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Wo Kälte noch öffentlich ist

In der früheren Käserei vermietet Andreas Niederhäuser immer noch öffentliche Gefrierfächer. Die Nachfrage sei zwar leicht rückläufig. Aber es gibt durchaus Kunden, die ihre Ware an zen­tralem Ort einfrieren lassen.

Lilo Lévy-Moser
Als Kind hatte Andreas Niederhäuser Angst, sich in der öffentlichen Gefrieranlage einzuschliessen, wenn er dort Ware holen sollte.
Als Kind hatte Andreas Niederhäuser Angst, sich in der öffentlichen Gefrieranlage einzuschliessen, wenn er dort Ware holen sollte.
Andreas Marbot

Es ist kalt. Minus 18 Grad etwa. Die Umgebung strahlt den ab­weisenden Charme von Katakomben aus. Ein schmaler Gang führt zu kleineren und grösseren Verschlägen aus Holz. Darin lagern Lebensmittel unterschiedlichster Art. Die Palette reicht von Fleisch über Pilze und Pommes frites bis hin zu Gemüse und Obst. Entsprechend undefinierbar ist auch der Geruch, der in dem kalten Raum herrscht.

So unterschiedlich die Ware in den einzelnen Fächern ist, so unterschiedlich sind auch die Nutzer der öffentlichen Gefrieranlage im kleinen Bauerndorf Höchstetten. Während sie früher ein Luxus waren, verfügt heute fast jede Haushaltung über eine Tiefkühltruhe.

Handelt es sich bei der Anlage also nicht um ein Relikt aus alter Zeit, das bald ­verschwinden wird? Mitnichten, ist Andreas Niederhäuser überzeugt. Ihm gehört die Liegenschaft der ehemaligen Käserei. Auch wenn die Nachfrage nach öffentlichen Gefrierfächern in den Sechziger- bis Achtziger­jahren des letzten Jahrhunderts markant grösser gewesen sei, ­seien heute immerhin noch die Hälfte aller Fächer besetzt.

Die insgesamt 101 Verschläge mit jeweils einem Fassungsvermögen von 75 bis 500 Litern seien immer noch beliebt bei der Bevölkerung aus der nahen Umgebung, sagt Niederhäuser. Die Miete betrage zwischen 27 und 160 Franken im Jahr. Genutzt werde das An­gebot nebst Privatpersonen auch von Vereinen wie etwa den Hornussern und Jägern – und selbstverständlich von Landwirten. «Viele Bauern im Dorf haben noch grosse Gärten oder metzgen selber. Die Erträge lagern sie zum Teil hier», beobachtet Niederhäuser.

Er selber ist ausgebildeter Bau-und Landmaschinenmechaniker. Seit 1993 betreibt der 49-Jährige in Höchstetten unter dem Namen Team Melken ein eigenes Unternehmen für Stallinfrastruktur und Kältetechnik.

Gefrierfächer übernommen

Als Andreas Niederhäuser das stattliche Käsereigebäude mit der markanten Walmdachründe vor vier Jahren von der Käsereigenossenschaft Höchstetten und Hellsau kaufte, war für ihn klar, dass der Betrieb der öffentlichen Gefrierfächer im Dorf weiter­gehen musste. «Die Nachfrage ist seither nur um etwa fünf Prozent zurückgegangen», stellt er fest. Bislang rechnet er noch im Plus ab, aber der Ertrag sei nicht der eigentliche Motor für die Weiterführung des dörflichen Angebots.

«Die Nachfrage ist nur um etwa fünf Prozent zurück­gegangen.»

Andreas Niederhäuser

Vielmehr seien es die persönlichen Erinnerungen, da seine Familie früher auch ein öffentliches Gefrierfach genutzt habe. So habe er jeweils als Kind für seine Mutter Ware aus dem Gefrierfach holen müssen, erzählt Niederhäuser. Aus Angst, dass die schwere Türe zufallen könnte und er im kalten Verliess eingeschlossen bliebe, habe er jeweils ein Stück Holz zwischen Tür und Angel geklemmt.

Wenigstens die Kälte blieb

Inzwischen hat Andreas Niederhäuser diese Angst längst überwunden. An ihre Stelle ist die Freude getreten, dass er dem Dorf das öffentliche Angebot erhalten konnte, als die Käserei 2005 ihre Pforten für immer schloss. Damit gingen auch die Türen des Käsereiladens zu, des einzig ver­bliebenen Ladens im Dorf.

Seither hat der Höchstetter das schützenswerte Gebäude von 1850 sanft saniert. Im ehemaligen Käselager entstand ein geschmackvoller und gut einge­richteter Partyraum, den er für Anlässe vermietet. In den ehe­maligen rund zweihundert Qua­dratmetern grossen Produktionsräumen waren vor dem ­Verkauf während einer Zwischennutzung so einige Mieter zugange. Unter anderen ein Bierbrauer und ein Teigwarenhersteller. Zurzeit hat nur noch eine Person, ein Fachmedienjournalist, seine Wirkungsstätte dort. Die grosse Wohnung im ersten Stock dagegen hat Niederhäuser an eine Familie vermietet.

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