Seine Reden übt er im Stall

Am Montag wird SVP-Grossrat Jürg Iseli zum Präsidenten des Kantonsparlaments gewählt. In Zwieselberg führt er einen Landwirtschaftsbetrieb. Das Pendeln zwischen zwei Welten ist für ihn Alltag.

Jürg Iseli: «Die Kühe sind ein dankbares Pub­likum.»

Jürg Iseli: «Die Kühe sind ein dankbares Pub­likum.»

(Bild: Christian Pfander)

Den höchsten Berner gibt es zweimal: Jürg Iseli und sein Zwillingsbruder Hanspeter gleichen sich wie das sprichwörtliche Ei. Die beiden 53-Jährigen führen gemeinsam den einst elterlichen Landwirtschaftsbetrieb in Zwieselberg bei Thun.

Beide sind auch politisch aktiv. Jürg sitzt seit zwölf Jahren für die SVP im Kantonsparlament und wird am Montag zum Präsidenten gewählt, Hans­peter ist Gemeinderat in Zwieselberg, parteilos und für das Ressort Bau verantwortlich.

«Wahrscheinlich könnten wir unsere Plätze tauschen, und keiner würde es merken», sagt Jürg Iseli, aber man spürt, dass er so einen Scherz nicht ernsthaft in Betracht zieht. «Es ist mir eine grosse Ehre, ein Jahr lang der höchste Berner sein zu dürfen», sagt er. Entsprechend werde er sich für dieses Amt einsetzen.

Ein beliebter Kollege

Ein «seriöser Schaffer» sei Jürg Iseli, hartnäckig in der Sache, aber fair und angenehm im Umgang – das sagen Grossratskolleginnen und -kollegen über ihn. «Er ist pflichtbewusst und ein Mensch, auf den man sich verlassen kann», sagt SVP-Fraktionspräsidentin Madeleine Amstutz.

Als Politiker und langjähriger Präsident der Finanzkommission sei Jürg Iseli erfahren und kenne die Abläufe und Geschäfte im Grossen Rat. «Er wird die Sitzungen gut leiten.»

Auch auf der politischen Gegenseite wird Iselis Art geschätzt: «Obschon wir inhaltlich natürlich oft nicht der gleichen Meinung waren, habe ich sehr gerne mit ihm zusammengearbeitet», sagt SP-Grossrätin Béatrice Stucki, die Iselis Vize war, als er die Finanzkommission präsidierte. «Er ist ein Animal politique mit einem guten Gespür für Themen.» Sie habe Iseli zudem als warmherzigen und mitfühlenden Ratskollegen erlebt.

Jürg Iseli freut sich auf ein Jahr, in dem er den Ratsbetrieb «beobachten und leiten» darf. Er will darauf achten, dass die Traktanden effizient diskutiert und die Redezeiten eingehalten werden. Persönliche Angriffe werde er nicht durchgehen lassen, betont er.

Die eigene Meinung tue in diesem Jahr nichts zur Sache, sagt Iseli. «Ich werde meine neu­trale Position geniessen.» Mit diesem Rollenwechsel habe er keine Probleme. «Ich habe als Grossrat gelernt zuzuhören.»

Zuhören und über andere Meinungen nachdenken – das findet der neue Ratspräsident in der Politik etwas vom Wichtigsten. «Aber manchmal habe ich das ­Gefühl, dass es einigen während der Ratsdebatten eher um den persönlichen Auftritt geht – und zwar unabhängig von der Parteizugehörigkeit.»

Im Sommer auf der Alp

Selber bezeichnet sich Iseli als «konsequenten SVPler mit of­fener Haltung». Seine Offenheit gründe darin, dass er sich in ­verschiedenen Welten bewege, glaubt er.

Die eine Welt: der Bauernbetrieb in Zwieselberg, mit Blick auf die Stockhornkette. Iselis arbeiten auf drei Stufen: Hier im Tal werden die Kühe und Kälber im Winter gehalten. In Erlenbach liegt die Vorweide, im Sommer gehts hinauf auf die Rinderalp, auf 1700 Meter gelegen, zwischen dem Abendberg und dem Pfaffen.

Der Traum vieler Städter, aber bestimmt nicht so romantisch, wie man es sich vorstellt. Jürg Iseli lacht: «Also ich finde es dort oben auch recht romantisch.» Elektrizität gebe es erst seit kurzem – dank Solarzellen.

Natürlich sei die Arbeit auf der Alp anstrengend, sagt Iseli. «Aber wenn ich am Abend vor der Hütte sitze, wo man nichts hört ausser den Vögeln und ein paar anderen Tieren, macht mich das einfach zufrieden.» Iseli hofft, dass er trotz Präsidialjahr auch diesen Sommer ab und zu auf der Alp sein kann. «Für unsere Familie sind das jeweils die Ferien.»

Ohne die Hilfe der ganzen Familie liesse sich Jürg Iselis erste Welt kaum mit der zweiten Welt im Berner Rathaus vereinbaren. Der älteste Sohn, der dieses Jahr seine Ausbildung zum Landwirt abschliesst, bleibt vorerst auf dem elterlichen Betrieb.

Doch auch so sind die Arbeitstage von Jürg Iseli während der Session lang. Tagwache ist um 5.30 Uhr. Dann gehts in den Stall. Auf der Fahrt nach Bern schlüpfe er dann quasi in seine andere Rolle, sagt Iseli.

Turner und Ex-Schwinger

Für den höchsten Berner werden ­zahlreiche Abendveranstaltungen zum Programm dazukommen. Auch die eine oder andere Rede oder Grussbotschaft wird Jürg Iseli halten. Müssen oder dürfen? Er überlegt kurz und lächelt: «Das kommt auf den Anlass an.

Wenn ich mich bei einem Thema auskenne, macht mir das keinen grossen Kummer.» Als ehemaliger Schwinger und noch immer aktiver Turner würde er gerne an einem sportlichen Anlass reden. «Bei kulturellen Events wäre ich wohl etwas nervöser . . .»

Seine Reden will Jürg Iseli ­selber verfassen. Wenn er Hilfe brauche, könne er sich an die ­Parlamentsdienste wenden, sagt er. Auch den passenden Ort zum Üben hat er schon gefunden. «Die Kühe sind ein dankbares Pub­likum.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt