Bieler Miniteilchen für den Weltmarkt

Biel

Weltweit enthält etwa jedes zweite Armaturenbrett Teile der Bieler Firma Polydec. Das Unternehmen hat nun eine neue Leitung und neue Besitzer erhalten.

Rochade beim Mikrodrehteil-Hersteller: Pascal Barbezat (links) hat Claude Konrad als Chef von Polydec abgelöst.

Rochade beim Mikrodrehteil-Hersteller: Pascal Barbezat (links) hat Claude Konrad als Chef von Polydec abgelöst.

(Bild: Adrian Moser)

Julian Witschi

Die kleinsten Teile sehen aus wie Metallsplitter. Erst unter der Lupe erkennt man, dass es winzige Schrauben (nur zwei Millimeter lang) und andere Komponenten für Uhrwerke sind. Eine andere Spezialität der Bieler Polydec AG sind sehr dünne Prüfspitzen für Messgeräte, mit denen Mikroprozessoren getestet werden können. Der Durchmesser der Prüfspitzen beträgt bei den kleinsten weniger als 0,3 Millimeter. Zum Vergleich: Ein Haar ist knapp 0,1 Millimeter dünn.

Das kleine Pünktchen in der Mitte ist eine Komponente für ein Uhrwerk. Bild: Adrian Moser

Bei den Toleranzen ist Polydec noch präziser: «Wir arbeiten auf bis zu plus/minus zwei Tausendstelmillimeter genau», sagt der neue Firmenchef Pascal Barbezat. Seine Mitarbeitenden bearbeiten Drähte und Stangen auf Drehautomaten und stellen damit sogenannte Mikrodrehteile her. Polydec ist für den Unternehmerpreis Prix SVC Espace Mittelland 2019 nominiert.

Start als Zweimannbetrieb

Pascal Barbezat, zuvor Verkaufschef, hat das Unternehmen mit seinen 70 Angestellten auf Anfang 2019 gemeinsam mit dem Finanzchef Thierry Mathez übernommen. Einst war es ein Zweimannbetrieb: Claude Konrad gründete die Firma im Jahr 1985 zusammen mit seinem Cousin, dem Automechaniker Jean-François Konrad.

Er habe, erzählt Claude Konrad, nach der Ausbildung zum Feinmechaniker eigentlich mit seiner Frau für einige Zeit nach Indien gehen wollen. Doch sie hätten das Visum nicht erhalten. So sei er im Alter von 27 Jahren eher zufällig zum Unternehmer geworden. «Ich wollte eigenständig sein.»

Zusammen mit seinem Cousin kaufte er seinem Bruder, der das Décolletageunternehmen vom Vater hatte übernehmen können, fünf Drehmaschinen ab. Dies mit zwei Bankkrediten von je 15'000 Franken.

Wenn es nichts geworden wäre, hätte er problemlos als Feinmechaniker wieder einen Job finden können, sagt Konrad. Aber er und sein Cousin hatten den richtigen Riecher. Sie hatten gehört, dass ein Autoindustriezulieferer Teile für Armaturen suchte. Konkret: kleine Achsen für jene Mikromotoren, welche die Armaturenzeiger hochpräzis bewegen.

Mit ihren Drehmaschinen stellten die Jungunternehmer aus Metallstäben solche Mikroachsen her. «Mit hoher Präzision und grosser Lieferter-mintreue, was wichtig ist in der Autoindustrie, haben wir uns in dieser Nische auf dem Weltmarkt etablieren können», sagt Konrad. Sie konnten laufend ausbauen und erwarben die wichtigen Zertifikate in der streng reglementierten Autoindustrie.

Sechs Milliarden Stück

Heute enthält etwa jedes zweite Armaturenbrett auf der Welt Mikroachsen von Polydec. Die Firma stellt pro Monat 40 Millionen solche Achsen her. Insgesamt hat das Unternehmen seit der Gründung über 6 Milliarden Mikrodrehteile gefertigt.

Die meisten Maschinen laufen computergesteuert und rund um die Uhr. Die Pläne für alle Mikrodrehteile sind digital erfasst. Gut 40 Prozent des Umsatzes erzielt Polydec noch immer mit Achsen für Armaturenmotoren.

Allerdings dürfte dieses Stammgeschäft mit der zunehmenden Verbreitung von digitalen Geschwindigkeitsanzeigen in der Zukunft schrumpfen. «Bislang werden Digitalanzeigen zwar vor allem in teureren Fahrzeugen eingebaut.

Doch die Preise werden sinken und unsere Absätze hier kaum noch steigen», sagt Barbezat. Auch bei den Prüfspitzen spürt Polydec wachsende Konkurrenz, vor allem von Herstellern aus Asien. Der Umsatzanteil beträgt noch gut 10 Prozent. Detailliertere Zahlen nennt das Unternehmen nicht.

Wachsen will Polydec bei Mikrodrehteilen für die Uhrenindustrie, und ein neues Feld ist die Medizinaltechnik. Die Basis dafür ist gelegt. Bis vor drei Jahren kämpfte das Unternehmen mit Platzproblemen und musste auch mal einen Auftrag ablehnen.

Dann konnte es von der ehemaligen Metallfassadenherstellerin Hartmann + Co. das Gebäude in der Nähe der Stadien von Biel übernehmen. Von den 10'000 Quadratmetern mietet Polydec rund 4000 Quadratmeter, den Rest mieten andere.

Das Gebäude gehört nach wie vor den Firmengründern Claude und Jean-François Konrad. In einem Teil der Halle hat Claude Konrad seine Autos parkiert.Der 60-Jährige sammelt Oldtimer von General Motors respektive Opel, am liebsten solche, die noch in Biel gebaut worden sind. Mit Polydec hat er auch ein Stück der bewegten Bieler Industriegeschichte geschrieben.

Berner Zeitung

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