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1,5 Millionen aufs falsche Pferd gesetzt

Ein Reitstallbetreiber muss sich wegen Betrug vor Gericht verantworten. Er hat bei Freunden und Bekannten Darlehen von über 1,5 Millionen Franken ­offen. Er gab vor, er werde aus einer ­Erbschaft und einem Kies­abbau viel Geld erhalten.

Vor dem Berner Wirtschaftsstrafgericht muss sich ein ehemaliger Reitstallbesitzer wegen Verdachts auf gewerbsmässigen Betrug und Urkundenfälschung verantworten.
Vor dem Berner Wirtschaftsstrafgericht muss sich ein ehemaliger Reitstallbesitzer wegen Verdachts auf gewerbsmässigen Betrug und Urkundenfälschung verantworten.

Seine finanzielle Lage ist miserabel. «Ich habe sicher über eine Million Franken Schulden. Den genauen Betrag kenne ich aber nicht», gab der 53-jährige Mann am Montag vor dem Wirtschaftsstrafgericht des Kantons Bern zu. Trotzdem bleibt er zuversichtlich. Denn er habe noch einen Trumpf in der Hand. Ein Kiesvorkommen auf einem Hof im Luzerner Hinterland, wo er aufgewachsen ist. Am Abbau sei er finanziell beteiligt.

Dieser sei lange blockiert gewesen, aber nun könne es bald losgehen, erklärte er. Die knapp 30 Darlehensgeber bleiben trotz dieser Äusserungen skeptisch, dass sie ihr Geld zurückerhalten werden. «Wir sehen sowieso kein Geld mehr. Der kann nicht bezahlen», meinte der Anwalt eines Privatklägers und verliess zusammen mit seinem Mandanten nach der Befragung den Gerichtssaal.

Ein angesehener Mann

Es ist die Geschichte eines ehemals angesehenen Mannes aus dem Kanton Luzern. Mehrere Jahre sass er im Kantonsparlament, als Gantrufer kann er gut reden. Nun sitzt er vor einem ­finanziellen Scherbenhaufen. ­Allein beim aktuellen Gerichtsverfahren wegen gewerbsmässigen Betrugs und Urkundenfälschung geht es gemäss Anklageschrift um eine Deliktssumme von 1,565 Millionen Franken.

Rund 30 Personen aus dem Bekannten- und Freundeskreis gaben dem Mann Darlehen. Er hatte zuerst im Kanton Solothurn und später in Mattwil TG einen Reitstall gepachtet. Er tischte immer eine ähnliche Geschichte auf. Er brauche dringend Geld, entweder um Pferde herauszulösen, den Pachtzins zu bezahlen oder um Investitionen in den Reitstall zu tätigen. Er verfüge gerade über keine flüssigen Mittel. Er werde aber in Kürze viel Geld aus einer Erbschaft, dem Kies­abbau oder einem Hofverkauf erhalten. Zum Beweis legte er ein Schreiben einer Gemeinde aus dem Luzernischen vor, das die Guthaben bestätigte.

Kompetenter Eindruck

Mit seiner überzeugenden Art und dem echt scheinenden Dokument wickelte er die Leute um den Finger. Ein Geschädigter bezeichnete den Angeklagten als zuvorkommend, nett und kompetenten Geschäftsmann. «Er machte einen guten Eindruck und redete wie ein Pfarrer», sagte ein anderer Privatkläger. Und ein weiterer Betroffener erklärte: «Er ist ein guter und glaubwürdiger Schauspieler. Er hat den Beruf verfehlt.»

Die Geschichten mit dem Kiesvorkommen und der Millionenerbschaft wirkten glaubwürdig. Ab 2013 bis Oktober 2016 erhielt er mehrere Darlehen über total gut anderthalb Millionen Franken. Zurückbezahlt hat er so gut wie nichts. Er habe sich «zur Täuschung besonderer Machenschaften bedient», heisst es in der Anklageschrift. Etwa auf sein Ansehen als ehemaliger Kantonsrat hingewiesen und blanke, gefälschte Betreibungsregisterauszüge vorgelegt.

Hohe Zinsversprechen

Keiner nahm Abklärungen vor, bevor er dem Mann das Darlehen gewährte. «Einem ehemaligen Kantonsrat sollte man doch vertrauen können», sagte einer der acht Privatkläger. Die ersten Nachforschungen machten sie erst, als die Rückzahlungen ausblieben. Die Betroffenen müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht gar leichtgläubig waren. Sie erhielten teils hohe Zinsversprechen. In einem Fall wollte der Angeklagte Darlehen in Höhe von 369'000 Franken innerhalb von zwei Wochen zurückzahlen, plus eine Zinszahlung von 81'000 Franken.

Verzichtsvereinbarung

Zurück zum möglichen Kies­abbau im Luzerner Hinterland. Der Angeklagte beharrte darauf, dass er gemäss einem Vertrag Geld aus dem Kiesabbau erhalten werde. Auf diesem Standpunkt blieb er auch, nachdem ihm die Gerichtspräsidentin eine beurkundete Vereinbarung mit einer Abbaufirma vom Mai 2014 vorgelesen hatte. Darin bestätigte er, dass ihm von niemandem mehr etwas zustehe. «Es besteht ein zweiter Vertrag mit einer anderen Firma», behauptete er weiterhin.

Der Mann hat schon seit Jahren finanzielle Probleme. So bestehen jene Verlustscheine. Allein zwischen Mai und Dezember 2014 häuften sich im Kanton Solothurn Betreibungen in Höhe von 640'000 Franken an. Er wurde wegen betrügerischen Konkurses bereits ­einmal verurteilt.

Dazu kommen Strassenverkehrsdelikte. So brummte ihm das Zürcher Obergericht im letzten Jahr eine achtmonatige unbedingte Haftstrafe auf. Alkoholprobleme – er war zweimal zum stationären Entzug – und eine Spielsucht – er liess sich selbst in den Schweizer Casinos sperren – trugen das ­Ihrige zum tiefen Fall des einst ­angesehenen Kantonspolitikers bei.

Die Mehrheit der Darlehen wurde in den Kantonen Luzern und Thurgau gewährt. Weil aber die erste Strafanzeige im Kanton Bern eingereicht worden war, von einem Mann aus der Region Huttwil, führt die Berner Justiz das Verfahren. Heute Dienstag geht die Befragung des Angeklagten weiter. Das Gericht wird das Urteil am Freitagnachmittag eröffnen.

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