Junge Bergführer dringend gesucht

Finanzielle Unsicherheit, ewiges Umherreisen: Immer weniger Leute wollen als Bergführer arbeiten. Der Berner Bergführerverband versucht mit Nachwuchsförderung Gegensteuer zu geben.

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Links und rechts geht es hundert Meter in die Tiefe. Der Grat ist gerade mal breit genug dafür, beide Füsse nebeneinander zu platzieren. Schritt für Schritt geht es vorwärts in Richtung Berggipfel. Der Gast hinten, der Bergführer vorn. Gesichert am kurzen Seil, sodass der Profi eine falsche Bewegung des Nachsteigers, etwa einen Stolperer, augenblicklich mit einem geschickten Zug kor­rigieren kann.

Solche oder ähnliche Situationen stellen sich die zehn Teil­nehmer des Nachwuchsförderkurses des Berner Bergführerverbandes an diesem grauen Morgen in Grindelwald vor. In Zweier­seilschaften laufen sie durch das Geröllfeld unterhalb des Oberen Grindelwaldgletschers, klettern über Felsblöcke und üben das ­sogenannte Gehen am kurzen Seil in absturzsicherem Gelände.

Klassenlehrer und Bergführer Manuel Gilgien ist noch nicht zufrieden. «Es gibt Dinge, die verbessert werden müssen», sagt er und ruft die jungen Männer zurück. Zusammen mit einem Kursteilnehmer demonstriert er die richtige Ausführung. Wie viel Seil wird ausgegeben? Auf welcher Seite des Bergführers verläuft dieses? Welche Hand macht was?

Rückläufige Zahlen

Spätestens in vier Jahren muss jeder Griff sitzen. Dann nämlich wird ein möglichst grosser Teil der Anwesenden die Ausbildung zum Bergführer absolviert haben. Das jedenfalls hofft Reto Schild aus Hasliberg. Er ist beim Schweizer Bergführerverband technischer Leiter der Ausbildung und organisiert im Kanton Bern die Nachwuchskurse. Das Ziel dabei: Den jungen Frauen und Männern den Beruf des Bergführers näherbringen und sie optimal auf die dreijährige Ausbildung sowie den Eintrittstest vorbereiten.

Denn die Schweizer Bergführer haben ein Problem. Jahr für Jahr werden zu wenig Berufskollegen ausgebildet. Während in den 1990er-Jahren noch rund 30 bis 40 Leute jedes Jahr die Ausbildung ab­solvierten, sind es seit rund zehn Jahren noch 20 bis 30. Das hat zu einer Überalterung der Bergführer geführt. «Das Durchschnittsalter der rund 1300 Verbandsmitglieder ist eher bei 60 als bei 35 Jahren», sagt Schild.

Und nicht nur die Ausbildungszahlen sind rückläufig. Auch die Anzahl hauptberuflich tätiger Führer nimmt ab. Derzeit geht Schild von rund 100 bis 150 Personen schweizweit aus, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen können. Da aber gerade in der Hauptsaison im Sommer und im Winter die Nachfrage nicht gedeckt werden kann, sind in den Schweizer Alpen viele ausländische Bergführer unterwegs. Sie haben jedoch zum Teil nicht dasselbe Ausbildungsniveau wie die hiesigen Berufskollegen – gerade beim «Gehen am kurzen Seil».

Finanzielle Unsicherheit

Die Gründe für das abnehmende Interesse sind vielschichtig. Schild nennt insbesondere die ­finanziellen Unsicherheiten als massgebenden Faktor. «Aufgrund der unattraktiven Löhne und der durch Schlechtwetter bedingten Ausfälle wird es für Bergführer immer schwieriger, eine Familie zu ernähren», sagt er.

Die ausländische Konkurrenz hat die Preissituation zusätzlich verschärft. Ein Führer aus Italien etwa kann eine Tour in der Schweiz günstiger anbieten als einheimische Berufskollegen. Und: «Für ausländische Bergführer sind die von den Schweizer Bergsteigerschulen bezahlten Löhne sehr attraktiv im Verhältnis zu den Verdienstmöglichkeiten im eigenen Land», sagt Schild.

