Wo nur Rauch hätte sein sollen, war plötzlich Feuer

Der Mann wollte in einem Schopf bei Wynigen Würste räuchern – wenig später stand der Speicher in Flammen. Die Schuldfrage bleibt bis auf weiteres unbeantwortet: Das Regionalgericht Emmental-Oberaargau hat die Verhandlung abgebrochen.

Die Verhandlung am Regionalgericht Emmental-Oberaargau wurde abgebrochen.

Die Verhandlung am Regionalgericht Emmental-Oberaargau wurde abgebrochen.

(Bild: Thomas Peter)

Johannes Hofstetter

Chlousetag, 6. Dezember 2015: Ganz in Gedanken an seine nächsten Einsätze versunken, steuert der Samichlous eine Gemeinde bei Wynigen an. Er hat die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und hört nicht, wie hinter ihm Sirenen aufheulen. Als ihn ein Feuerwehrauto nach dem anderen überholt, fällt er vor Schreck fast vom Schlitten

Zwei Tage später entdeckt er auf dem Internetportal dieser Zeitung eine Nachricht. Für ihn, den Allwissenden, ist sie nicht neu: Bei Wynigen, liest er, sei am Montagabend ein Schopf nieder­gebrannt. 70 Angehörige der Löschtrupps von Wynigen-Rumendingen und Burgdorf hätten das danebenstehende Bauernhaus und das Stöckli vor Schäden bewahrt. Das Feuer sei durch einen Glimmbrand in einem Räucherschrank entfacht worden.

Die Staatsanwaltschaft verdonnerte einen Bekannten des Liegenschaftsbesitzers wegen «fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst» zu einer bedingten Geldstrafe von 1200 Franken. Um Fleisch zu räuchern, habe der gebürtige Kosovare nicht nur wie üblich Sägespäne, sondern auch Holz verwendet. Nach dem Löschen sei deshalb ein weiterglimmendes Glutnest entstanden. Weiter habe der Abstand zwischen dem heissen Ofen und der Holzwand des Speichers nur 35 Zentimeter betragen. Für die Anklagebehörde sei klar, dass der Mann «pflichtwidrig unvorsichtig» vorgegangen sei. Der knapp 50-Jährige zog den Fall ans Regionalgericht Emmental-Oberaargau weiter.

Gegenüber Einzelrichter Jürg Bähler räumte er am Dienstag ein, zur Raucherzeugung auch Holzkohle verwendet zu haben, und dass der Schopf «voll mit brennbaren Materialien» gewesen sei. Wegräumen habe er diese wegen ihres Gewichtes aber nicht können. Als er den Raum verliess, sei die Asche auf dem Wasser geschwommen und die Brandgefahr seiner Meinung nach gebannt gewesen.

Ein als Zeuge aufgebotener Mitarbeiter des Dezernats Brände und Explosionen der Kantonspolizei stützte diese Aussagen teilweise. Ein Glutnest könnte sich bis zu 72 Stunden nach dem vermeintlichen Ausmachen des Feuers entzünden, sagte er. Von blossem Auge sei nicht erkennbar, ob in dem Aschenhaufen noch etwas glimme.

Bevor der Verteidiger zu einem Plädoyer ausholte, machte Jürg Bähler die Verfahrensbeteiligten auf die gewisse Wahrscheinlichkeit eines Schuldspruches aufmerksam. Aufgrund der Akten und der Zeugenaussagen liege für ihn nahe, dass der Beschuldigte seine Sorgfaltspflichten verletzt habe.

«Die Frage ist, ob mein Klient hätte wissen müssen, dass die Glut nicht erloschen ist», erwiderte der Anwalt. Eine Antwort darauf könne nur ein Gutachten geben. Der Vorsitzende brach die Verhandlung daraufhin ab. Sie wird fortgesetzt, wenn die Expertise vorliegt und die Staatsanwaltschaft sich über die ergänzten Akten gebeugt hat.

Wie alles andere, was sich auf dem Erdball ereignet, bekommt der Chlous auch den vorläufigen Ausgang dieses Prozesses live mit. «Das muss ich gleich dem Schmutzli erzählen», murmelt er in seinen Bart. Als der Gehilfe hört, was vor Gericht passiert ist, sagt er: «Gäu, Chef: Wir hätten dem Mann einfach eine Rute in die Hand gedrückt. Das wäre unkomplizierter und erst noch viel günstiger gewesen.»

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