«Ich vermisse das Fingerspitzengefühl»

Oberried

Kurt Liechti war mit einem Motorboot auf dem Brienzersee, als er von der Seepolizei kontrolliert und wegen zwei Verstössen gebüsst wurde. Er hoffte auf Milde. Vergebens.

Kurt Liechti mit dem Motorboot seiner Vermieterin in Oberried am Brienzersee.

Kurt Liechti mit dem Motorboot seiner Vermieterin in Oberried am Brienzersee.

(Bild: Hans Urfer)

Längst vorbei sind die heissen Sommertage, an welchen eine gemütliche Bootsfahrt auf Thuner- und Brienzersee für Abkühlung gesorgt hatte. Nicht so schnell vergessen wird Kurt Liechti seine Fahrt vom 20. Juli, als er zusammen mit seiner Wohnungsvermieterin deren 8-PS-Motorbötchen von Oberried aus hinaus auf den Brienzersee steuerte.

Und auch heute kann er sich noch immer nicht erklären, warum sie beide die Schwimmwesten am Ufer liegen liessen. Kurz vor Iseltwald hielt denn prompt eine Patrouille der Seepolizei «Kapitän» Liechti an und machte ihn darauf aufmerksam, dass er den vorgeschriebenen Uferabstand nicht eingehalten hatte.

«Ich gab sofort zu, dass ich von dieser Vorschrift weiss, und gestand auch ein, dass ich die mitzuführenden Schwimmwesten nicht dabei hatte», erzählt der pensionierte Lehrer und Hobbykünstler in seiner 3½-Zimmer-Mietwohnung an der Hauptstrasse in Oberried.

Hoffnung war vergebens

Der Polizist habe ihn freundlich, aber bestimmt darauf aufmerksam gemacht, dass er nicht um eine Busse herumkommt. «Ich hatte mir erhofft, dass er Milde walten und es bei einer Verwarnung bewenden lässt, da ich ja kein Wiederholungstäter bin», sagt Liechti.

Dem war aber nicht so, denn Tage später flatterte die Bussenrechnung in Höhe von 540 Franken ins Haus. «Mit meiner kleinen Rente kann ich eine solch grosse Summe nicht einfach so auf den Tisch blättern», gibt Liechti zu Protokoll. Jedoch verzichtete er auf eine Anfechtung der Busse.

«Ich habe vor Jahren schlechte Erfahrungen gemacht, als ich nach einem Selbstunfall auf der Strasse gebüsst wurde und nach dem Einreichen einer Beschwerde die Busse noch um ein Vielfaches höher ausfiel.» Stattdessen schrieb er der Seepolizei – zuhanden des Polizisten – eine Mail und forderte ihn darin unter anderem auf, seine Berufsausübung «in selbstkritischer Art und Weise zu überdenken».

Ziel dieses «Feedbacks» sei gewesen, sagt Liechti Monate nach dem Vorfall, dass «vielleicht andere Seefahrende von etwas mehr Fingerspitzengefühl profitieren könnten». Eine Kopie des elektronischen Briefes ging unter anderem auch an Regierungsstatthalter Martin Künzi.

Nicht anders als auf Strasse

Dieser zeigt in seiner schriftlichen Rückmeldung an Kurt Liechti «Verständnis für Ihre schwierige finanzielle Situation», macht ihm aber unmissverständlich klar, dass es sich «bei einem Regelverstoss auf dem See grundsätzlich nicht anders verhält als bei einer Busse im Strassenverkehr».

Zudem überschätze Liechti den Einfluss des Statthalters, bei einer nach Liechtis Ansicht ungerechtfertigten Busse auf die Polizei einzuwirken. Dies würde, schrieb Künzi weiter, «nicht nur meine Kompetenzen übersteigen, sondern auch meinem Verständnis über das Funktionieren unseres Rechtsstaats widersprechen».

Brief der Kantonspolizei

Nun hat Liechti kürzlich auch Post vom stellvertretenden Kommandanten der Kantonspolizei Bern, Stefan Lanzrein, erhalten. «Unsere internen Abklärungen haben ergeben, dass es keinerlei Hinweise auf ein Fehlverhalten unseres Mitarbeitenden gibt.

Aus Sicht der Kantonspolizei Bern hat sich der betreffende Mitarbeitende korrekt und der Situation angemessen verhalten», hält Lanzrein schriftlich fest. Zudem hätte Liechti «im Rahmen des Beschwerdeverfahrens die Möglichkeit gehabt, Ihre in der Beschwerde vorgebrachten Einwände geltend zu machen».

Begleichung in Raten

Zum Schluss stellt Kurt Liechti klar, dass er sich keineswegs als Opfer der Justiz sieht und es ihm im Kern darum geht, an das Fingerspitzengefühl der Gesetzeshüter zu appellieren, damit diese sich in einzelnen Fällen auf den vorhandenen Spielraum besinnen, statt das Gesetz «ohne Pardon» anzuwenden.

Im Übrigen will der selbst ernannte «Gelegenheits-Süsswasserkapitän» aus Oberried die 540-Franken-Busse in Raten «abstottern».

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