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Der «Taximörder» bleibt in Freiheit

Die Staatsanwaltschaft macht einen Rückzieher: Die stationäre Massnahme gegen einen 41-Jährigen wird nicht verlängert.

Der Fall des «Taximörder» wurde neu aufgerollt.
Der Fall des «Taximörder» wurde neu aufgerollt.
Symbolbild/Keystone

Zwanzig Minuten Bedenkzeit brauchte Staatsanwältin Gabriela Mutti am Dienstagmittag. Sie las noch einmal das Gerichtsprotokoll vom Vormittag durch mit den Aussagen von Gutachterin Carole Kherfouche. Dann stand für sie fest: Sie zieht ihre Beschwerde zurück. «Der bisherige Weg soll weitergegangen werden», sagte sie. Das Urteil des Regional­gerichts Bern-Mittelland vom 11. Januar bleibt bestehen.

Für einen 41-jährigen Mann aus der Region Bern bedeutet das: Er bleibt in Freiheit, die statio­näre Massnahme wird definitiv nicht verlängert.

Der Mord und das Urteil

Der Mann sass am Dienstag zum zweiten Mal innert fünf Monaten vor Gericht. Zum ersten Termin beim Regionalgericht war er noch als verurteilter Mörder erschienen mit der Aussicht auf baldiges Leben in Freiheit. Zwanzig Jahre zuvor hatte er in Thörishaus eine Taxifahrerin erstochen und die Tote geschändet. Im Jahr 2000 wurde er deswegen zu einer Freiheitsstrafe von 14½ Jahren und einer Verwahrung verurteilt.

Die Verwahrung wurde 2008 in eine stationäre therapeutische Massnahme umgewandelt und 2013 um fünf Jahre verlängert. Nun entschied das Regionalgericht im Januar, dass die Massnahme nicht verlängert wird. Der Mann leider nicht mehr unter einer schweren Persönlichkeitsstörung. Es gebe keine gesetzliche Grundlage für die Verlängerung der Massnahme mehr.

Dagegen erhob die Staatsanwaltschaft Beschwerde – auch, weil die kantonalen Bewährungs- und Vollzugsdienste sie dazu aufgefordert hatten. Die Dienste waren im Gegensatz zum Gericht der Ansicht, dass weiterhin eine schwere Störung vorliege.

Vom Gefängnis in die Freiheit

Und so sass der Mann am Dienstag abermals vor Gericht. Diesmal zwar als freier Mann, dafür mit der wenig verlockenden Perspektive, nach kurzer Zeit in Freiheit wieder ins Gefängnis gesteckt zu werden. Dabei, erzählte er wortgewandt, finde er sich in seinem Leben immer besser zurecht.

Von einem Tag auf den anderen wurde er am 22. Januar aus der Haft entlassen. «Am Anfang war es komisch.» Er hatte das Gefühl, dass ihm seine Geschichte auf die Stirn geschrieben sei. In kleinen Räumen mit vielen Menschen habe er sich unwohl geführt.

Aber er lernte, sich zurecht­zufinden, im Coop, in der Migros und im Internet. Er erfuhr, wie er zu einer Identitätskarte kommt, wie er zur Arbeitsvermittlung gelangt und wie zum Sozialdienst, auf den er nun aber nicht mehr angewiesen ist. Er fand einen Job, und im August will er auch noch eine Lehre beginnen.

Er lebt mit seiner Ehefrau zusammen, und zu einer Schwester hat er wieder Kontakt geknüpft. Er fahre Töff und spiele hin und wieder Minigolf, Drogen nehme er seit Jahren nicht mehr, sagte er. Und wenn es mal Streit gebe, ziehe er sich zurück und suche später das Gespräch. Der Gedanke an eine Haft? «Horror.»

Notfallszenario aufziehen

Doch es wurde bald klar, wohin die Reise geht. Die Gutachterin machte deutlich, dass sie wenig von einer Rückversetzung in den Strafvollzug hält. «Unmenschlich» wäre das, der Betroffene würde dies als verletzend empfinden, und für den weiteren Therapieverlauf wäre es womöglich kontraproduktiv.

Kherfouche zeichnete ein positives Bild des Mannes. «Er ist sehr bemüht, die Anforderungen zu erfüllen.» Als es beispielsweise zu einem Wechsel des Therapeuten gekommen sei, habe er sich auf den Neuen gut eingelassen, was nicht selbstverständlich sei.

Allerdings hänge die psychische Stabilität wesentlich vom Umfeld ab. «Solange er in ruhigen Gewässern segelt, ist die Prognose günstig.» Das Rückfallrisiko erhöhe sich aber in Stressmomenten. «Ich sehe eine Gefahr, wenn er sich in der Arbeit überfordert oder in der Beziehung Konflikte auftauchen.» Derzeit stütze er sich stark auf seine Ehefrau ab.

Deshalb regte die Gutachterin noch weiter gehende Therapien an. Ein Termin beim Therapeuten alle zwei Wochen reiche womöglich nicht aus. Mit einer «körperorientierten» Therapie könne er zudem lernen, mit Anspannungen besser umzugehen. Weiter riet sie dem Paar zu einer Eheberatung. Und auch ein genaues Notfallszenario sei nötig, um Krisen gut zu bewältigen.

Für Kherfouche wäre es auch sinnvoll, wenn der Mann die Lehre nur mit einem 90-Prozent-Pensum absolvieren würde, damit er mehr Zeit für die Therapien und Verarbeitung hat. «Es geht darum, einen Marathon zu überstehen», sagte die Gutachterin, «und das braucht Zeit.»

Vom Gefängnis in die Freiheit

Das Obergericht teilte die Empfehlungen der Gutachterin, wonach die Betreuung nun inten­siviert werden sollte. Das weitere Vorgehen liegt nun in der Hand der Bewährungs- und Vollzugsdienste.

Und so verliess der Mann den Gerichtssaal am Dienstag wieder als freier Mann. Er dürfe sich aber nichts erlauben, gab Oberrichterin Annemarie Hubschmid ihm zum Schluss mit auf den Weg. Sonst heisse es rasch: Zurück auf Feld eins.

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