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«Ich hatte noch nie etwas gegen Regen»

tennisAb Montag wird in Wimbledon das bedeutendste Turnier der Welt zum 125.Mal ausgetragen. 2001 schrieb der heute 39-jährige Kroate Goran Ivanisevic das wohl schönste Märchen in dessen langer Geschichte: Er gewann nach zuvor

Wimbledon, 9.Juli 2001. Zweiter Aufschlag Goran Ivanisevic. Patrick Rafters Return fliegt ins Netz. Der unspektakuläre letzte Ballwechsel steht im Kontrast zu magischen zwei Wochen: Quasi ohne Hoffnung kam Ivanisevic in London an – nach fünf Niederlagen aus sechs Partien und mit einer kaputten Schulter. dreimal ist der Kroate zuvor in Wimbledon im Final gescheitert, von einer vierten Endspielteilnahme wagt die einstige Nummer 2, die nur noch die Nummer 125 der Welt und auf eine Wild Card angewiesen ist, nicht zu träumen. Dann geschieht Wundersames. In diesem Jahr findet Wimbledon zum 125.Mal statt – erinnert Sie diese Zahl an etwas? Goran Ivanisevic: Natürlich. An meinen späten, unerwarteten, ersten und einzigen Wimbledon-Titel. Sie starteten als Nummer 125 der Welt. Ist die 125 seither Ihre Lieblingszahl? Es ist sicher eine sehr schöne Zahl für mich, verbunden mit einer Erinnerung, die mich noch heute umhaut. Haben Sie gewusst, dass Ihre Wettquote damals 1:125 betrug? Ja, schon vor dem Turnier. Ich hätte auf mich setzen sollen. Aber so mutig war ich vor dem Auftakt nicht. Nach dem Sieg sprachen Sie von einem Wunder. Haben Sie inzwischen auch eine logische Erklärung dafür gefunden? Nein. Und auch kein anderer wird sie jemals finden. Es kann nur eine höhere Macht gewesen sein, die wollte, dass ich diesen Titel doch noch gewinne. Ich spielte davor miserabel, meine Schulter war kaputt. Deshalb gibt es nur diese Erklärung. Ich meine nicht nur Netzroller oder Linienbälle. Sondern alles – etwa, wie der Regen einsetzte, als ich ihn bitter nötig hatte. Sie sprechen den Halbfinal gegen Henman an. Sie lagen mit 1:2 Sätzen zurück, hatten zehn der letzten elf Games verloren – dann kam der Regen, und Sie schafften an den Folgetagen die Wende. Ist Regen für Sie heute «schönes Wetter»? Ich hatte noch nie etwas gegen Regen, vor allem in Wimbledon nicht. Heute haben sie das Dach über dem Centre-Court, damals gehörten Unterbrüche dazu. Ich habe viele Partien wegen des Regens verloren – 2001 wurde ich dafür entschädigt. Gegen Henman rettete er mich, ich hätte hundertprozentig verloren. Auf Ihrem Rücken ist ein Kreuz tätowiert, im Final schickten Sie Stossgebete gen Himmel. Wie religiös sind Sie wirklich? Ich bin kein religiöser Freak, aber ich glaube an Gott. Der Wimbledon-Titel wurde mir von oben geschenkt. Haben Sie die Wild Card von 2001 eingerahmt und im Schlafzimmer aufgehängt? Vielleicht hätte ich. Aber es gibt nichts, was man einrahmen könnte. Man erfährt vom Komitee, dass man eine Wild Card erhält und im Hauptfeld dabei ist. Der Begriff ist rein symbolisch. Schade. Es wäre ein schönes Souvenir gewesen. Ja. Heute ist das Tennisgeschichte; kein anderer hat ein Major-Turnier mit einer Wild Card gewonnen. Haben Sie andere Andenken zu Hause? Nicht viele. Mein Racket, mit dem ich den Matchball verwertete, habe ich behalten. Und ich habe den Schläger meines Finalgegners Patrick Rafter. Das ist alles – ausser der Pokalkopie natürlich. Aber wissen Sie was? Das ist egal; wichtig ist nur, dass auf der Trophäe mein Name steht. Gegenstände gehen verloren, die Sieger bleiben. Was erwarteten Sie vor dem Turnier? Der Rückflug war auf Donnerstag der ersten Woche gebucht. Wann dachten Sie erstmals, dass Sie den Titel holen könnten? Sie werden staunen: Bereits während der Zweitrundenpartie gegen Carlos Moya. Plötzlich war mein Aufschlag wieder da, ich servierte unglaublich gut. Da dachte ich erstmals, ich könnte etwas Grosses schaffen. Doch ich behielt es für mich, man hätte mich für verrückt erklärt. Ein Spiel später folgte gegen Andy Roddick die Bestätigung meines Eindrucks: In vier Sätzen schlug ich 41 Asse. Sie schlugen damals 212 Asse im ganzen Turnier – ein Grand-Slam-Rekord. All das schafften Sie trotz massiver Schulterprobleme am Schlagarm. Wie viele Schmerztabletten schluckten Sie pro Ass? (überlegt lange) Das dürfte wohl mindestens eine halbe Tablette pro Ass gewesen sein. An einem besseren Tag schluckte ich sieben, an einem schlechten wohl etwa zehn. Und das Schlimme war: Gegen Ende der zwei Wochen zeigten die Pillen kaum noch Wirkung. Ich hatte nur noch Schmerzen – bis ich auf dem heiligen Rasen stand. In den Partien sagte ich mir einfach: «Goran: kein Schmerz! Darum kümmern wir uns später.» Ich hätte auf einem Bein gespielt. Wie geht es der Schulter heute? Sie ist okay. Ich liess sie Ende 2001 operieren, setzte eineinhalb Jahre aus – und kam zurück auf die Tour. Bereit war ich nicht: Der Aufschlag kam nur noch mit 150 Sachen. Ich setzte nochmals ein halbes Jahr aus – mit dem Ziel, noch einmal in Wimbledon anzutreten. 2004 klappte das. Ich schaffte es bis in Runde 3, wo ich an Lleyton Hewitt scheiterte, der Wimbledon im Jahr nach mir gewonnen hatte – ein guter Abschluss. Was war der beste Moment Ihres Wimbledon-Siegs? Wahrscheinlich schon der, als ich den Pokal erstmals berührte. Sie müssen sich vorstellen: Vorher hatte ich bereits dreimal dem Gewinner zusehen müssen, während ich in meinen Händen die Platte hielt, die der Verlierer bekommt. Es ist eine schöne Platte – aber den Pokal zu halten, ist um einiges schöner. Wie schwierig ist es, optimistisch in den vierten Final zu gehen, wenn man die drei Endspiele zuvor verloren hat? Nicht schwierig, denn ich hatte einen grossen Vorteil: Der Final fand erst am Montag statt. Ich hatte stets am Sonntag verloren, also sagte ich mir: Das ist ein Zeichen, das ist deine Chance! Das liess Sie all Ihre Gedanken und Emotionen kontrollieren. Indirekt schon. Die Verschiebung auf Montag hatte zur Folge, dass viele Zuschauer aus dem Stammpublikum fernblieben. Dadurch konnten viele einfache Leute, viele Kroaten, ein Ticket ergattern. Plötzlich war die Atmosphäre wie bei einem Fussballspiel – und damit ganz anders als bei meinen drei vorangegangenen Endspielen. Was ging Ihnen vor dem vierten und entscheidenden Matchball durch den Kopf, als Sie gegen den Himmel blickten? Alles an mir war so schwer. Ich konnte kaum den Arm heben, wusste gar nicht mehr richtig, was ich tat. Zuvor hatte ich zwei Matchbälle mit Doppelfehlern vergeben. Also bat ich darum, dass mein erster Aufschlag ins Feld gehen möge. Mein Flehen wurde zwar nicht erhört, doch dafür landete dann der zweite