Der Kanton sucht neu Sonderschulplätze für Kinder

Die Berner Sonderschulen werden neu der Erziehungsdirektion unterstellt. Das schafft mehr ausgleichende Gerechtigkeit. Etwa für Eltern, die nicht mehr Schulplätze für ihre Kinder suchen müssen.

Bisher mussten in Bern die Eltern selbst nach einem Sonderschulplatz suchen. Neu soll das der Kanton übernehmen.

Bisher mussten in Bern die Eltern selbst nach einem Sonderschulplatz suchen. Neu soll das der Kanton übernehmen.

(Bild: Keystone/Symbolbild)

Ein Berner Sonderfall wird behoben: Die rund 60 Sonderschulen im Kanton sollen ab 2022 nicht mehr vier verschiedenen Behörden unterstellt sein, sondern wie in den meisten anderen Kantonen nur noch einer einzigen: der Erziehungsdirektion. Die kantonale Bildungsdirek­torin Christine Häsler (Grüne) präsentierte gestern an einer ­Medienorientierung eine entsprechende Änderung des Volksschulgesetzes, das nun bis ­Anfang Dezember in die Vernehmlassung geht. Es sieht insbesondere vor, die Sonderschulen künftig mit der Volksschule gleichzustellen.

Entlastung für Eltern

«Viele Betroffene freuen sich auf die Gleichstellung der Sonderschulen mit der Volksschule.»Christine Häsler, Erziehungsdirektorin Kanton Bern

«Viele Betroffene werden sich auf die Veränderungen freuen», erklärte Christine Häsler. Aus persönlicher Erfahrung und durch ehrenamtliche Tätigkeit im Behindertenbereich wisse sie, wie wichtig die rechtliche Gleichstellung der Sonderschulen mit der Volksschule sei, sagte die Regierungsrätin.

Was bringt die Gleichstellung? Vorab Chancengleichheit für rund 2700 handicapierte Schulkinder und ihre Eltern. Weil die Sonderschulen fortan als «besondere Volksschulen» gelten, ist der Kanton verpflichtet, den Eltern einen Platz für ihre Kinder anzubieten. Bis jetzt mussten die Eltern selber dafür sorgen, dabei erlebten sie auch, dass ihre Kinder abgewiesen wurden.

Um betroffene Kinder gemäss ihren körperlichen und kognitiven Fähigkeiten richtig einzustufen, durchlaufen sie neu ein «standardisiertes Abklärungsverfahren» auf den Stellen der kantonalen Erziehungsberatung. Erwin Sommer, Vorsteher des Amtes für Kindergarten und Sonderschule, beruhigte, dass es sich dabei nicht um eine bürokratische Diagnose handle. Vielmehr erfolge die Abklärung bei Bedarf gemeinsam mit den Eltern oder der Schule des Kindes.

Neu soll das pädagogische Angebot des Lehrplans 21 auch für die Sonderschulbildung gelten. Die Lernziele werden dabei den Fähigkeiten und Einschränkungen der Schülerinnen und Schüler angepasst. Ausgleichende Gerechtigkeit bringt das geänderte Volksschulgesetz auch für rund 600 Lehrpersonen an den Sonderschulen. Sie sind meist Angestellte privater Trägerschaften. Ihre Saläre werden nun finanziell gegen oben angepasst an das Niveau der staatlich angestellten Volksschullehrer.

Die Gleichstellung von Sonder- und Volksschulen bedeute aber nicht, dass noch mehr handicapierte Schülerinnen und Schüler die Volksschule besuchten, betonte Christine Häsler. Rund 550 Kinder nehmen derzeit, unterstützt von Heilpädagogen, am normalen Regelunterricht teil. Diese sogenannte Integration ist bei Eltern und Lehrkräften nicht unumstritten. «Wir behalten die bewährte Unterteilung in integrative und separative Schulung in bisherigem Umfang bei», versicherte Häsler.

Neue Talentförderung

Das neue Volksschulgesetz schafft überdies auch die rechtliche Grundlage, 550 sportlich oder musisch begabte Schulkinder in rund 20 Volksschulen im ganzen Kanton ein Förderprogramm durchlaufen zu lassen. Bis jetzt entschieden die Gemeinden, wer förderungswürdig ist. Weil das neu Sache des Kantons ist, herrscht auch in diesem Bereich mehr Chancengleichheit.

Wie viel die Umsetzung des geänderten Gesetzes kostet, konnte Häsler nicht exakt beziffern. «Als generelle Maxime wird Kostenneutralität angestrebt», sagte sie. Wenn sich die Zahl der Kinder in den Sonderschulen und Förderprogrammen erhöhe, werde das aber Mehrkosten zur Folge haben. Dass das Gesetz noch durch ein fakultatives Referendum gebremst wird, glaubt Erwin Sommer nicht. Man habe die komplexe Zusammenführung der zwei Schultypen 12 Jahre lang so detailliert geplant, dass der Schlussbericht vom Kantonsparlament mit 147 zu 0 Stimmen angenommen worden sei.

ske/sda

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