Selbst die Jäger vertreiben die Krähen nicht

Seit 2013 dürfen Saatkrähen im Kanton Bern gejagt werden. Der Erfolg nach den ersten zwei Saisons ist mässig, denn die Krähenjagd ist für Jäger unattraktiv. Zudem fliehen einige Tiere in die Stadt Bern, wo sie nicht gejagt werden können.

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Sandra Rutschi

Saatkrähen können ganz schön nerven. Vor allem in den Städten stören sie oft Anwohner mit ihrem frühmorgendlichen Gekrächze oder dem Kot, der unter den Vogelkolonien auf hohen Bäumen die Gehwege und Autos verschmutzt. In jeder der drei grössten Städte im Kanton Bern gibt es Orte, an denen sich die Saatkrähen besonders wohl fühlen. Im Berner Nordquartier zum Beispiel, an der Thuner Schwä­bisallee oder im Bieler Stadtpark. Jede Stadt hat bereits mehrmals vergeblich versucht, die Krähen zu vergrämen.

Biel etwa mit einer Fütterungsverbot-Plakataktion, Thun mit CDs in den Baumkronen. Besonders originelle, aber ebenfalls vergebliche Versuche hat die Stadt Bern gemacht, wo die Anwohner sich am meisten an den Krähen zu stören scheinen (siehe Kasten).Seit 2013 gibt es jeweils zwischen September und Mitte Februar eine weitere Möglichkeit, Krähen den Garaus zu machen: die Jagd. Doch die Anzahl der in den ersten beiden Jagdsaisons ­erlegten Tiere ist bescheiden.

Die dritte Saison ist soeben zu Ende gegangen und noch nicht ausgewertet. Laut kantonalem Jagdinspektorat wurden 2013/2014 und 2014/2015 insgesamt 138 Saatkrähen durch Jäger erlegt, 90 durch Hegeabschüsse der Wildhut. «Diese Anzahl hat keine Auswirkungen auf die Population», sagt Rolf Schneeberger vom Jagdinspektorat. Er schätzt, dass die Saatkrähen erst spürbar weniger würden, wenn pro Saison 200 bis 300 Tiere erlegt würden.

Für Jäger nicht attraktiv

Dass es jemals so weit kommt, ist unwahrscheinlich. Denn Krähen zu schiessen, sei für Jäger eher unattraktiv, sagt Lorenz Hess. «Es gibt keine Trophäe zu gewinnen, und das Fleisch kann man auch nicht verwerten», erklärt der Präsident des Berner Jägerverbands. Er ist selber einer der wenigen Berner Jäger, die ab und zu auf Krähenjagd gehen. Hess tut damit jeweils Landwirten einen Gefallen, die ihn um Hilfe bitten, wenn Krähen ihre Felder und Äcker verwüsten.

Weil die Tiere äusserst clever sind, ist die Jagd aufwendig: «Sie sind gut organisiert. Bevor ein Schwarm auf einem Feld landet, prüfen ein bis zwei Späher, ob die Luft rein ist», sagt Hess. Marschiert man mit einem länglichen Gegenstand in der Hand auf Krähen zu, fliegen sie sofort weg – weil sie begreifen, dass der Gegenstand ein Gewehr sein könnte. Also muss sich ein Jäger noch vor Tagesanbruch gut getarnt auf die Lauer legen, um überhaupt eine Chance zu haben, einige Tiere mit seiner Schrotflinte zu treffen. Hat er es geschafft, ist das Krähenproblem an jenem Ort zwar für zwei bis drei Wochen gelöst. Doch die Vögel fliegen dann einfach einen anderen Acker an.

Krähen ziehen in die Stadt

Auf dem Land habe die Saatkrähenjagd einen entlastenden Effekt, sagt Rolf Schneeberger vom Jagdinspektorat: «Die Tiere verhalten sich vorsichtiger und verteilen sich besser.» In den Städten, wo wegen der nahen Häuser nicht gejagt werden kann, hat sich der Bestand an Brutpaaren aber weiterhin vergrössert. Die Jagd hat laut Sabine Tschäppeler eine eher negative Auswirkung auf die Stadt Bern. «Saatkrähen, die früher auf dem Land brüteten, kommen nun vermehrt in die Stadt – weil sie begreifen, dass sie hier sicherer sind», sagt die Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie der Stadt Bern.

Schneeberger traut den intelligenten Tieren diese Strategie durchaus zu und räumt ein, dass die Saatkrähen auch deshalb so gerne in der Stadt nisten, weil es dort weniger natürliche Feinde wie Baummarder oder Greifvögel gibt. Er betont aber, dass man bei Wildtieren fünf Jahre abwarten müsse, um eine Verhaltensänderung durch die Jagd festzustellen.

Wenn Krähen tatsächlich vor Jägern in die Stadt fliehen, dürfte Berns neustes Vergrämungsprojekt unter einem schlechten Stern stehen: Die Stadt will Krähennester aus dem Siedlungs­gebiet aufs Land verlegen . Das werde durch die Jagd schwieriger, räumt Sabine Tschäppeler ein. Man müsse einen Standort finden, an dem nicht oder kaum gejagt werde. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel entlang der Autobahn.

Gutes Nahrungsangebot

Jäger und Behörden sind sich einig: Das Einzige, was Saatkrähen wirklich vergraulen würde, wäre ein geringeres Nahrungsangebot. In den Wiesen und Äckern im Mittelland und im Seeland finden die Tiere ein wahres Festmahl an Schnecken, Würmern, Käfern, Insekten, keimendem Getreide und Körnern. In den ersten zwei Wochen nach der Aussaat müssen Bauern ihre Äcker besonders schützen.

Der Mais, der den Saatkrähen speziell gut schmeckt und in den letzten vierzig Jahren immer häufiger angebaut wurde, darf mittlerweile mit dem Mittel Mesurol gebeizt werden. Dieses Beizmittel macht Maissamen für Krähen ungeniessbar. Die Krux: In Biobetrieben darf es nicht angewendet werden.

Berner Zeitung

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