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«Ich wäre eine schlechte Politikerin»

HerzogenbuchseeSie ist ein hochpolitischer Mensch und eine Kämpfernatur: Im Rahmen der Kreuzabend-

Bringen Sie am Mittwoch den Sommer nach Herzogenbuchsee? Dodo Hug: (lacht herzhaft) Den Sommer sicher nicht, aber vielleicht den Frühling. In unserem rein italienischen Duoprogramm «Sorriso Amaro» singen mein Partner Efisio Contini und ich Klagelieder der Arbeiterinnen aus der italienischen Po-Ebene. Ende März hat für sie jeweils die Ernte auf den Reisfeldern begonnen. Und der März ist nicht mehr so weit weg. Diese Arbeiterlieder stammen aus dem letzten Jahrhundert. Interessiert sich das Publikum heute noch für solches Liedgut? Ich staune bei jedem Konzert, wie gut das Publikum darauf reagiert. Diese Lieder widerspiegeln die Sehnsüchte und Hoffnungen von jungen Frauen in einer sehr harten Zeit. Es sind bittersüsse Melodien, echte Ohrwürmer, die immer noch sehr aktuell sind. Wie meinen Sie das? Heute sind es nicht mehr die Italienerinnen, die unter widrigsten Umständen ihr Geld verdienen müssen, sondern Menschen aus Afrika, Asien und den slawischen Ländern. Es sind die Schwächsten in unserer Gesellschaft – und an die möchte ich erinnern. Viele Schweizer sind sich nicht bewusst, dass es auch bei uns Zeiten gab, in denen man aus wirtschaftlichen Gründen auswandern musste. Weil es hier nicht genügend zu essen gab. Existenzängste plagen die Schweizer aber auch heute. Die Wirtschaftskrise macht sich immer stärker bemerkbar, viele Leute bangen um ihren Job. Trotzdem gibt es immer noch sehr viele Schweizer, die nur daran denken, möglichst schnell, möglichst viel Geld zu scheffeln. Das ist bedenklich. Bei uns will jeder am Computer sitzen und den ganzen Tag irgendetwas tippen. Niemand mag sich mehr zu den Arbeitern zählen. Das ist doch schlimm! Ein Beispiel: Im letzten Sommer waren in ganz Italien 400 Stellen in der Bäckereibranche vakant; bei einer Strassenumfrage sagten darauf 80 Prozent, sie würden sich nur ungern die Hände schmutzig machen, 20 Prozent gaben sogar an, sie würden sich lieber amüsieren. Vielleicht werden wir ja irgendwann virtuelles Brot essen Sie scheinen ein sehr politischer Mensch zu sein Ja, bin ich sicher. Aber ich wäre bestimmt eine schlechte Politikerin. Als Musikerin habe ich Talent und Leidenschaft und somit mehr Möglichkeiten, Menschen zu bewegen. All die Jahre als Künstlerin waren sehr prägend für mich. Zu vielen Dingen habe ich heute eine klare Haltung. Und was ich denke, das will ich auch sagen dürfen. Keine Ermüdungserscheinungen nach fast 40 Jahren Musik? Mein Job ist sehr abwechslungsreich, und die Abwechslung macht bekanntlich das Leben süss (schmunzelt). Ich habe meine Arbeit immer aus Leidenschaft gemacht und nie auf das Geld geschaut! Natürlich ist es schön, wenn man genug zum Leben hat. Aber Geld alleine macht nicht glücklich. Die Arbeiterinnen auf den Reisfeldern, von denen ich singe, hatten fast nichts – und doch sind ihre Lieder voller Lebensfreude. Etwas mehr Humor und Leichtigkeit – das wünsche ich mir auch für uns Schweizer. Interview: Stefan Schneider >

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