Fluglärm: Ein umstrittener Augenschein in Brienz

Unterbach

Der Streit um den Fluglärm am Flugplatz Meiringen beschäftigt derzeit das Bundesverwaltungsgericht. Die Richter wollten deshalb vor Ort selber erleben, wie es tönt, wenn ein Militärjet über sie hinwegdonnert.

Nachbrenner-Start einer F/A-18 auf dem Flugplatz Unterbach: Einer der Hauptgründe für die Wut der Fluglärmgegner in der Umgebung von Brienz.

Nachbrenner-Start einer F/A-18 auf dem Flugplatz Unterbach: Einer der Hauptgründe für die Wut der Fluglärmgegner in der Umgebung von Brienz.

(Bild: Christoph Buchs)

Die Fluglärmgegner, bestehend zum grossen Teil aus Vertretern des Hoteliervereins Brienz, hatten sich ausnahmsweise mal den Krach von F/A-18-Jets gewünscht. Geflogen wurde allerdings mit den leiseren F-5-Modellen, auch bekannt als Tiger. Somit gingen die Wogen am Dienstagvormittag im Seehotel Bären schnell hoch.

Anwesend war ein Gremium des Bundesverwaltungsgerichts unter dem Vorsitz von Maurizio Greppi. Das Gericht wollte sich ein Bild von der Lärmbelastung der Jets in der Umgebung von Brienz und Unterbach machen. Es ordnete einen Augenschein an.

Das VBS organisierte für den Dienstag Trainingsflüge, die auch Schiessübungen an der Axalp beinhalteten. Während des Augenscheins in Brienz schossen jedoch «nur» die Tiger — auch weil die Kanonen der F/A-18 wegen eines bevorstehenden Auslandeinsatzes derzeit gereinigt würden, begründete Oberst Stefan Brunner.

«Das Gericht auf diese Weise übertölpeln zu wollen, ist eine absolute Frechheit.»Monique WerroSeehotel Bären Brienz

Bären-Wirtin Monique Werro und mit ihr die versammelte Fluglärmgegnerschaft mochten diesem Argument keinen Glauben schenken. «Eine absolute Frechheit, wie man hier das Gericht übertölpeln will», so Werro.

«Gegen die Tiger hatten wir nie etwas. Die tief fliegenden F/A-18 mit ihren Nachbrennern sind es, die den grossen Lärm veranstalten.» Zu hören gabs die startenden ­­­ F/A-18 anschliessend doch noch – bei einem weiteren Augenschein direkt am Flugplatz Unterbach.

Durchschnittlich 42 Dezibel

Zur Vorgeschichte: 2006, nach der Schliessung des Militärflugplatzes Dübendorf, zügelte die Fliegerstaffel 11 mit ihren F/A-18-Maschinen nach Meiringen. Daraufhin befand die Stiftung «Giessbach dem Schweizervolk» des Umweltschützers Franz Weber, die Zunahme an Lärm und Schadstoffen sei für die Region untragbar und die Nutzung des Flugplatzes widerrechtlich.

Sie reichte 2010 Klage ein. Das VBS versuchte, die Klage als nichtig darzustellen. Jedoch attestierten Bundes- und Bundesverwaltungsgericht der Klägerschaft ein «schutzwürdiges Interesse» im Trainingsraum über Meiringen.

Das VBS liess ein Gutachten erstellen, das im Rayon des Flugplatzes Meiringen einen durchschnittlichen Lärmpegel von 42 Dezibel ergab. Eine Prüfung durch die Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa bestätigte das Gutachten.

«Menschenwürde verletzt»

Die Gegnerschaft, vertreten durch den Anwalt Rudolf Schaller, reichte dagegen Beschwerde ein, worauf am Dienstag nicht nur der Au­genschein, sondern im Gasthof Rössli Unterbach auch eine ­öffentliche Parteiverhandlung stattfand.

«Die vorgelegten Daten des VBS sind ungenügend», so Schaller, der in der Umgebung von Brienz nichts weniger als die Menschenwürde verletzt sieht. «Die lokale Bevölkerung hat das Recht, respektiert zu werden.» Auch touristische Argumente warf er ein: Für das Freilichtmuseum Ballenberg etwa sei der Fluglärm existenzbedrohend.

Bruno Locher, Chef Raum und Umwelt beim VBS, verwies auf die Revision des Sachplans Militär, der unter anderem die Reduktion von fünf auf drei Militärflugplätze – darunter Meiringen – vorsieht.

Voraussichtlich entscheide der Bundesrat im Herbst. «Dann erstellen wir Objektblätter für alle Flugplätze mit Lärmberechnungen, die die Grundlage für weitere Diskussionen sein werden.»

Er sei sich bewusst, dass der Fluglärm gerade bei Starts und Landungen ein Problem sei. «Für Teile der Bevölkerung ist dies störend, das ist mir klar. Wir werden versuchen, Lösungen zu finden», versprach Locher.

«Der Augenschein wurde organisiert auf Basis des Flugbetriebs, wie er heute sowieso stattgefunden hätte.»Bruno Locher Chef Raum und Umwelt VBS

Den Vorwurf, eine Flugshow gezeigt zu haben, die nicht dem Alltag entspreche, wies er jedoch zurück. «Es wurde nichts verschleiert. Der Augenschein wurde organisiert auf Basis des Flugbetriebs, wie er heute ohnehin stattgefunden hätte.»

Immerhin: Dass das VBS ein Problem erkennt, nahm die Gegnerschaft erfreut zur Kenntnis. Hingegen war nach der Verhandlung auch die Angst vor noch mehr Fluglärm zu spüren, sollten die Flugplätze Sitten und Buochs tatsächlich geschlossen werden.

Ein Urteil fällten die Bundesverwaltungsrichter am Dienstag noch nicht. Dieses folgt schriftlich. Wann, ist laut Maurizio Greppi noch unklar.

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