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Privatschulen greifen KV-Schule an

Die Wirtschafts- und Kaderschule des Kaufmännischen Verbandes Bern verzerre dank Kantonsgeldern den Wettbewerb. Das kritisiert die private Konkurrenz.

Die Wirtschafts- und Kaderschule Bern bietet neben der subventionierten KV-Grundbildung auch eine Handelsschule und Weiterbildungen an.
Die Wirtschafts- und Kaderschule Bern bietet neben der subventionierten KV-Grundbildung auch eine Handelsschule und Weiterbildungen an.
Stefan Anderegg

Als Markus Fischer den kürzlich veröffentlichten Geschäftsbericht der Wirtschafts- und Kaderschule (WKS) des Kaufmännischen Verbandes Bern sah, staunte er nicht schlecht. Anders als in den Vorjahren werden darin nur noch Umsatz und Anzahl Lek­tionen ausgewiesen, weitere Finanzzahlen fehlen gänzlich. «Mit dieser Intransparenz macht sich die Schule zusätzlich verdächtig», sagt der Sekretär der Interessengemeinschaft Bernischer Privatschulen (IGBP).

Für Fischer ist denn auch klar, weshalb die zu einem grossen Teil durch den Kanton finanzierte Bildungsinstitution weniger Zahlen ver­öffentlich als bisher: Er vermutet, dass die WKS von einer unrechtmässigen Quersubventionierung profitiert und so einen massgeblichen Vorteil gegenüber der privaten Konkurrenz hat.

«Mit dieser Intransparenz macht sich die Schule zusätzlich verdächtig», findet Markus Fischer (IGBP). Bild: Susanne Keller
«Mit dieser Intransparenz macht sich die Schule zusätzlich verdächtig», findet Markus Fischer (IGBP). Bild: Susanne Keller

Die Anschuldigungen sind das Resultat eines jahrelangen Streits zwischen der IGBP und der WKS. Seinen Anfang nahm dieser 2010. Damals erhielt die für ihre kaufmännische Grundbildung vom Kanton mit 30 Millionen Franken pro Jahr subventionierte WKS die Bewilligung, künftig in einer AG auch eine Handelsschule anzubieten. Dieser Markt war vor 2010 allein in der Hand von Privatschulen wie Akad, Minerva, Feusi oder Bénédict.

Entsprechend liess die Kritik nicht lange auf sich warten. Wenn eine subventionierte Schule nicht subventionierte Ausbildungen anbiete, bestehe die Gefahr einer Wettbewerbsverzerrung, monierten die Privatschulen.

Entschädigung ist vorhanden

In den folgenden Jahren sah Fischer seine Befürchtungen bestätigt. Im Juni 2016 wandte sich die IGBP schliesslich schriftlich an Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) und legte ihm ­vermeintliche Beweise vor. Demnach würde der WKS-Verein, der sich um die traditionelle Grundbildung kümmert und damit vom Kanton finanziert wird, der AG viel zu tiefe Kosten für die Schulräume oder den Verwaltungs- und Informatikaufwand verrechnen. Dies belegte die IGBP mit Zahlen aus dem Geschäftsbericht 2014. Als Resultat könne die AG «mit viel tieferen Schulgeldern» am Markt auftreten.

Pulver schrieb in seiner Antwort, die von der WKS publizierten Zahlen seien unvollständig und könnten tatsächlich «missverständlich interpretiert» werden. Er habe die Publikation bei der Schule beanstandet. Eine nähere Prüfung der Subventionsabrechnung habe aber ergeben, dass nicht von einer Quersubventionierung gesprochen werden könne, die nicht gesetzeskonform wäre.

Denn zwischen Kanton und WKS sei eine Abgeltung von Kosten verhandelt worden, die in den publizierten Zahlen nicht ersichtlich sei. Demnach bezahlte 2014 die AG dem Verein 69 Franken pro Lektion als Entschädigung für die Räume, die Reparaturkosten und Ähnliches.

Schliesslich habe das Mittelschul- und Berufsbildungsamt auch einen Benchmark der Studienkosten durchgeführt. Das Resultat: Bei der WKS AG würden die Gebühren «mit wenigen Ausnahmen» höher liegen als bei der Konkurrenz. Somit liege keine Wettbewerbsverzerrung vor.

Vorteile existieren

Bei den bernischen Privatschulen hat die Antwort von Pulver nichts an deren Meinung geändert. «Die Verrechnung von 69 Franken pro Lektion für Raum- und Sachkosten entspricht in keinster Weise der Kostenwahrheit», sagt Fischer. Bei anderen Privatschulen ohne grosse staatliche Unterstützung betrügen diese Kosten rund das Doppelte.

