Häusliche Gewalt ist keine Privatsache

Gstaad

Jede fünfte Frau und bis zu 30 Prozent der Minderjährigen bei uns sind von häuslicher Gewalt betroffen. Pro Jahr finden dadurch 20 Frauen den Tod. Eine Ausstellung rüttelt auf: «Willkommen zu Hause».

<b>Sie will anderen Mut machen, sich gegen häusliche Gewalt zu wehren:</b> Louise Hill erzählt öffentlich, was ihr angetan wurde.

Sie will anderen Mut machen, sich gegen häusliche Gewalt zu wehren: Louise Hill erzählt öffentlich, was ihr angetan wurde.

(Bild: Kerem S. Maurer)

Gegen 60 Besucherinnen mit, laut den Veranstalterinnen, «erfreuliche vielen Männern» besuchten am Freitagabend im Kirchgemeindehaus Gstaad die Vernissage der Ausstellung mit dem Titel «Willkommen zu Hause». Thematisiert wird das breite Spektrum häuslicher Gewalt von psychischen, physischen und sexuellen Übergriffen.

Angeordnet wie eine Wohnung, werden verschiedene Stationen dargestellt, in denen hinter verschlossenen Türen das stattfindet, was hierzulande am liebsten verschwiegen wird. «Häusliche Gewalt geht uns alle an, die Zahlen oben gelten nicht nur für die Schweiz, sondern auch für das Berner Oberland.

Gerade für ländliche Gegenden, wo heile Welt nach aussen so wichtig ist, weil man sich im Dorf noch kennt!», ist Annelies Eichenberger, Frauenhaus Luzern und Mit-Initiantin der Ausstellung, überzeugt. Häusliche Gewalt dürfe kein Tabu mehr sein, zu viel passiere in der Nachbarschaft, direkt vor unseren Augen.

Diese Ausstellung möchte Betroffenen zeigen, dass sie in ihrer Not nicht alleine sind. Sie will bewusst machen, Stellung nehmen und zum Handeln auffordern. Die Besuchenden werden aufgefordert, hinzusehen und sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Es geht unter die Haut, wenn man sich eine scheinbar gewöhnliche Szene in einem Haushalt anschaut, in der Alltagsgegenstände wie Staubsaugerrohre oder Schlüssel als «Tatwerkzeug» markiert sind.

Darüber sprechen ist wichtig

Louise Hill ist eine Engländerin, die einen Schweizer geheiratet und mit ihm drei Kinder hatte. Sie waren ein erfolgreiches Unternehmerpaar, hoch angesehen im Dorf und finanziell gut situiert. Bei ihnen stimmte gegen aussen hin alles. Was sich hinter ihrer Hochglanzfassade abspielte, schildert sie als eine von häuslicher Gewalt betroffene Frau in ihrem Buch «Teufelskreis – Mein bitteres Leben mit dem Zuckerbäcker».

Louise Hill lebte 1987 einen Sommer lang in Gstaad. «Es ist meine Pflicht, zu erzählen, wie es ist, jeden Tag in Angst zu leben. Das schulde ich den 20 gestorbenen Frauen pro Jahr», sagte Hill, bevor sie anlässlich der Vernissage einige Textpassagen aus ihrem Buch vorlas.

Unter der Bezeichnung «We stand up for women» setzen acht Frauenorganisationen aus Thun und dem Berner Oberland während zweier Jahre mit einem gemeinsamen Auftritt und je einem Anlass pro Quartal ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen.

Die Wanderausstellung «Willkommen zu Hause» ist der dritte Anlass in dieser Reihe und wird von Soroptimist Gstaad organisiert. Die Ausstellung dauert noch bis am 17. Mai. Es werden Führungen angeboten.

Wo es Hilfe gibt

«Wenn das Leben in einer ehelichen Gemeinschaft nicht mehr erträglich ist, wenn Gewalt und Angst regiert, haben Sie nach Artikel 175 des Zivilgesetzbuches das Recht, diese Gemeinschaft auch gegen den Willen Ihres Partners zu verlassen», sagt Annelies Eichenberger.

Für betroffene Frauen aus dem Berner Oberland gibt es das Frauenhaus Thun, Telefon 033 221'47'47, oder per Mail an: info@frauenhaus-thun.ch. Zudem bietet die Vista-Fachstelle Opferhilfe bei sexueller und häuslicher Gewalt in Thun unter 033 225'05'60 Hilfe an.

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