Sekübertritt soll ohne Französisch stattfinden

Die SP fordert den Verzicht auf die Selektion in Französisch für den Übertritt in die Sekundarstufe I. Da beim neuen Lehrmittel Beurteilungshilfen fehlten, könnten Lehrer keine Übertritts-Empfehlungen abgeben.

«Du schreibst aufgrund von Angaben einen französischen Text über den Eiffelturm.» So lautet die Aufgabe, die aus den Vorschlägen der Erziehungsdirektion für die Orientierungsarbeit in der sechsten Klasse stammt. Solche Tests zu «mille feuilles» fehlten bis anhin, bemängelt die SP.

«Du schreibst aufgrund von Angaben einen französischen Text über den Eiffelturm.» So lautet die Aufgabe, die aus den Vorschlägen der Erziehungsdirektion für die Orientierungsarbeit in der sechsten Klasse stammt. Solche Tests zu «mille feuilles» fehlten bis anhin, bemängelt die SP.

(Bild: zvg/Urs Zwygart)

Christoph Aebischer@cab1ane

Dieser Tage beugen sich Lehrerkollegien über lange Listen mit den Resultaten der Orientierungsarbeiten in Mathematik, Deutsch und Französisch. Viele Lehrer hoffen insgeheim, dass diese ihre eigene Beurteilung der Sechstklässler bestätigen. Für Lehrer, Schüler und Eltern naht nämlich das konfliktträchtigste Quartal der Schulzeit. In ihm entscheidet sich, ob die Schullaufbahn der Kinder in der Sekundar- oder in der Realschule weitergeht. Und das sorgt immer wieder für Meinungsverschiedenheiten.

Während viele Lehrer in Mathematik und Deutsch die erhoffte Bestätigung erhalten, lässt sie die Orientierungsarbeit in Französisch heuer oft im Stich. Das hat Roland Näf, Schulleiter in Muri und SP-Grossrat, befürchtet. Die Empfehlung in Französisch, die erstmals auf dem neuen Lehrmittel «mille feuilles» basiert, wird für manche zum Blindflug. Keine schönen Aussichten für die so oder so oft schwierigen Gespräche mit den Eltern. Deshalb will die SP die Notbremse ziehen. Gestern reichte Eva Baltensberger (SP, Zollikofen) eine Motion ein, die einen «möglichst raschen» Verzicht auf eine Selektion in Französisch verlangt – zumindest bis zur Einführung des Lehrplans21 im Schuljahr 2017/2018.

Näf: «Arbeit nicht gemacht»

Näf, der bereits nach den Sommerferien Französischlehrer zum Selektionsboykott aufrief, rüffelt die Erziehungsdirektion (ERZ) und die Macher des neuen Lehrmittels. Beide hätten ihre Arbeit nicht gemacht. Die neue Didaktik des Lehrmittels erfordere eine andere Art der Beurteilung, zu der jedoch keine Module ausgearbeitet worden seien. «Was die Lehrmittelhersteller unterliessen, müssen nun die Lehrer ausbaden», kritisiert Näf.

Erst kurz vor der Durchführung der Orientierungsarbeit handelte die ERZ. Sie stellte Mitte Oktober Aufgaben ins Netz, die auf modernen Erkenntnissen zum Spracherwerb basieren. Sie fokussieren auf das Hörverständnis, das Leseverständnis und das Schreiben – wie das Lehrmittel.

Die Hilfe kommt zu spät. Sie wäre in den Schuljahren davor nötig gewesen, findet Näf. Die Lehrer könnten den Aufwand für solche Tests nicht selber leisten.

ERZ sieht Handlungsbedarf

Erwin Sommer, Vorsteher des Amtes für Kindergarten, Volksschule und Beratung, weiss um dieses Bedürfnis: «Offenbar sind mehr Beurteilungsbeispiele nötig», räumt er ein. Gleichzeitig nimmt er die Macher des Lehrmittels in Schutz: «Es existiert eine Broschüre mit Beurteilungshilfen.» Für Sommer ist schwer abschätzbar, ob die Mehrheit der Lehrpersonen überfordert ist mit dem Selektionsentscheid. Ein Verzicht sei «diskutabel», würde aber eine Anpassung der entsprechenden Verordnung nötig machen. Zu vermeiden sei ein «Missbrauch» der letztes Jahr eingeführten Kontrollprüfung (siehe Box). «Das wäre unfair für die Schülerinnen und Schüler, weil eine Momentaufnahme und damit ihre Tagesform über die Zuteilung entscheiden würde.» Genau aus diesem Grund aber habe man die Aufnahmeprüfungen abgeschafft.

Für Näf führt kein Weg am vorläufigen Verzicht auf eine Selektion vorbei. Damit würde die Situation dem Gymerübertritt angeglichen. Dort werden Mathematik doppelt und die Sprachen je einfach gewichtet. «Dies würde nebenbei die kritisierte Sprachlastigkeit korrigieren», sagt er.

Rückkehr zum Wörtli büffeln

Die Lehrer jetzt alleinzulassen, liegt für Näf nicht drin. Mit Bedauern stellt er fest, dass viele, der Not gehorchend, zum Büffeln von Wörtlilisten zurückgekehrt seien. So hätten sie wenigstens zählbare Resultate zum Vorweisen – Sprachdidaktik hin oder her. All dies, schreibt Baltensberger, mache die dank «mille feuilles» positiveren Fremdspracherfahrungen der Schulkinder wieder zunichte. Mit dem Vorstoss will sie nun den Druck von den Schultern der Lehrer nehmen. Denn Näfs Aufruf zum zivilen Ungehorsam baut diesen nicht ab. Im Gegenteil: Einzige Konsequenz wäre ein Verweis der Erziehungsdirektion.

Berner Zeitung

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