...der muss für immer schweigen

TT-Redaktor Marco Zysset zu den eidgenössischen Wahlen.

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Wenn in den letzten Tagen das Wahlmaterial für die eidgenössischen Wahlen vom 18.Oktober in die Briefkästen geflattert ist, ist sicher: Die Hälfte aller Stimm- und Wahlberechtigten wird die Unterlagen ungeöffnet in den Müll werfen – oder zumindest ungenutzt.

Manch einer ist der Meinung, wählen sei zu kompliziert. Schon allein, sich durch die Kandidatenlisten zu kämpfen, ist einigen zu viel abverlangt. Wenn dann noch vorgedruckte Listen und leere Formulare aus dem Couvert rutschen und es mit National- und Ständerat gleich zwei Kammern zu wählen gibt, ist bei vielen der Zug endgültig abgefahren – noch bevor sie bei «kumulieren» und «panaschieren» angelangt sind; zwei Tricks aus der Disziplin «Wählen für Fortgeschrittene».

Dann gibt es die Politverdrossenen. «Die z Bärn obe mache sowiso, was si wei», ist ein geflügeltes Wort in ihren Kreisen, generationen- und kulturübergreifend. Kein Stammtisch, kein «Chiller-Bänkli», kein Eisenbahnabteil, wo dieser Satz – bisweilen auch in leicht abgeänderter Form – nicht schon gesagt wurde. Selbstverständlich trifft er auch vollumfänglich zu. Solange mehr als die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger die Politiker machen lassen, was sie wollen, tun sie es auch.

Die Gruppe jener Nichtwählenden oder -stimmenden, die fest überzeugt ist, dass ihre Stimme nicht wichtig ist, hat sich in den letzten Jahren ein besonderes Hobby zugelegt: Sie zieht nach Wahlen oder Abstimmungen regelmässig auf prominente Plätze, vorzugsweise den Bundesplatz in Bern, um kundzutun, dass sie den Entscheid nicht goutiert, den die Mehrheit gefällt hat.

«Wir sind die anderen 49 Prozent», ist ihr Slogan – das zeugt von einem seltsamen Verständnis einer Demokratie, in der doch in der Bundesverfassung niedergeschrieben ist, dass die Entscheide von einer Mehrheit gefällt werden. Davon, dass eine Minderheit sagen soll, wos langgeht, steht da nichts.

Umso nachdenklicher müsste uns die Tatsache stimmen, dass es in Tat und Wahrheit schon lange eine Minderheit ist, welche die Geschicke der Schweiz bestimmt. Mit dieser Minderheit ist nicht etwa die obskure «Classe politique» gemeint, die manche Exponenten notabene ebendieser immer wieder brandmarken. Gemeint ist die Mehrheit jener Minderheit, die abstimmen und wählen geht.

Meist schwankt die Wahl- und Stimmbeteiligung zwischen 30 und 40 Prozent. Mit anderen Worten: Durchschnittlich macht kaum mehr als jede und jeder Dritte, die berechtigt wären, von diesem Recht Gebrauch. Wenn in der Folge moniert wird, «das Volk» habe entschieden, sind es faktisch nicht selten weniger als 20 Prozent ebendieses Volkes, welche den restlichen 80 Prozent sagen, wos langgeht.

Es ist nur schwer vorstellbar, dass diese faktische Diktatur einer Minderheit das war, was die Gründerväter unserer Demokratie anstrebten. Wehklagen und Jammern helfen freilich nicht, diesen Missstand – nennen wir es, was es ist – zu beheben.

Es gibt nur einen Weg, sicherzustellen, dass es wieder echte Mehrheiten sind, die an den Urnen entscheiden: Wenn die Menschen abstimmen und wählen gehen. Denn wer an der Urne nicht sprechen mag, der muss für immer schweigen.

PS: Allen, die das Wählen zuletzt vernachlässigt haben, sei www.easyvote.ch empfohlen. Die Website dient mit Tipps und Tricks.

Mail: marco.zysset@thunertagblatt.ch (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 03.10.2015, 13:35 Uhr

Marco Zysset, Redaktor «Thuner Tagblatt». (Bild: Andreas Blatter)

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