Der papierlose Grossrat

Jürg Iseli ist einer der wenigen Grossräte, die papierlos arbeiten. Seine Unterlagen findet der 53-jährige Meisterlandwirt auf einer App. Dort kann der SVP-Mann aus Zwieselberg auch Notizen einfügen – handgeschrieben.

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Eine orange App mit drei Würfelspielfiguren – das ist alles, was Jürg Iseli für seine Arbeit im Grossen Rat braucht. Der SVP-Politiker ist zurzeit Vizepräsident des Kantonsparlaments und einer der wenigen, die komplett papierlos arbeiten. Während der Grossteil der Parlamentarier jeweils einen oder gar mehrere dicke Ordner mit an Sitzungen und Sessionen schleppen, bringt der Oberländer Meisterlandwirt lediglich sein iPad mit. Geht es nach dem Ratsbüro, sollen ab 2022 alle Grossräte so wie Iseli arbeiten.

Wie genau das geht, zeigt Iseli am Küchentisch auf seinem Hof in Zwieselberg bei Thun: Der ­53-Jährige tippt auf die App des Grossen Rates und hat sogleich alle Unterlagen für die vergangene Septembersession bereit – Gesetzesentwürfe, Vorstösse, Anträge. «Auf der App sind sie kompakter und übersichtlicher geordnet, als wenn ich sie auf der Grossratswebsite abrufe», sagt Iseli. Ausserdem habe er so seine Unterlagen immer dabei – ausser wenn er weder WLAN noch Internetempfang habe, was auch schon vorgekommen sei. Zum Beispiel an einer Fraktionssitzung in etwas abgelegeneren Gebieten. Im Rathaus aber ist das kein Problem.

Aufgeschaltet werden die Dokumente, sobald die Regierung sie zuhanden des Grossen Rates verabschiedet hat. Iseli hat nur Einsicht in jene Unterlagen, die seine persönliche Ratsarbeit betreffen: die Grossratsdokumente, jene des Ratsbüros, jene des Ratspräsidiums und jene der Kommissionspräsidenten. Wäre er noch immer in der Finanzkommission (Fiko), hätte er auch auf diese Papiere Zugriff. Dieser wird individuell zugeschnitten. Am 30. Januar trat Iseli als Fiko-Präsident zurück, am 2. Februar war sein Zugang zu den Kommissionsunterlagen gelöscht.

Virtuelle Notizen

Die einzelnen Papiere kann Iseli als PDF speichern und weiter bearbeiten. So bietet die App ein Werkzeug, mit dem er Textstellen markieren kann, wie man es analog mit Leuchtstift tun würde. Ein weiteres Werkzeug ermöglicht es ihm, von Hand – etwa mit einem Stift – Notizen auf den iPad-Bildschirm zu schreiben, die dann im Dokument gespeichert werden. Solche Notizen kann er aber auch via Tastatur eingeben. Dann erscheinen sie im Dokument als Sprechblasen, auf die er tippen kann, um sie zu öffnen und das Notierte wieder zu lesen.

Angst, dass diese Notizen in ­falsche Hände geraten könnten, weil jemand etwa seinen Com­puter hackt, hat er nicht. Die App sei sehr sicher, dafür sorge das Ratsbüro. Selber hat er das iPad mit einem Code geschützt und würde sofort im Rathaus melden, wenn das Tablet gestohlen würde. So könnte sein Zugang rasch gelöscht werden.

Als Präsi wieder mehr Papier

Iseli arbeitet gern mit der App, sieht aber auch Verbesserungspotenzial. So wäre es praktisch, wenn man Anträge, die zu einem Gesetz gemacht werden, direkt zu ebendiesem Gesetz stellen könnte. Nun aber muss er ständig zwischen den beiden Dateien hin- und herwechseln. Deshalb geht er davon aus, dass er ab nächstem Juni vermehrt wieder mit Papier arbeiten wird. Dann ist Iseli Grossratspräsident und muss das Parlament bei Abstimmungen über Gesetze zügig und sicher durch die Anträge führen können. «Das geht wohl einfacher mit Papier», sagt er. Aber vielleicht finde sich noch ein Weg, diesen Punkt zu verbessern.

Die ersten Erfahrungen mit der App hat Iseli als Fiko-Präsident gemacht. Auch dort war er nicht komplett papierlos – den Voranschlag und den Geschäftsbericht zum Beispiel hatte er immer auch in der Printversion vor sich. «Bei so umfangreichen Dokumenten ist es einfacher, im Papier anstatt auf dem iPad zu blättern.»

Wo Wissen zu finden ist

Trotzdem ist Iseli überzeugt: «Für einen ganz normalen Grossrat ohne Sonderfunktionen ist diese App genau das, was er braucht.» Anfangs habe er befürchtet, die Benutzung sei kompliziert. Das sei aber nicht der Fall. Oft ist zu hören, dass sich gerade Landwirte schwertun mit der virtuellen Welt. Iseli versteht es, wenn ältere Kollegen Mühe haben – und auch, wenn lang­jährige Grossräte sich lieber nicht mehr auf die App-Version einlassen möchten. «Doch wir können uns dieser Entwicklung gar nicht entziehen», sagt er. Auf dem grossen Landwirtschafts­betrieb, den er zusammen mit seinem Zwillingsbruder führt, ist er für die Buchhaltung verantwortlich. Auch diese ist mittlerweile vor allem digital.

Der 53-Jährige Iseli ist zwar kein Digital Native. Seine drei Kinder aber schon. «Ich probiere nicht sehr gern aus, sondern wende lieber an. Wenn ich irgendwo nicht weiterweiss oder die Geduld verliere, helfen sie mir weiter.» Da halte er es ganz so wie jene, die mit der digitalen Welt aufgewachsen seien: «Wissen ist wissen, wo Wissen zu finden ist.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.10.2017, 08:41 Uhr

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