Zum Hauptinhalt springen

«Facebook-Revolte ist der falsche Begriff»

Facebook erleichtere die Kommunikation zwischen Gleichgesinnten zwar massiv, es habe aber die ägyptische Gesellschaft nicht verändert, sagt die Ethnologin Kathrin Sharaf.

In Ägypten wurde die Opposition jahrzehntelang brutal unterdrückt. Jetzt wird unter dem Slogan «Tunesien ist die Lösung» demonstriert. Was hat sich verändert? Geht es um mehr als nur die Ablösung von Mubarak? Kathrin Sharaf: Viele Jugendliche wollen eigentlich nur, dass Mubarak abtritt. Sie haben keine klare Vorstellung davon, was danach kommen soll. Die Kairoer Jugend ist mit Mubarak aufgewachsen. Sie hat nicht gelernt, über Politik nachzudenken. Die jungen Menschen wissen nicht, was freie Wahlen sind, oder sie gingen nicht wählen, weil sie wussten, dass ihre Stimmen nicht gezählt werden. Internationale Medien haben die Revolte in Tunesien «Jasmin-Revolution» getauft. In Ägypten ist nun von einer Facebook-Revolte die Rede. Stimmt das? Nein. Facebook-Revolte ist eine falsche Bezeichnung. Natürlich wurde die Revolte in Tunesien aufmerksam verfolgt und auf Facebook diskutiert. Aber auf Facebook wurde schon vor der Revolte der letzten vierzehn Tage mehrfach zu Demonstrationen gegen das Regime aufgerufen. Das führte aber nicht zu einer nennenswerten Präsenz auf den Strassen. Nach dem Sturz von Ben Ali hat sich das geändert. Es ist nicht weiter schwierig, auf Facebook eine Gruppe zu starten und zur Revolution aufzurufen. Der Schritt, danach auf die Strasse zu gehen, ist aber gross. Und es war mit Sicherheit das Fallbeispiel Tunesien, das die Ägypter motiviert hat, auf die Strassen zu gehen. Sie promovieren in Kairo über die Bedeutung von Facebook für die ägyptische Bevölkerung. Inwieweit hat Facebook Ägypten bereits vor der Revolution verändert? Ich glaube nicht, dass Facebook die Gesellschaft verändert hat. Durch Facebook wurde die Kommunikation zwischen Freunden erleichtert. Kairo ist schliesslich eine riesige Stadt. 30 Prozent aller ägyptischen Internetnutzer sind bei Facebook registriert. Die meisten kommen aus der Mittel – und der Oberschicht. Sie kommentieren Entwicklungen und stellen Fotos ins Netz. Findet auch eine politische Diskussion statt? Ja, vor allem in den letzten Tagen, als die Gewalt in Kairo eskalierte. Es war eine sehr kontroverse Diskussion: Manche Nutzer wollen jetzt nur noch ihre Ruhe und flehen andere an, mit dem Demonstrieren aufzuhören, weil die Ziele erreicht seien. Andere setzten sich für andauernde Proteste ein. Es kam sogar vor, dass einzelne Facebook-Nutzer darum baten, nicht mehr in Gruppen eingeladen zu werden, die gegen Mubarak demonstrieren. Haben Sie das Gefühl, dass der ägyptische Geheimdienst die Bedeutung von Facebook nicht erkannt hat? Nicht unbedingt. Politische Facebook-Seiten gab es schon seit längerem. Das Regime verhaftete dann den Blogger. Der Inhalt der Seite wurde aber nicht gelöscht. Welche Auswirkungen hatte die Abschaltung des Internets auf die Oppositionsbewegung? Was machten die Regimegegner ohne Facebook und Twitter? Viele Ägypter gingen daraufhin erst recht zu Demonstrationen, um sich dort mit Informationen über die Entwicklung zu versorgen, die vorher das Internet geliefert hatte. Sie sehen also, dass das Regime mit der Abschaltung des Internets genau das Gegenteil erreicht hat. Viele Demonstranten sagten «Jetzt erst recht»; sie gingen von Haus zu Haus, verteilten Flugblätter, die Mundpropaganda funktionierte hervorragend. Kontraproduktiv war wohl auch die Massnahme der Regierung, Millionen von SMS, mit denen Regimegegner eingeschüchtert werden sollten, zu verschicken. Viele Ägypter reagierten sehr wütend darauf. Viele sind inzwischen aber auch verunsichert und bleiben zu Hause. Sie haben Angst. Momentan hört man in Ägypten mehr Gerüchte als Tatsachen. Mubarak warnte vor einer Machtübernahme der Muslimbruderschaft. Besteht diese Gefahr? Könnte es sein, dass Islamisten die Revolution für ihre Zwecke instrumentalisieren? In Ägypten wird nicht unter dem Banner des Islam demonstriert. Die Menschen gegen auf die Strasse, damit sich die Lebensgrundlagen verbessern. Es gibt im Hintergrund keine Strippenzieher, die die Menschen lenken. Ich kenne keinen Ägypter, der mit der Lage zufrieden ist. Wie lange wird sich Mubarak noch halten können? Das kann niemand genau sagen. Eigentlich hatte ich schon früher mit Mubaraks Rücktritt gerechnet. Es kommt jetzt auf das Durchhaltevermögen der Demonstranten an. Interview: Michael WraseKathrin Sharaf (26) promoviert über die Bedeutung von Facebook für Jugendliche in Ägypten. Sie lebt in Kairo und Freiburg im Breisgau. >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch