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«Gotthelf war von den Dampfschiffen fasziniert»

Gotthelf und ThunChristian von Zimmermann ist einer der beiden Herausgeber der historisch-kritischen Gesamtausgabe (HGK) der Werke von Jeremias Gotthelf. Er erklärt, wie Gotthelf Thun sah, warum er von den Dampfschiffen fasziniert war und was er über die leichten Oberländer Mädchen dachte.

Durch die Seespiele ist Gotthelf zurzeit in Thun omnipräsent. War der Emmentaler Schriftsteller überhaupt je in dieser Stadt? Christian von Zimmermann:Gotthelf war zweifellos in Thun. Er beschreibt die Stadt und das Berner Oberland immer wieder, die Region muss ihm vertraut gewesen sein. Er sollte 1829 sogar nach Amsoldingen als Pfarrvikar versetzt werden. Das war für ihn damals keine interessante Stelle. In der Forschungsliteratur heisst es recht deutlich: Das wäre für ihn einer Strafversetzung gleichgekommen. Die Versetzung wurde dann auch zurückgenommen, bevor er das Amt angetreten hat. Was schreibt er über die Stadt? Der häufigste Zusammenhang, in dem Thun genannt wird, ist die Dampfschifffahrt. Es finden sich aber auch zahlreiche Sticheleien gegen Thun. Wie äussert sich das? Beispielsweise im Zusammenhang mit dem Käsemarkt in Langnau und dem Thuner Samstagsmarkt. Er spricht auch von der Käsekonkurrenz und der Frage, welcher Markt wichtiger ist – Langnau oder Thun. Gotthelf kommt zum Schluss, das sei nun eindeutig Langnau, weil man im Ausland keinen Oberländer Käse kenne, aber den Emmentaler würden alle kennen. Sie erwähnten die Dampfschifffahrt. Die Dampfschiffe sind für Gotthelf ein Symbol für eine Form der Modernisierung und Technisierung, die er nicht nur positiv sieht. Im Gegenteil. Er spricht sehr deutlich davon, dass sich eine Gesellschaft nicht nur darüber definieren dürfe, was die Dampfmotoren erbringen. Er befürchtet, dass eine industrialisierte Gesellschaft dazu tendiert, die menschliche Leistung herabzusetzen. Übt er Kritik an der Gesellschaft über die Kritik an der Technik? Ihm waren die Bildung der Gesellschaft und das Zurückfinden zur Sittlichkeit ein grosses Anliegen. In diesem Zusammenhang spricht er davon, dass die christliche Versittlichung der Menschheit eben nicht durch die Welt rolle wie der moderne Zeitgeist, wie ein Dampfschiff oder ein Dampfwagen. Faszination war da keine im Spiel? Sicher hat ihn die Dampfschifffahrt – vermutlich auch positiv – fasziniert. Es geht bei ihm viel mehr um das Symbol für die Entwicklung, für die sie steht. Dann war Gotthelf also prinzipiell gegen den Fortschritt? Gotthelf ist selbst ein Liberaler gewesen. Einen gewissen Fortschritt fand er sogar gut und beschreibt ihn positiv. Aber er will, dass die Leute damit mithalten können. Deshalb nennt er auch die Radikalen im Zusammenhang mit den Dampfschiffen. Diese Gruppierung verfolgte aus seiner Sicht eine Politik, die ebenfalls zu schnell vorwärts und in eine falsche Richtung gehe und in Thun hatte es nach Gotthelfs Geschmack ohnehin zu viele Radikale. Als was kannte Gotthelf Thun sonst noch? Thun als Stadt des Militärs mit dem grossen Waffenplatz taucht bei ihm immer wieder auf. Über die Offiziere spottet er in einigen Schriften und beschreibt, dass sie sich nicht an die militärischen Regeln halten, wie sie ihre Säbel im Suff vergessen und wegen des Alkohols die Manöver falsch laufen. Er spottet auch über die Obersten, die vor allem mit ihrem Äusseren beschäftigt sind, sich schicke Schnurrbärte wachsen lassen und die Handschuhe mit Safran gelb färben. Sind bei ihm also alle Schweizer Soldaten eitel und dumm? Nein. Er schreibt immer wieder davon, dass die Berner Soldaten sich positiv hervortun und sich nicht an den eidgenössischen Sitten anlehnen würden. Was sagt er über das Berner Oberland im Allgemeinen? Das Oberland hatte einen eigenen Ruf, was die Einhaltung der Sitten anging. Die Oberländer Mädchen waren dafür bekannt, dass sie locker und zugänglicher waren als andere Mädchen. Sogar in den Reiseführern dieser Zeit liest man, dass es leicht möglich sei, bei einem Oberländer Mädchen zu landen. Mit solchen Vorurteilen spielt Gotthelf dann im «Jakob»-Roman, wo der Jakob, der ein deutscher Handwerksbursche ist, ins Oberland reist. Jakob malt sich aus, wie schön das mit einem Oberländer Mädchen wird. Obwohl er mit der Tochter seines Meisters dann den ganzen Tag alleine zu Hause ist, beisst er ausgerechnet bei ihr, dem schönen Oberländer Mädchen, auf Granit und kann sie nicht erobern. Gotthelf zeichnet also ein romantisch verklärtes Bild vom Berner Oberland ? Nein, das stimmt so nicht. Gotthelf sagt auch, dass das Oberland ein sehr armes Land sei, da habe man mehr Käse als Brot. Aus Armut und Not gebe es dort ernsthafte soziale Probleme. Das greift Gotthelf in der Erzählung «Die Rabeneltern» auf, wo Eltern im Berner Oberland ihre Kinder vernachlässigen und zum Betteln ausschicken. Was sagen Sie als Gotthelf-Experte zur Inszenierung der Thuner Seespiele? Ich fand die Inszenierung über weite Strecken sehr interessant und habe sie gerne gesehen. Natürlich ist die Liebesgeschichte etwas seicht. Aber die Choreografie der Massenszenen fand ich ausserordentlich spannend. Die Kostümierung mit den vor dem kahlen Hintergrund stark wirkenden schwarzen Trachten hat mich sehr an die Bilder von Emil Zbinden erinnert. Also bewerten Sie die Inszenierung durchwegs positiv? Es gab viele Sachen, bei denen ich sagen muss, das trifft die Sicht von Gotthelf. Wenn ich es mit dem Roman «Käserei in der Vehfreude» vergleiche, muss ich sagen, es bleibt nicht mehr viel von Gotthelf. Das ist aber sicher auch nicht der Anspruch des Stückes. Gotthelf selbst kommt im Stück auch vor. Gotthelf wird eben einmal nicht als Schriftsteller Gotthelf dargestellt, sondern als Pfarrer Bitzius – und als solcher ist er sehr gut getroffen. Gotthelf wird nicht als der dargestellt, der die alte Lehre und eine starre Sittlichkeit verkörpert, es ist vielmehr die Gemeinde selbst, die dieses Ordnungsdenken vertritt. Wogegen der Pfarrer als Autor Gotthelf viel flexibler ist und auch das Liebespaar in Schutz nimmt. Ist das typisch für Gotthelf? Gotthelf hatte immer den Wunsch, mit einem positiven Ende zu zeigen, wie der Weg in die Zukunft verlaufen sollte. Diese Happy-End-Struktur findet sich bei ihm durchaus. Was hätte Gotthelf zum Stück gesagt? Dazu kann man nur Vermutungen anstellen. Am Ende wird Gotthelf auf einem aufsteigenden Bühnenteil in die Höhe gehoben. Ob ihm das geschmeichelt hätte oder ob er schamrot geworden wäre, weiss ich nicht. Heute wird Gotthelf vor allem für seine judenfeindlichen Äusserungen kritisiert. Die Art, wie er über die Juden schreibt, ist eine der Schattenseiten Gotthelfs. Er spricht ausserordentlich negativ über jüdische Gestalten. Das reicht von Anekdoten über den reichen Rockefeller bis hin zu Geschichten über den jüdischen Weinhandel oder sogenannte Ross-Juden, die schlechte Pferde verkaufen. Wollte er die Juden als Pfarrer zum Christentum führen? Einen missionarischen Eifer hatte er bei seiner Kritik nicht. Es gibt eine spannende Stelle, wo er sich über die Bemühungen des russischen Zaren auslässt, der versucht, seine katholischen und jüdischen Untertanen zum orthodoxen Glauben zwangszubekehren. Da ist Gotthelf wohl eher der Auffassung, dass jeder in seinem Glauben gelassen werden sollte. Warum tun sich viele Menschen so schwer mit den Schattenseiten Gotthelfs? Was dahinter steht, ist die Vorstellung, dass wir eine Gotthelf-Figur haben möchten, die nach 150 Jahren immer noch ohne Ecken und Kanten zu uns spricht. Die wird man in Gotthelf nicht finden. Er ist ein streitbarer Schriftsteller gewesen. Man sollte ihn lieber mit diesen Ecken und Kanten wahrnehmen, da bleibt noch genügend Interessantes übrig. Er ist eine engagierte Persönlichkeit, die nicht nur für ihre Überzeugungen eintritt – das wäre einfacher gewesen –, sondern dafür auch noch ein literarisches Gewand findet. Und für das habe ich eine grosse Hochachtung vor ihm.Therese KrähenbühlChristian von Zimmermann ist Dozent für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bern. Er stammt ursprünglich aus Schleswig-Holstein und lebt heute in Bern.>

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