, sondern insbesondere auch die Dachform, die von der Bauherrschaft – der Moser und Partner AG in Ittigen – vorgesehen ist.

Es sollen nämlich Häuser mit Flächdächern gebaut werden, was laut Hottenberg viel zu wuchtig wirke, gerade an einem Ort wie Rüderswil, der ausschliesslich aus Häusern mit Steildächern bestehe.

Die Dachform – sie ist ein grosser Streitpunkt. Daniel Sütterlin von der Bauherrschaft lässt sich in der «Wochenzeitung» zitieren, sich in diesem Projekt vor allem aus ästhetischen Gründen für Flachdächer entschieden zu haben, da es gut dorthin passe und das Ortsbild sogar aufwerte.

Bei der Beantwortung der Frage, ob Steil- oder Flachdach, scheinen also vorab auch persönliche Vorlieben und Meinungen eine Rolle zu spielen. Doch gibt es rationale Gründe, die für das eine oder das andere sprechen? Daniel Gäumann, Vorsteher der Abteilung Orts- und Regionalplanung der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion des Kantons Bern, sagt, er könne sich nicht zum konkreten Fall im Tannschachen äussern, da es sich um ein laufendes Verfahren handle, grundsätzlich liege es aber im Ermessen der Gemeinde, zu entscheiden, welche Dachform für ein Projekt gewünscht sei.

«Das Flachdach ist in unseren Breitengraden nicht so verbreitet, obwohl es schon in der Antike gebaut wurde», erläutert Gäumann. Andernorts, beispielsweise im Süden, komme dafür ein Steildach weniger oder gar nicht vor. Gäumann stellt klar: «Aus raumplanerischer Sicht gibt es für beide Dachformen keinerlei Bedenken.»

«Aus raumplanerischer Sicht gibt es für beide Dachformen keinerlei Bedenken.»Daniel Gäumann, Vorsteher der Abteilung Orts- und Regionalplanung der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion des Kantons Bern

Acht Eingaben auf der Gemeinde

Markus Hottenberg hat gegen das Projekt mithilfe eines Anwalts zusammen mit drei Parteien eine Sammeleinsprache eingereicht. Dem Schreiben legte er ein rund 100-seitiges Büchlein bei, in dem er seine Argumente darlegt. Zudem ging er in der Nachbarschaft von Haus zu Haus und versuchte, andere zu einer Einsprache zu bewegen.

«Wir sind kampfbereit», sagt Hottenberg, der als Verkaufsberater in einer Baumaterialfirma arbeitet. Er weiss, dass es deshalb in der Aussenwahrnehmung so rüberkommen könnte, als ob er mit seinem Engagement gegen die Überbauung im Tannschachen primär aus beruflichen und finanziellen Gründen handle. Das sei indes überhaupt nicht der Fall, versichert Hottenberg. «Ich setze mich ein, weil mir Rüderswil am Herzen liegt und das Ortsbild nicht zerstört werden darf.»

Am 28. Oktober ist die Einsprachefrist gegen die Änderung des Zonenplans und des Baureglements abgelaufen. Auf der Gemeinde sind total acht Eingaben (bestehend aus Einsprachen und Rechtsverwahrungen) eingegangen.

«Ich setze mich ein, weil mir Rüderswil am Herzen liegt und das Ortsbild nicht zerstört werden darf.»Anwohner Markus Hottenberg

Laut Gemeindeschreiberin Brigitte Leuenberger könnten aber zu genauen Inhalten der Beanstandungen zurzeit keine Angaben gemacht werden, da diese zuerst detailliert ausgewertet werden müssten. Es seien allerdings verschiedene Dinge beanstandet worden. Nun sollen die Eingaben durch die Gemeindebehörde, den Bauherrn sowie das Planungsbüro ausgewertet werden.

Im Anschluss finden mit den Beteiligten Einspracheverhandlungen statt. Ein genauer Zeitplan dafür steht noch nicht fest, es ist aber äusserst unwahrscheinlich, dass die ursprünglich auf den 9. Februar angesetzte Urnenabstimmung wie geplant wird stattfinden können.

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