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Fünf-Sterne-Luxus zu Aldi-Preisen

interlakenMit Aldi ins Fünf-Sterne-Hotel. Wer verdient an solchen Billigangeboten? Auch Interlakner Hoteliers greifen in der Nebensaison zur Vermarktung beim Discounter. Das Streben nach besserer Auslastung birgt Chancen, aber auch Gefahren.

Das Angebot beeindruckt: Zwei Übernachtungen mit Frühstück im Fünf-Sterne-Hotel, inklusive Nachmittagstee, Benutzung des hoteleigenen Wellnessbereichs, Drei-Gang-Menü am Anreisetag und kostenloser Eintritt ins Casino – für 239 Franken pro Person im Doppelzimmer: «Reisen zu Aldi-Preisen». «Luxus mit Tradition» nennt der Discounter dieses Angebot, das vom 30. Dezember 2010 bis zum 30. April 2011 gültig ist. Ziel der Reise ist das Lindner Grand Hotel Beau Rivage in Interlaken. Will man im selben Zeitraum direkt über die Hotel-Homepage buchen, variieren die Preise für Übernachtungen im Comfort-Class-Doppelzimmer zwischen 255 und 440 Franken – mit Frühstück, aber ohne weitere Extras. Kein Zuschussgeschäft Noch deutlicher wird der Preisunterschied im Hotel Stella. Das Interlakner Vier-Sterne-Haus wird bei Aldi mit 259 Franken pro Person für vier Übernachtungen im Economic- und mit 279 Franken im Standard-Doppelzimmer beworben. Über die Hotel-Homepage kostet das 350 beziehungsweise 390 Franken. Wie kommen solche Preisunterschiede zustande? «Das geht nur mit den entsprechenden Hoteliers», sagt Sven Bradke, Sprecher der Aldi Suisse AG. Die Angebote seien auf die Nebensaison beschränkt, der Zeitraum für die Buchungen, die nur über das Internet zu tätigen sind, auf eine kurze Zeit befristet, nennt Bradke einige Details. Und trotz des niedrigen Preises sind die nach eigenen Angaben rund 100000 im vergangenen Jahr gebuchten Reisen kein Zuschussgeschäft für den Discounter. Bradke: «Die Idee ist schon, dass noch etwas übrig bleibt.» Kündigungen vermeiden Was bleibt da aber noch für die Hoteliers übrig? «Diese günstigen Angebote werden ausschliesslich in buchungsarmen Zeiten, wie der Nebensaison angeboten. In dieser Zeit liegen die Zimmerpreise immer unter denen der Hochsaison», lautet die Antwort von Andrea Kunz von der Direktion des Lindner Beau Rivage. Und weiter: «Die konkreten Preise selbst sind für uns noch wirtschaftlich, vor allem, da diese Kunden oftmals zusätzlich im Restaurant essen oder sich an der Bar etwas gönnen.» Diesen «Mehrumsatz im Restaurant» verspricht sich auch Bastian Hofmann, der das Hotel Stella führt. Hofmann, der das Hotel von seinen Eltern übernommen hat, gibt aber auch zu: «Da die unrentable Nebensaison in Interlaken rund drei Monate dauert, wäre die Alternative, das Hotel für diese Zeit zu schliessen. Dies hätte zur Folge, dass den eingearbeiteten, zuverlässigen Kadermitarbeitern gekündigt werden müsste und wir auf die Ausbildung von Lernenden verzichten würden. Zurzeit bin ich stolz, die Variante durchzuziehen, das Hotel ganzjährig geöffnet zu haben, obwohl sie – ehrlich gesagt – nicht rentiert. Damit wir in diesen schwachen Monaten eine gewisse Grundauslastung, und – wenn auch einen kleinen – Grundumsatz haben, gehen wir Kompromisse ein, wie zum Beispiel die Kooperation mit Aldi.» Grosse Zielgruppe über Aldi Befürchtungen, dass das Image eines Vier- oder Fünf-Sterne-Hotels darunter leidet, wenn es im Aldi-Prospekt erscheint, haben die Hoteliers nicht. Dazu stellvertretend Andrea Kunz: «Aldi-Kunden sind keine Billig-Kunden, wie vielleicht der ein oder andere vermutet. Im Gegenteil, sie legen einen großen Wert auf ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Wir sprechen im Marketing vom hybriden Konsumenten. Das sind Menschen, die kein Problem damit haben, morgens bei Prada und mittags bei Aldi einzukaufen. Die Gruppe dieser Konsumenten wird immer größer.» Und noch einen anderen Vorteil sieht die Hotelier-Frau: «Wir erreichen hier eine sehr große Zielgruppe. Die Prospekte von Aldi werden in vielen Haushalten verteilt und gelesen, die Anzeigen ebenfalls. Zudem haben wir sehr gute Erfahrungen mit Aldi gemacht.» Auch Stephan Maeder, Präsident des Hotelier-Vereins Berner Oberland, glaubt nicht, dass Aldi schlechte Kundschaft nach Interlaken bringt. Dennoch sieht Maeder eine Gefahr, wenn die Preispolitik rein auf Auslastung ausgerichtet sei. «Der Markt ist sehr volatil geworden. Das ist eine sehr, sehr gefährliche Entwicklung.» So rechne sich eine möglichst hohe Auslastung auch in den für Interlaken schwierigen Wintermonaten nicht für alle Häuser. Manchmal fehle es dann an Geld für Investitionen oder Reparaturen. «Kauft die Katze im Sack» Dass die Kooperationen mit Grossverteilern eine Win-Win-Situation bescheren könne, glaubt der Präsident des Interlakner Hotelier-Vereins René Klopfer. Obwohl das nicht immer von vornherein klar ist. Klopfer, der das Hotel Chalet Swiss in Interlaken führt, berichtet aus eigener Erfahrung: «Ich war ziemlich erzürnt, als ich ohne mein Wissen im Aldi-Katalog erschienen bin. Das Problem ist aber nicht Aldi, sondern der Tour-Operator, mit dem man zusammenarbeitet. Der wählt aus, wo er die Zimmer, die er beim Hotelier gekauft hat, platziert. Man kauft also ein bisschen die Katze im Sack.» Klopfer fügt aber hinzu: «Seit Jahren arbeiten viele in Interlaken sehr erfolgreich mit Tour Operators zusammen. Ich würde am liebsten auch direkt mit dem Kunden verhandeln, aber das ist auf dem globalisierten Markt nicht mehr möglich.» Destination profitiert nicht Kritisch äussert sich Interlakens Tourismusdirektor Stefan Otz zu den in Tourismuskreisen viel diskutierten Schnäppchen-Angeboten bei Discountern und auf Internet-Buchungsplattformen: «Aus Sicht des Hotels ist es völlig legitim, aber man muss unterscheiden zwischen Destinations- und Hotelpromotion. Für die Gesamtdestination sind solche Angebote sicher nicht förderlich.» Otz spricht den Anspruch Interlakens an, ein Tourismus- und Kongressstandort von Weltruf zu sein. Zudem hält er solche Billigangebote lediglich für «Deckungsbeiträge» für die Hoteliers. «Ob sich daraus ein Geschäft machen lässt, wage ich zu bezweifeln.» Und schliesslich: «Verkaufen über den Preis ist nie nachhaltig, besser ist es, über die Qualität zu verkaufen.» Claudius Jezella>

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