Zuckende Schmerzen im Kopf

Langnau

Sieben Jahre litt Bauverwalter Oliver Mischler unter einer seltenen Krankheit. Jetzt hat er immer noch Schmerzen, aber längst nicht mehr so mörderische wie bis vor einem Jahr.

Über die Stirn schickt der entzündete Hirnnerv Schmerzimpulse: Oliver Mischler schildert die Krankheit, die ihn stark geprägt hat.

Über die Stirn schickt der entzündete Hirnnerv Schmerzimpulse: Oliver Mischler schildert die Krankheit, die ihn stark geprägt hat.

(Bild: Marcel Bieri)

Dass Oliver Mischler gesundheitlich angeschlagen ist, hat sich herumgesprochen. Aber die Öffentlichkeit wurde nie genau darüber informiert, unter welcher Krankheit der Langnauer Bauverwalter eigentlich leidet. In diffusen Fällen tippt die Gerüchteküche gern auf Burn-out. Das sei auch bei ihm nicht anders gewesen, weiss Mischler.

Doch der Grund, warum die Parlamentarier oft lange auf Bauabrechnungen warten mussten, war ein anderer. Er heisst Trigeminusneuralgie. Auch der Bauverwalter hatte noch nie von dieser Krankheit gehört, ehe er selber davon betroffen war.

Das war, bevor es diesen Knall gab in seinem Kopf und ihm Stromstössen ähnlich immer wieder rasende Schmerzen durchs Gesicht zuckten. «Es heisst, das sei etwas vom Schmerzhaftesten, was der Mensch erleiden könne», hat Mischler inzwischen gelernt.

Trigeminusneuralgie bedeutet, dass der Hirnnerv, der in beiden Gesichtshälften über die Stirn in Ober- und Unterkiefer strahlt, entzündet ist. Mit jeder Bewegung schiesse der Schmerz wie ein Blitz durch den Kopf. «Man redet, isst, schluckt und schläft nicht mehr», berichtet Oliver Mischler.

Schmerzvolle Jahre

Mit Medikamenten habe er sich einigermassen über Wasser gehalten, wobei es kein bestimmtes Präparat dagegen gebe und er einiges ausprobiert habe, darunter auch Mittel für Epileptiker. «Es war eine Gratwanderung», sagt er. «Aber ich habe mich durchgeseucht.»

Sieben Jahre lang lebte und arbeitete er mit mehr oder weniger starken Schmerzen, die sich Nichtbetroffene offenbar nicht vorstellen können. Zweimal diente er den Ärzten als «Versuchskaninchen» und liess sich operieren. Die neue Methode, auf die sich Mischler zuerst um Weihnachten 2015 und letzten Dezember zum zweiten Mal einliess, bestand darin, den Entzündungspunkt im Hirn mit einer Art Laser zu zerstören.

Beim ersten Versuch sei nicht aller Schmerz verschwunden, «aber jetzt sieht es sehr gut aus», sagt er. «Die Schmerzen, die ich heute immer noch habe, empfinde ich als angenehm, obwohl sie andere wohl aus den Schuhen hauen würden.» Aktuell leide er noch unter einem Phantomschmerz, den das Hirn produziere. Deshalb besuche er verschiedene Therapien. «Die Angst, dass es plötzlich wieder zwickt, ist nach wie vor da, sie ist aber doch schon recht in die Ferne gerückt.»

Krankschreiben liess sich der Langnauer Bauverwalter nur für den ersten Eingriff um Weihnachten 2015 und danach von September 2016 bis zu diesem Frühling. Vorher sei er einzelne Tage weggeblieben und habe Überzeit abgebaut.

Andere mit seiner Diagnose hätten eine Invalidenrente beantragt. «Aber ich wollte meinen Beruf unbedingt behalten», sagt Mischler und schmunzelt. Er erinnert sich an skurrile Gespräche mit der Invalidenversicherung, bei der er sich vorsichtshalber hatte anmelden müssen. «Die sind es nicht gewohnt, dass sich jemand wehrt und gar nichts von ihnen will.»

Verändert durch die Krankheit

Inzwischen arbeitet der Vater einer erwachsenen Tochter, der mit seiner Partnerin in Oberdiessbach wohnt, wieder zu 90 Prozent. Im Gegensatz zur Zeit der Krankheit bewege er sich inzwischen wieder mehr, sei daran, Gewicht abzubauen, das er auch wegen der Medikamente zugelegt habe, und fühle sich zunehmend fitter.

«Aber die Krankheit hat mich völlig verändert», sagt Oliver Mischler. Andere Patienten seien daran zerbrochen, an den Schmerzen und dem unheimlichen Wissen, «etwas im Kopf» zu haben. «Ich habe zum Glück die Gabe mitbekommen, in allem Leiden positiv zu bleiben.» Doch heute setze er die Prioritäten im Leben ganz anders und reagiere auf Probleme, mit denen ein Bauverwalter konfrontiert werden könne, viel gelassener.

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