Gefühls- und Gletscherrauschen

Gstaad

Wagner mit Startenor Klaus Florian Vogt. Dazu eine sphärisch rauschende Uraufführung von Tristan Murail. Und farbige Tanzmusik. Das sechste Zeltkonzert am Menuhin Festival bot eine breite Palette.

Triumphierte in Gstaad mit Wagner-Arien: Startenor Klaus Florian Vogt – hier mit dem subtill disponierenden Dirigenten Gergely Madaras.

Triumphierte in Gstaad mit Wagner-Arien: Startenor Klaus Florian Vogt – hier mit dem subtill disponierenden Dirigenten Gergely Madaras.

(Bild: Markus Hubacher)

Svend Peternell

Ein französisches Orchester, das in wagnerscher Opulenz schwelgt und Gletschereis zum Schmelzen bringt: Das ist doch schon sehr gut. Ein Orchester aber auch, das kühn Gershwins vitalen Kosmos zelebriert und Ravels «Boléro» in die Rauschwolke treibt: Das hört man sich gerne an. Das Orchestre National de Lyon hat diese Spannbreite am sechsten Zeltkonzert des Gstaad Menuhin Festivals mit Bravour ausgefüllt. Und mit seinem elegant-geschmeidigen Spielstil und der kräftig-grellen bis pastellartig-feinen Tongebung seiner in Alter und Geschlecht gut durchmischten Instrumentalbesetzung für sich eingenommen.

Ein Heldentenor mit lyrischer Note

Rund 1200 Besucherinnen und Besucher im 1800 Plätze fassenden Gstaader Zelt konnten sich über mangelnde Vielfalt nicht beklagen. Zuerst bewältigten die Lyoner unter der ebenso subtil-leichthändigen wie dynamisch-zielgerichteten Stabführung des 35-jährigen Ungarn Gergely Madaras die Ouvertüre des «Tannhäuser». Sie taten dies mit Fülle, Finesse und der Ausgestaltung weiter Linien – und trotzten dem Regen, der sich aufs Zeltdach prasselnd bemerkbar machte.

Dann konnte sich das Orchester auf die Qualitäten von Startenor Klaus Florian Vogt (49) verlassen, der den Sommer über in Bayreuth den Lohengrin einmal mehr mit grossem Lob verkörpert hat. Er sang die Arien aus Richard Wagners «Parsifal», «Walküre» und eben «Lohengrin» in Gstaad mit viel Flair für Dramatik und hohe seelische Identifikation. Heldenhaft-klar, silbrig glänzend und lyrisch durchdrungen hörte sich seine Stimme an. Er steigerte sich in eine prächtige Lockerheit hinein und lieferte als Zugabe das Preislied des Stolzing aus Wagners «Die Meistersinger von Nürnberg».

Schmerztöne für die bedrohte Umwelt

Der anspruchsvolle erste Teil des Sonntagabends gipfelte in der Uraufführung von Tristan Murails Reflexionen über «Les Neiges d’antan» zum aktuellen Gletscherrückgang – wahrgenommen aus der Flugzeugperspektive (jetartiger Grundklang). Diese erstmalige Aufführung assoziierte höchst klangintensiv das Bild einer gestörten Alpenidylle – sie wirkte wie eine düster-apokalyptische Vision über die wenig rosigen Aussichten unserer Umwelt.

Mit Wellblech, Trompeten, sphärischen Klängen und dem Auffahren aller instrumentalen Wirkungskraft liess das französische Ensemble das riesige Klanggefäss bedrohlich anschwellen – eine fast perfekte Verschmelzung mit den misslichen äusseren Verhältnissen. Das vom Festival in Auftrag gegebene und von der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung finanzierte Werk war bei Murail (72) – einem ausgewiesenen Komponisten aus der IT- und Elektromusikszene – gut aufgehoben. Er lotete bisweilen geradezu physisch spürbare akustische Schmerzgrenzen aus und überzeugte mit einem bildstark durchkomponierten Mahn- und Abbild unserer in Bewegung geratenen und gefährdeten Landschaft.

Triumphales «Heimspiel» der Franzosen

Sehr beschwingt und rasant verlief der zweite Konzertteil mit dem «Amerikaner in Paris» von George Gershwin. Hier waren der expressive Knalleffekt, der tänzerische Drive und die agile Zugkraft der Lyoner gefragt. Der «Boléro» schliesslich von Maurice Ravel wurde zum triumphalen «Heimspiel» der Franzosen, welche die Feinheiten der Instrumente ausschöpften und einen gekonnten Steigerungslauf bis hin zum bombastischen und viel bejubelten Finale hinlegten.

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