Service so knapp im Feld, dass Rafter ihn ins Netz schlug. Was würden Sie bevorzugen, könnten Sie wählen: die 16 Major-Erfolge Roger Federers oder Ihren einen Titel, ein Erlebnis wie aus dem Märchenbuch? Rational müsste ich tauschen, emotional liesse ich mich kaum darauf ein. Nach Ihrem Triumph sagten Sie: «Nun kann ich glücklich sterben.» Hat dieser Satz noch heute Gültigkeit? Nein, nein, nein, ich will auf keinen Fall sterben! Das Leben ist zu schön, ich bin inzwischen Familienvater. Aber in jenem Moment hätte das Buch gleich geschlossen werden können. Die eine, ewig leer stehende Seite war endlich beschrieben worden. Was ist schwieriger: in einer Saison 1477 Asse zu schlagen wie Sie bei Ihrem Rekord 1996 oder in Brighton aufgeben zu müssen, weil alle Rackets zertrümmert sind? Das mit den Rackets ist definitiv einfacher. Zwei Sekunden reichen, um eines zu zertrümmern. Meine Geschichte in Brighton erzählt man sich gerne – dabei war das gar keine so grosse Sache: Ich hatte damals nur zwei Rackets in der Tasche. Die sind schnell zerstört. Und ich verrate Ihnen gleich noch etwas, Sie Schlaumeier: Selbst wenn Sie 55 Rackets zerstören wollen, ist das einfacher als die Asse. Was braucht es für diese? Eine gewisse Körperlänge ist nötig, meine 193 Zentimeter waren ein Faktor. Ausserdem half es mir, dass ich Linkshänder bin. Und es braucht ab und zu eine schnelle Unterlage. Heute ist alles langsamer, ich denke, da hätte ich etwas mehr Mühe. Ist das bereits das ganze Geheimnis? Nein, natürlich nicht. Ich wollte schon als Kind immer Asse schlagen, trainierte intensiv. Es ging mir dabei nie nur um die Geschwindigkeit, sondern auch um Variation und Strategie. Ausserdem braucht es Mut: Der Service ist der komplizierteste Schlag. Nicht unbedingt technisch, aber mental. Er ist so wichtig, weil man direkt punkten kann – gleichzeitig ist es der einzige Schlag, bei dem man zuvor viel Zeit zum Nachdenken hat. Stehen Sie mal in einem Grand-Slam-Final und versuchen Sie, einen Breakball mit einem Ass abzuwehren – vielleicht sogar mit dem zweiten Aufschlag. Dann wissen Sie, was ich meine. Welches ist Ihr Lieblingsplätzchen in Wimbledon? Der Centre-Court. Er ist das schönste Plätzchen der Welt. Es ist schwierig, darauf nicht gut zu spielen. Pflegten Sie damals abergläubische Rituale? Oh, ja. Stets denselben Platz in der Umkleidekabine und dieselbe Dusche, immer um dieselbe Zeit frühstücken, auf dieselbe Art die Tasche packen. Nicht auf diese Linie treten, nicht auf jene Linie treten – ich glaube, man kann sagen, dass ich viele Rituale pflegte. So viele, dass ich Kopfweh hatte von den Bemühungen, keines zu vergessen (lacht). Doch es half. Ich hatte gar keine Zeit, nervös zu werden. Warum ist Wimbledon speziell? Zunächst, weil auf Gras gespielt wird. Dann, weil Sie 50 beliebige Menschen fragen können, was Sie zum Thema Tennis wissen, und die meisten als Erstes Wimbledon sagen. Die Tradition, die Geschichte, das Schlangestehen der Fans, einfach alles. Man muss dort gewesen sein, um zu verstehen, was ich meine. Wenn man auf der Anlage von Wimbledon steht, spürt man die besondere Aura. Schliessen Sie die Augen: Dann sehen Sie sogar die Tennisgötter.Interview: Oliver Gut>

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