Berner Spitäler bezahlen 9 Millionen Franken fürs Kleiderwechseln

Die öffentlichen Spitäler im Kanton Bern bezahlen ihren Angestellten künftig eine Pauschale für die Umkleidezeit vor Ort. Die Sozialpartner konnten sich auf einen Kompromiss einigen.

Wer im Spital arbeitet, muss Arbeitskleidung tragen. Nun wird die Umkleidezeit in Berner Spitälern vergütet. (Symbolbild)

Wer im Spital arbeitet, muss Arbeitskleidung tragen. Nun wird die Umkleidezeit in Berner Spitälern vergütet. (Symbolbild)

(Bild: iStock)

Marius Aschwanden

Muss sich eine Ärztin, ein Krankenpfleger oder eine Reinigungskraft für ihre Arbeit im Spital umziehen, geschieht dies heute ausserhalb der regulären Arbeitszeit. Dagegen wehren sich Personalverbände und Gewerkschaften seit längerem. Unterstützung erhalten sie vom Bund. Denn das Staatssekretariat für Wirtschaft vertritt eine klare Haltung: Ist das Umkleiden am Arbeitsplatz für den Job notwendig, gelte die dafür benötigte Zeit als Arbeit. Das Problem: Viele Kliniken halten sich nicht daran.

Im Kanton Bern haben sich die öffentlichen Spitäler und Gewerkschaften nun aber auf eine Lösung im Rahmen des Gesamtarbeitsvertrags geeinigt. Ab April erhalten die betroffenen Mitarbeiter eine Entschädigung für die Umkleidezeit. Bei der Insel-Gruppe gibt es künftig bei einer 100-Prozent-Stelle pro Monat 60 Franken, bei den übrigen öffentlichen Spitälern 50 Franken. Die Differenz erklärt sich durch die längeren Wege beim Unispital, wie aus einer gemeinsamen Medienmitteilung der Sozialpartner hervorgeht.

Alle erhalten gleich viel

Janine Junker ist zwar erfreut, dass eine einvernehmliche Lösung gefunden werden konnte. Trotzdem spricht die Geschäftsführerin des Verbands Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSAO) von einem Kompromiss. Sie sagt: «Es ist eine Pauschale. Manche Arbeitnehmer müssten etwa aufgrund von unterschiedlichen Wegen und Garderobenkonzepten mehr erhalten, manche weniger.» Entsprechend hätte sie es begrüsst, wenn die Umkleidezeit tatsächlich als Arbeitszeit anerkannt worden wäre. Trotzdem kann Junker der Pauschale auch ihr Gutes abgewinnen. «Die Lösung ist einfach umsetzbar. Zudem bekommt nun eine Putzfrau fürs Umkleiden gleich viel wie ein Oberarzt. Das ist fairer, als wenn die Zeit in der Garderobe zur Arbeitszeit gezählt wird.»

«Eine Putzfrau bekommt fürs Umkleiden gleich viel wie ein Oberarzt.»Janine Junker, Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte

In anderen Kantonen ist aber genau das geplant. In St. Gallen etwa einigten sich Personal und öffentliche Spitäler kürzlich auf eine entsprechende Lösung. Und auch in Graubünden gilt neu die Umkleidezeit als Arbeitszeit.

Klar ist: Unter dem Strich dürften Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit einer Lösung, die Umkleide- als Arbeitszeit anerkennt, besser davonkommen als mit der Pauschale im Kanton Bern. Schliesslich bezifferte die Gewerkschaft VPOD die Zeit, welche das Spitalpersonal in der Garderobe verbringt, auf jährlich bis zu zwei Wochen, also zweimal zehn Minuten pro Tag. Das entspricht deutlich mehr als den zusätzlichen 600 respektive 720 Franken im Kanton Bern pro Jahr.

Hohe Kosten

Zu wenig hart verhandelt habe man aber nicht, sagt Janine Junker vom VSAO. «Die Spitäler sind unter enormem finanziellem Druck. Sie müssen die Massnahme auch überleben», sagt sie. Zudem sei die Situation zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern hier entspannter als andernorts – etwa in Zürich. Dort streiten Spitäler und Gewerkschaften vor Gericht über die Entschädigung der Umkleidezeit. «Wir haben in Bern eine sehr gute Sozialpartnerschaft aufgebaut. Diese wollten wir nicht gefährden», sagt Junker. In Zürich hingegen gibt es keinen Gesamtarbeitsvertrag. Entsprechend wird mit härteren Bandagen gekämpft.

Für die Unternehmen kommt aber auch die beschlossene Lösung teuer zu stehen. Christoph Schöni vom Verband Berner Spitäler und Kliniken geht davon aus, dass gesamthaft zusätzliche Kosten von jährlich 8,7 Millionen Franken entstehen werden. Bezahlen müssen das die Spitäler aus eigener Kraft. Denn in den Tarifen wird die Umkleidezeit nicht berücksichtigt.

Schöni bestreitet denn auch, dass das Personal mit der Pauschale schlecht davonkommt. «Die Spitäler haben in den letzten Monaten eigene Zeitmessungen vorgenommen und sind auf viel tiefere Werte gekommen als die zwei Wochen, die vom VPOD genannt werden.» Genaue Zahlen nennt er allerdings nicht. Nur so viel: Die Umkleidezeit betrage pro Tag im Durchschnitt lediglich «einige Minuten».

Die Pauschale habe für die Spitäler und Mitarbeitenden aber verschiedene Vorteile. «Die Unternehmen müssen so ihre Abläufe und Prozesse, etwa das Einstempeln, nicht anpassen.» Das Geld gehe somit voll zugunsten der Mitarbeitenden und nicht in technische Anpassungen.

Ziehen Privatspitäler nach?

Schöni schätzt, dass gut 15'000 Arbeitnehmer von der neuen Lösung profitieren werden. Jedes Spital müsse das nun aber zuerst genau überprüfen.

Bei der Insel-Gruppe sind diese Abklärungen bereits im Gang. «Wir erheben derzeit minutiös alle Funktionen in den einzelnen Organisationseinheiten, bei welchen sich das Personal auf unsere Anweisung hin in einer Garderobe umkleiden muss», sagt Nicole Stämpfli, Direktorin Personal. Sie geht derzeit davon aus, dass 6000 bis 6500 Vollzeitangestellte von der neuen Regelung profitieren können. Damit fallen allein auf die Insel-Gruppe rund 5 der gesamthaft 8,7 Millionen Franken Mehrkosten.

Kein Anrecht auf die Umkleidepauschale haben die Angestellten bei den Privatspitälern. Für sie gilt der Gesamtarbeitsvertrag nicht. Trotzdem hofft Janine Junker vom VSAO, dass diese nachziehen. Schliesslich steht im kantonalen Spitalversorgungsgesetz, dass alle Unternehmen auf der Spitalliste Arbeitsbedingungen bieten müssten, die dem Gesamtarbeitsvertrag der Branche entsprächen. «Wir werden mit den Privatspitälern nun das Gespräch suchen», sagt Junker.

Doch auch sie weiss: Zwingen kann man diese nicht, die Umkleidezeit ebenfalls zu entschädigen.

Berner Zeitung

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