Bauern warnen vor mehr Pestizideinsatz

Der Bauernverband macht mit einer Studie gegen die Trinkwasserinitiative mobil. Die Vorlage lässt Subventionen nur noch für Landwirtschaftsbetriebe zu, welche ohne Pestizide arbeiten.

Der Bauernverband warnt vor der Trinkwasserinitiative, die Subventionen nur noch für ohne Pestizide arbeitende Landwirtschaftsbetriebe zulässt. Eine Annahme könnte sogar zu mehr Pestizideinsatz führen. Video: Keystone-SDA

Sein Stundenlohn würde sich um 50 bis 80 Prozent reduzieren. Das sagte der Limpacher Landwirt Urs Bürgi am Dienstag, als der Schweizer Bauernverband bei ihm eine Medienkonferenz durchführte. Bürgi gehört zu jenen elf Landwirten, die bei einer Studie der Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (Hafl) mitgemacht hatten.

Im Auftrag des Bauernverbandes untersuchte diese, welche wirtschaftlichen Folgen es hätte, wenn das Volk der Initiative «Für sauberes Trinkwasser» nächstes Jahr zustimmen würde. Diese will, «dass nur noch diejenigen Landwirtschaftsbetriebe mit Direktzahlungen oder Subventionen unterstützt werden, die keine Pesti­zide einsetzen, die in ihrer Tierhaltung ohne prophylaktischen Antibiotikaeinsatz auskommen und die nur so viele Tiere halten, wie sie ohne Futtermittelimporte ernähren können».

Künftig volle Pulle?

Er sei erschrocken, als ihm klarwurde, welche Auswirkungen die Einschränkungen auf seinem Milchwirtschafts- und Ackerbaubetrieb hätten, sagte Bürgi. «Ich hätte mehr Unkraut, mehr Arbeit, müsste mehr Maschinen einsetzen, hätte einen höheren Dieselverbrauch, mehr Krankheiten. Die Menge und die Qualität der Produkte würden abnehmen.» Bürgi konnte nicht eindeutig sagen, wie er reagieren würde. Entweder würde er weniger Ackerkulturen produzieren und einen Nebenerwerb suchen.

Oder er würde auf Direktzahlungen verzichten, aber im Gegenzug keine ökologischen Vorgaben mehr beachten und hemmungslos spritzen und düngen. «Bisher habe ich mir Mühe gegeben, ökologischer zu produzieren.» Dafür habe er Maschinen angeschafft, wie etwa eine Fräse, mit der er den Boden vor der Saat drei bis fünf Zentimeter tief aufschneiden und das Gras verhacken könne. So habe er den Glyphosateinsatz stark reduziert.

Zu wenig Futter

Bürgi wäre nicht der Einzige, der unter den von der Trinkwasserinitiative geforderten Bedingungen lieber auf Direktzahlungen verzichten würde, als seinen Betrieb auf die neuen Anforderungen auszurichten. Elf unterschiedliche Betriebstypen aus der ganzen Schweiz hat die Hafl für ihre Studie genauer unter die Lupe genommen. Dozent und Studienleiter Martin Puidoux fasste zusammen: Sechs Betriebe würden das heutige Direktzahlungssystem, das gewisse ökologische Leistungen verlangt, verlassen.

Obst- und Weinbauern könnten sich die Produktion ohne Pestizideinsätze nicht vorstellen. Geflügel-, Leghennen- und Schweinezüchter sähen sich ausserstande, die Vorgaben zu erfüllen, weil sie das benötigte Futter nicht oder nicht in genügender Menge auf dem eigenen Betrieb herstellen könnten.

Wobei nicht alle Aussteiger den Weg der Intensivierung wählen würden. Ein Mastpouletbetrieb in Wynigen würde auf heutigem Niveau weiterfahren, das Einkommen müsste aber mit einem Nebenerwerb aufgebessert werden.

Betriebsleiter, die hauptsächlich mit der Milchviehhaltung ihr Geld verdienen und bei denen die Direktzahlungen rund ein Viertel des Einkommens ausmachen, würden sich den neuen Anforderungen anpassen. Sie würden schon heute «relativ extensiv wirtschaften», steht in der ­Studie.

Gegen Gegenvorschlag

Martin Puidoux betonte, dass die Resultate nicht für die ganze Schweiz repräsentativ seien. Für den Bauernverband aber ist klar: «Die Initiative erzielt ein klassisches Eigentor», sagte Präsident Markus Ritter. Das Risiko von enormen Ertragsverlusten sei so gross, dass Landwirte auf Direktzahlungen verzichten würden.

Damit verfällt der Zwang, den ökologischen Leistungsnachweis zu erbringen. Produzieren sie weniger oder gar nicht mehr, müssten mehr Nahrungsmittel importiert werden. Dass diese unter Bedingungen produziert würden, die mit dem Schweizer Standard in Bezug auf Ökologie und Tierhaltung nicht mithalten könnten, liegt für Ritter auf der Hand. Er hofft deshalb, dass die nationalrätliche Kommission für Wirtschaft und Abgaben nächsten Donnerstag zuhanden des Nationalrats ein Nein zur Initiative beantragen und keinen Gegenvorschlag verlangen wird.

Jacques Bourgeois, Direktor der Bauernverbandes, wies auf den Aktionsplan Pflanzenschutz hin, der Belastungen verhindern soll. «Statt mehr Wasser in den Rhein zu schütten, sollte man die ganze Kraft daraufsetzen, all die bestehenden Massnahmen möglichst konsequent umzusetzen und zu kontrollieren.»

flo/sda

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