Jetzt verlieren auch grosse Dörfer ihre Post

Im Kanton Bern gibt es derzeit noch 168 Poststellen. Nun ist klar: 76 Poststellen von ihnen droht in den nächsten drei Jahren die Umwandlung in eine Postagentur. Auch Dörfer mit über 4000 Einwohnern sind bei dieser Runde betroffen.

Diese Poststellen (rot) im Kanton sind gefährdet. Diese Poststellen (grün) erhalten eine Bestandesgarantie.

Stefan Schnyder@schnyderlopez

Die Post legt ihre Karten auf den Tisch. Thomas Baur, Leiter Poststellen & Verkauf, präsentierte am Dienstag in Bern die Liste derjenigen Poststellen im Kanton, deren Weiterbetrieb in Frage gestellt ist: 76 Poststellen sind von einer Schliessung bedroht (siehe Karte oben). Beschlossen ist zwar noch nichts, aber eine Umwandlung in eine Postagentur ist die wahrscheinlichste ­Variante. Es gibt aber auch gute Nachrichten: Die Post hat im gleichen Zug eine Liste von 92 Poststellen erstellt, deren Weiterbetrieb bis zum Jahr 2020 gesichert ist.

Mittlere Gemeinden betroffen

Waren in der Vergangenheit Poststellen in kleineren Gemeinden von einer Umwandlung betroffen, trifft es jetzt auch solche in grossen Dörfern. So wird der Weiterbetrieb der Poststelle in diversen Gemeinden mit über 4000 Einwohnern geprüft. Dazu gehören: Bolligen (6100 Einwohner), Fraubrunnen (4900), Aarwangen (4400), Bremgarten (4400), Kehrsatz (4200), Wichtrach (4100). Poststellen in der Stadt Bern sind auch von einer Schliessung bedroht. Es sind dies folgende Poststellen: Holligen, Kirchenfeld, Matte, Weltpostverein und Spitalacker.

Ihren Entscheid fasste die Post anhand von Kriterien wie Grösse der Gemeinde, Frequenz auf der Poststelle, Distanz zur nächsten Poststelle und Bedeutung als ­regionales Zentrum.

Immer weniger Kunden

Thomas Baur begründete den ­Abbau mit der Tatsache, dass ­immer weniger Menschen eine Postfiliale aufsuchen: «Jeder kann sich selbst fragen, wann er das letzte Mal auf der Post war», betonte er. Es gebe zwar noch eine beachtliche Zahl von ­Kunden, die ihre Einzahlungen mit dem ­Gelben Büchlein am Postschalter ­tätigten. Doch über alles gesehen sind die Frequenzen in den Postfilialen stark rückläufig. «Die Post hat sich in der Vergangenheit immer an die neuen Bedürfnisse angepasst. Wir wollen uns auch in Zukunft weiterent­wickeln», betonte Baur (Sehen Sie hier das Videointerview mit Thomas Baur).

Das neue Vorgehen

In der Vergangenheit hat die Post immer ein grosses Geheimnis ­daraus gemacht, welche Poststelle als nächste in eine Agentur umgewandelt wird. Wurden die Pläne dann publik, kam es in den Gemeinden zu einem Aufruhr.

Daraus hat die Post ihre Lehren gezogen. «Wir haben unser Vorgehen in der Kommunikation ­total verändert», betonte Baur. In einem ersten Schritt hat die Post die Liste der gefährdeten Poststellen dem Berner Regierungsrat präsentiert. «Dieser hat uns in der Folge gebeten, unsere Pläne den Regionalkonferenzen zu unterbreiten», erklärte Baur. Was darauf geschah.

Schliesslich hat die Post die Präsidenten der betroffenen Gemeinden mit einem Brief informiert. «Die Regionsverantwort­lichen der Post werden nun in Kürze mit ­ihnen Kontakt aufnehmen», sagte Baur zum weiteren Vorgehen. Und später sind Informationsveranstaltungen in den Gemeinden vorgesehen.

Umwandlung in eine Agentur

Baur versprach, dass die Post in allen Gemeinden, wo die Poststelle geschlossen wird, eine Umwandlung in eine Agentur anstrebt. Bei einer Agentur handelt es sich um eine Mini-Postfiliale in einem Dorfladen, einer Apotheke oder auf einer Gemeindeverwaltung. Sie bietet mit wenigen Abstrichen das gleiche Angebot wie eine Postfiliale. In einer Agentur ist es nicht möglich, mit Bargeld eine Einzahlung vorzunehmen. Oder einen Express-Brief ins Ausland zu verschicken. Auch Zahlungsbefehle können aus Diskretionsgründen nicht in einer Agentur abgeholt werden.

Baur ist zuversichtlich, dass es möglich sein wird, in allen betroffenen Gemeinden einen Agenturpartner zu finden. «Wir bringen einem Partner Frequenzen für sein Geschäft», sagte er. Auch ­finanziell ist der Betrieb einer Agentur interessant. Die Post bezahlt einen Fixbetrag. Zudem erhält der Betreiber eine Kommission auf dem erzielten ­Umsatz sowie eine weitere Abgeltung, wenn die Qualität stimmt. Ein Partner kann im Durchschnitt mit Zusatzeinnahmen von 20'000 bis 30'000 Franken im Jahr rechnen.

Am liebsten mit Läden

Heute gibt es im Kanton Bern bereits 112 Post-Agenturen. Schweizweit sollen es bis in drei Jahren 1200 bis 1300 sein. Zahlenmässig der wichtigste Partner der Post ist der Detailhändler Volg, der rund 300 Post-Agenturen betreibt. ­Detailhändler sind der bevorzugte Partner der Post: «Der Vorteil von Läden liegt ­darin, dass sie lange Öffnungszeiten haben», erklärte Thomas Baur.

In seiner Wohngemeinde Kirchlindach betreibe auch der Dorfladen eine Postagentur: «Die Öffnungszeiten sind heute länger als früher bei der Poststelle», so Baur. Aber auch Gemeindeverwaltungen kommen in Frage: «Diese leisten zwar eine sehr gute Arbeit. Aber die Öffnungszeiten sind relativ kurz», fügte er an. Weitere mögliche Partner sind Apotheken, Drogerien oder Tourismusbüros und sogar Hotels.

Abbau von 140 Stellen

Mit der Schliessung der Postfilialen verlieren zum Teil altgediente Postmitarbeiter ihre Stelle. Viele von ihnen sind emotional stark mit der Post verbunden. Laut Baur werden im Kanton Bern 140 Vollzeitstellen wegfallen. ­Dabei soll es aber zu keinen Entlassungen kommen. «Bei der Post gibt es in den nächsten Jahren viele Pensionierungen. Bei der Besetzung von Stellen werden ­interne Anwärter den Vorrang ­erhalten», betont Baur. Auch ein Wechsel in die Zustellung von Briefen und Paketen sei eine Option.

Berner Zeitung

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