«Es wird für Bergführer immer schwieriger, eine Familie zu ernähren.»Reto Schild

Hinzu komme, dass es sich um einen saisonalen Job handle und viele Bergführer auf einen Zusatzverdienst angewiesen seien. Das war zwar schon immer so. Aber heute müsse man aufgrund des Klimawandels und des auftauenden Permafrosts flexibler sein. Auch das Verhalten der ­Gäste habe sich verändert. Die Buchungen kämen heute kurzfristiger.

Und: «Als selbstständiger Bergführer muss man sich möglichst rasch eine Stammkundschaft aufbauen», so Schild. Das sei aber etwa aufgrund der verstärkten Konkurrenzsituation durch das Internet schwieriger geworden. Hinzu komme auch das beträchtliche Berufs­risiko. Aus all diesen Gründen würden viele ausgebildete Bergführer früher oder später wieder in ihren angestammten Beruf wechseln (siehe Kasten «Aussteigerin»).

Kritik an der Ausbildung

Abschreckend für künftige Berufsleute kann aber auch bereits die Ausbildung wirken. So sind ehemalige Ausbildner der Meinung, diese sei heute zu komplex aufgebaut und mit knapp 30'000 Franken sehr kostspielig. Und auch die Anforderungen seien mittlerweile zu hoch. Tatsächlich interessieren sich jedes Jahr rund 50 bis 60 Personen für den Lehrgang. 20 scheitern bereits beim Eintrittstest, weiter 20 geben im Lauf der drei Jahre auf. In der Szene geht deshalb mancherorts die Befürchtung um, dass sich die Bergführer noch selber abschaffen würden, wenn sie so weitermachten.

Dass der hohe Preis und die Dauer der Ausbildung ein Problem sein können, zeigt sich beim Nachwuchskurs in Grindelwald. «Auch ich habe mir lange überlegt, ob ich das tatsächlich will», sagt etwa Florian Bowee (28). Aufgrund des hohen Zeitauf­wandes habe er bei seinem Job in einer Gartenbaufirma das Pensum auf 50 Prozent reduzieren müssen. So kämen zu den Aus­bildungskosten auch noch Einkommenseinbussen hinzu.

Trotzdem will Bowee Berg­führer werden. Wie für viele andere geht es auch ihm um Herzblut und Leidenschaft. «Bergsport war für mich lange Zeit primär eine Selbstverwirklichung. Jetzt möchte ich auch etwas weitergeben und mein Hobby zum Beruf machen.» Nicht abschrecken lässt er sich von den schwierigen Arbeitsbedingungen, den langen Tagen, dem Umherreisen. «Mich reizt diese Ungewissheit. Solange ich kann, will ich mein Leben flexibel gestalten.»

Flexibel sein

Reto Schild ist sich bewusst, dass viel Zeit und Geld in die Berg­führerausbildung investiert werden muss. Der Verband versuche aber die Kosten so tief wie möglich zu halten. Zudem beteilige sich ab diesem Jahr der Bund mit bis zu 9500 Franken pro Person daran. Nichtsdestotrotz waren die Kosten vor zwanzig Jahren mit 20'000 Franken noch rund ein Drittel tiefer. «Es gab aber auch deutlich weniger Ausbildungs­tage. Unter dem Strich bezahlt man heute nicht mehr als früher.»

Und das verlangte Niveau runterzuschrauben, nur damit die Abschlusszahlen steigen, kommt für Schild nicht infrage. «Nur mit unserer hohen Qualität können wir uns gegenüber der ausländischen Konkurrenz abgrenzen und die höheren Preise rechtfertigen.» Zudem sei der Beruf einfach zu heikel dafür, beim Ausbildungsniveau Kompromisse einzugehen.

«Bergsport war für mich lange Zeit primär eine Selbstverwirklichung. Jetzt möchte ich auch etwas weitergeben.»Florian Bowee

Für Schild führt der Weg in die Zukunft vielmehr über eine gezielte Nachwuchsförderung. Die vom Berner Bergführerverband angebotenen Vorbereitungskurse sind dabei nur ein Puzzlestück. «Wichtig sind insbesondere auch die regionalen Jugendorganisationen des Alpen-Clubs.» Wenn diese gut aufgestellt seien, kämen die Kinder und Jugendlichen schon früh mit dem Bergsteigen in Kontakt, und man könne ihr Interesse für den Beruf wecken.