Zudem werde der AG nur jene Zeit in Rechnung gestellt, während deren sie die Räume auch tatsächlich nutze. «Das sogenannte Fixkostenrisiko, das für private Unternehmungen schwierig zu handhaben ist, fällt somit weg», sagt Fischer. Denn die Fixkosten seien ja via Subventionen bezahlt. Profitieren würde die WKS-AG schliesslich auch vom Namen, den sich die Schule jahrzehntelang mit der Grundbildung erworben habe. Allein der Auftritt unter der gleichen Marke sei wettbewerbsverzerrend, findet Fischer.

Auf Nachfrage streitet Theo Ninck, Vorsteher Mittelschul- und Berufsbildungsamt, nicht ab, dass die AG in manchen Bereichen tatsächlich von der subventionierten Grundbildung profitiert. «Es gibt immer Unschärfen», sagt er – und nennt das Beispiel der Raumkosten. Für die Grundbildung seien Schulräume notwendig, die eine minimale Grösse hätten und gut ausgerüstet seien. Für Weiterbildungen hingegen sei das nicht nötig.

«Somit kann der Verein der AG nicht die effektiven Kosten in Rechnung stellen. Sonst würde sie sich billigere Räume suchen», so Ninck. Daran habe der Kanton aber kein Interesse. Die Räume der WKS sollten möglichst aus­gelastet sein. «Wäre dies nicht der Fall, müssten wir die Subventionen erhöhen, weil die vollen Raumkosten beim Verein anfallen würden.»

«Es gibt immer Unschärfen», beschwichtigt Theo Ninck, Vorsteher des kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamt. Bild: Christian Pfander
«Es gibt immer Unschärfen», beschwichtigt Theo Ninck, Vorsteher des kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamt. Bild: Christian Pfander

Von ungleichlangen Spiessen will Ninck trotzdem nicht sprechen. «Für uns zählt die Antwort auf die Frage nach der Wettbewerbsverzerrung», sagt er. Und eine solche läge ja eben nicht vor, das habe der Benchmark gezeigt.

Gewinn fliesst in die Bildung

Auch am neusten Geschäftsbericht hat Theo Ninck nichts auszusetzen. «In der Publikation der Finanzzahlen ist die WKS frei, da sie keine börsenkotierte AG ist», sagt er. Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass im Verein rund 90 Prozent der Einnahmen über Subventionen vom Kanton stammen würden.

Zudem würden auch Privatschulen wie die Feusi keine oder nur wenige Zahlen veröffentlichen, ­obschon auch sie bei einzelnen Bildungsgängen subventioniert würden. «Man sollte die privaten Trägerschaften mit gleichen Ellen messen.» Ninck betont zudem, dass der Kanton vollen Einblick in die WKS-Zahlen habe und diese jedes Jahr überprüfe.

Bei der WKS selbst begründet man den Verzicht auf die Ver­öffentlichung der Finanzzahlen mit der Komplexität. «Wie die Vergangenheit gezeigt hat, werden die Zahlen sowieso falsch interpretiert», sagt Direktor Christian Vifian. Die verrechneten 69 Franken pro Lektion aus dem Jahr 2014 seien zudem bereits wieder überholt. Auch er ­betont, dass die Schule «vertraglich» nichts falsch gemacht habe – und gibt trotzdem zu: «Bei der Verrechnung der Raumnutzung haben wir geringere Kosten.»

Vifian sieht darin aber kein Problem. Denn weder die AG noch der Verein sind im Besitz eines privaten Aktionärs. Hinter beiden steht der Kaufmännische Verband. «Somit fliesst jeder Franken Gewinn wieder in die Bildung», sagt Vifian. Er betont zudem, dass auch die subventionierte Grundbildung von der privaten Weiterbildung profitiere. «Die AG hat in den letzten Jahren sehr viel Geld in die Infrastruktur investiert, etwa in ein neues WLAN-Netz, und dadurch den Kanton entlastet.»

«Wie die Vergangenheit gezeigt hat, werden die Zahlen sowieso falsch interpretiert», sagt WKS-Direktor Christian Vifian. Bild: zvg
«Wie die Vergangenheit gezeigt hat, werden die Zahlen sowieso falsch interpretiert», sagt WKS-Direktor Christian Vifian. Bild: zvg

Finanzkontrolle wird aktiv

Welche Partei nun tatsächlich recht hat, dürfte sich bald klären. Die Erziehungsdirektion hat die Finanzkontrolle angewiesen, die Subventionierung der WKS unter die Lupe zu nehmen. Das sollte ursprünglich bereits in diesem November geschehen. Aus Kapazitätsgründen wurde die Überprüfung aber auf 2018 verschoben.

Laut Fischer will die Interessengemeinschaft der Bernischen Privatschulen erst einmal diesen Bericht abwarten. Für ihn ist aber schon jetzt klar: «Gleich lange Spiesse würde nur eine Kalku­lation der Kosten aufgrund der für die privaten Mitbewerber geltenden Rahmenbedingungen schaffen.»

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