Goldschürfer bei den Antriebslosen

oberland Die Stiftung You Count ebnet Kindern und Jugend­lichen den Weg in die Selbstständigkeit. Es ist ein steiniger Weg. Manchmal scheitert der Versuch, oft aber gelingt er.

Internatsleiter Rolf Egli posiert in der Zimmerei in Reichenbach. Dort können junge Erwachsene erste Erfahrungen in der Berufswelt machen.

Internatsleiter Rolf Egli posiert in der Zimmerei in Reichenbach. Dort können junge Erwachsene erste Erfahrungen in der Berufswelt machen.

(Bild: Patric Spahni)

Null Bock auf Nichts. Mit dieser Einstellung junger Menschen sieht sich Rolf Egli regelmässig konfrontiert. Der Leiter des Internats Vorbereitung und Integration in die Arbeitswelt (VIA) der Stiftung You Count in Erlenbach hat es laufend mit Jugendlichen zu tun, die für ein eigenständiges Leben Unterstützung benötigen, weil sie keine Perspektiven haben. Egli und sein Team versuchen dann, sie auf ihrem Weg in die Gesellschaft zu begleiten. «Es ist harte Arbeit. Manchmal ist es frustrierend. Es gibt Fälle, da scheitern wir», sagt Egli. Aber dann gebe es auch die anderen. Er spricht von den jungen Männern, die sich nach Jahren wieder melden und in ihren Worten Danke sagen. «Dafür lohnt es sich», sagt Egli.

Viele Wege führen nach Erlenbach

Das Angebot VIA ist als Anschlusslösung für die anderen Internate gedacht. Es soll den Teilnehmern helfen, die berufliche Integration zu schaffen. Das Angebot ist aber für alle offen. Es gebe junge Menschen, die sie von den Sozialdiensten oder der Kesb zugewiesen bekommen, sagt Egli (vgl. Kasten). Manchmal melden sich Interessierte auch direkt. Der Internatsleiter stellt einen grossen Wandel bei den Teilnehmern fest.

Vor einigen Jahren waren es fast ausschliesslich schwer erziehbare Jugendliche. Meist kamen sie aus einem zerrütteten Elternhaus. Heute seien die Jugendlichen oft antriebslos, sagt Egli, «nicht zuletzt, weil sie von den Eltern entmündigt werden und ihnen Perspektiven fehlen». Sie dürften nichts ausprobieren, alles würde ihnen abgenommen. Sie seien grenzenlos umsorgt. «Sie haben schlicht nicht gelernt, Verantwortung zu übernehmen.» Oft haben sie ein geringes Selbstvertrauen und versuchen ihre Unsicherheit mit übersteigertem Verhalten zu überspielen. «Irgendwann führt dies zwangsläufig zu Frustration», sagt Egli. Die Jungen bräuchten Widerstände und Herausforderungen. «Sie wachsen daran.» Wenn sie dies nicht haben, dann hätten sie keine Motivation. «Sie merken, dass sie sich nicht anstrengen müssen», sagt Egli.

Sie aus dieser Lethargie wieder rauszuholen, sei ungemein schwierig. Ein zentrales Thema seien auch die vielen digitalen Geräte. «Die Jugendlichen können sich damit leicht von der Umwelt abnabeln und isolieren. Sie lernen nicht, wie man sich im Alltag bewegt.»

In kleinen Schritten Richtung Eigenständigkeit

Die Zeit im Internat in Erlenbach bezeichnet Egli als Reifungsjahr. Zwei Tage gehen die Jugendlichen am Standort in Spiez in die Schule, an drei Tagen arbeiten sie. «Wir zeigen ihnen Wege auf, wie sie sich Praktika organisieren können», sagt Egli. «Aber tun müssen sie es dann selber.» Dem Internat ist eine Zimmerei angeschlossen. Dort durchlaufen die jungen Menschen ein Arbeitstraining und werden so auf Praktika vorbereitet. Die Zimmerei führt diverse Arbeiten für private Kunden aus.

Die Internatsbewohner lernen zudem in einer Tagesstruktur, sich an Regeln zu halten und etwas zu leisten. Sie unternehmen gemeinsam Ausflüge. «Erlebnisse und Erfahrungen bringen sie weiter», sagt Egli. In einem nächsten Schritt dürfen sie sich in einer WG unweit des Internats versuchen. «Bewähren sie sich, dann können sie in eine offene Wohnform mit weniger Betreuung wechseln», sagt der Internatsleiter.

Oft brauche es viel Zeit und Geduld, die jungen Menschen zur Selbstständigkeit zu motivieren. Alltägliche Besorgungen und Arbeiten wie die Wohnung in Schuss halten oder einkaufen müssten erst gelernt werden. «Es gibt Rückschläge, Auseinandersetzungen.» Es komme auch vor, dass man sich von jungen Menschen trennen müsse, obwohl sie noch nicht reif für die Gesellschaft sind. «Unser Angebot basiert auf Freiwilligkeit», sagt Egli. Druck bringe nichts. Die Familie sei zudem mit an Bord. «Wir machen hier nicht unser Ding.»

An den Wochenenden und in den Ferien sollen die Männer und Frauen wenn immer möglich nach Hause zu den Familien. «Das ist wichtig», sagt Egli. Alle Bewohner können zudem jederzeit abbrechen. Das gleiche Recht beanspruche er aber auch für sich: «Wenn keine Entwicklung mehr stattfindet, beenden wir die Sache.»

Keine Chance ohne eine Tagesstruktur

«Wir sind Goldschürfer», sagt Barbara Kunz. Sie ist die Leiterin des Angebots Navi (nachhaltige Abklärung und Vorbereitung für die berufliche Integration), das Jugendlichen bei der beruflichen Orientierung helfen soll. Es ist ein Teilbereich der VIA. «Alle Jugendlichen haben Stärken und Vorlieben. Unsere Aufgabe ist es, sie zu finden.» Das Angebot dauert einen Monat und steht auch Externen offen. Sie stellt klar, dass sie kein Stellenvermittlungsbüro betreibt. «Wir unterstützen, aber der Antrieb muss dann von den jungen Menschen kommen.» Manchmal sei es für die Teilnehmer schon eine grosse Herausforderung, einen Monat lang um 9 Uhr auf der Matte zu stehen. «Wir legen allen nahe, sich um eine Tagesstruktur zu bemühen», sagt Kunz. Nur so sei es möglich, sich dann im beruflichen Umfeld bewegen zu können. «Nach einem Monat sollten die jungen Menschen uns mit der Zuversicht verlassen, dass es da draussen einen Platz für sie hat», sagt Kunz.

Berner Zeitung

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