Das sei massgebend. Denn: «Viele Bergführer, die über eine längere Zeit im Beruf tätig sind, konnten sich bereits in jungen Jahren etablieren», sagt er. Dann haben sie noch keine Verpflichtungen, kommen mit weniger Geld über die Runden und können sich eine Basis erarbeiten. «Das ist für ältere Leute schwieriger, die bereits ein Haus oder eine Familie haben.»

Langer Weg

Wie viele von den zehn Teilnehmern des Kurses in Grindelwald die Ausbildung dereinst tatsächlich absolvieren, ist noch unklar. Während sich Florian Bowee längst entschieden hat, ist das für andere noch offen. Den Vorbe­reitungskurs schätzen aber alle. Für manche ist es eine Standortbestimmung des eigenen Könnens, für andere eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen.

Mittlerweile steht die Gruppe auf einem stark abschüssigen Felsband. Einer nach dem anderen sichert sich mit einem Klettersteigset an einem Seil und versucht möglichst stabil und aufrecht den Abstieg durch die Felsen hinter sich zu bringen. Nicht bei allen sieht es so sicher aus, als dass man als Gast mit dabei sein möchte. Spätestens jetzt ist klar: Für manche dürfte es noch ein weiter Weg zum Bergführer sein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.07.2018, 06:09 Uhr

Bergführer aus der EU

Strengere Regeln

Wer in der Schweiz Risikoakti­vitäten wie Bergsteigen, Alpinwanderungen oder Klettersteige kommerziell anbietet, benötigt eine Bewilligung. Ausnahme bildeten bisher Bergführer aus der EU. Wenn sie nicht mehr als zehn Tage pro Jahr in der Schweiz arbeiteten, mussten sie keine Bewilligung beim Bund beantragen. Diese Sonder­regelung will der Bundesrat nun abschaffen, da sie sich nicht bewährt habe. Denn für die Vollzugsbehörden sei nicht überprüfbar, ob sich die einzelnen Anbieter an die Frist von zehn Tagen halten oder nicht. Zudem will der Bundesrat so die Sicherheit der Gäste erhöhen. Mit der Meldepflicht vom ersten Tag an könne auch die benötigte Qua­lifikation der Bergführer besser überprüft werden, heisst es. Der Schweizer Bergführerverband begrüsst die Anpassung. Die neue Verordnung soll 2019 in Kraft treten.

Aussteigerin

Die wenigsten ausgebildeten Bergführer bleiben bis zum Pensionsalter im Job. Viele wechseln früher oder später wieder in ihren angestammten Beruf. So auch Sina Böckli. Die 36-Jährige aus Uetendorf hat ihre Bergführerausbildung 2013 abgeschlossen. Mehrere Jahre arbeitete sie von Februar bis August als Bergführerin und von September bis Januar als Maschineningenieurin. 2016 entschied sie, voll aufs Bergführen zu setzen. Seit Anfang 2018 ist sie jedoch wieder 80 Prozent als Ingenieurin tätig und nur noch 20 Prozent beruflich in den Bergen.


Nur noch Teilzeit-Bergführerin: Sina Böckli.

Ausschlaggebend dafür waren mehrere Gründe. «Während der Hauptsaison ist man wochenlang unterwegs oder kommt nur kurz nach Hause, um am nächsten Tag wieder früh­morgens zu starten», sagt Böckli. Da komme das Zusammensein mit Familie und Freunden zu kurz. Auch sei man von morgens bis abends mit den Gästen zusammen. «Gegen Ende Saison wünschte ich mir oft, ein paar Stunden allein zu sein und zu tun, was ich wollte.» Zudem vermisste sie das Bergsteigen mit Freunden. Dafür habe sie kaum mehr Zeit gefunden. «Wenn die Verhältnisse gut sind, ist man mit Gästen unterwegs. Eigentlich bin ich aber Bergführerin geworden, weil ich so gern selber Touren machte.» Und schliesslich gefalle ihr auch der Job als Ingenieurin. «Man sollte nicht längere Zeit weg vom Beruf sein, um den Anschluss nicht zu verlieren.» Bergführer zu sein, be­anspruche den Körper enorm. «Nur die wenigsten können das jahrzehntelang machen.»

Teilzeit als Bergführerin zu arbeiten, erachtet sie als ideal. «Es braucht in der Hauptsaison viele Führer. In der Zwischensaison ist die Nachfrage begrenzt.» Mit einem zweiten Standbein habe sie nun den Fünfer und das Weggli.

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