Vernünftige Spiele, made in Switzerland

BZ-Standpunkt

Chefredaktor Peter Jost zur Olympiakandidatur Sion 2026.

Im Wallis wird am Sonntag abgestimmt, in Kandersteg bereits am Freitagabend.

Im Wallis wird am Sonntag abgestimmt, in Kandersteg bereits am Freitagabend.

Dieses Wochenende kommt es beim Schweizer Olympiaprojekt Sion 2026 zum ersten Showdown. Heute Abend entscheidet die Kandersteger Gemeindeversammlung über einen 1,2-Millionen-Franken-Kredit für Anlagen der Gemeinde, namentlich den Bau eines Sprungrichterturms und die Verbreiterung der Zufahrtsstrassen. Am Sonntag folgt die zweite, weit wichtigere Entscheidung: Die Walliser Stimmbürgerinnen und Stimmbürger äussern sich über einen 100-Millionen-Franken-Kredit für Infrastrukturbauten und Sicherheitskosten.

Sagt Kandersteg Nein, sind die Oberländer aus der Kandidatur draussen. Die Kandersteger Wettkämpfe – das Skispringen von der Normalschanze und die nordische Kombination – fänden in Engelberg statt. Das wäre eine bittere Pille für die Wintersportregion Berner Oberland. Die Kandidatur Sion 2026 könnte es verkraften. Viel weitreichender wären die

Konsequenzen bei einem ablehnenden Entscheid in der Urnenabstimmung im Wallis. Sagt das Stimmvolk Nein, ist dies gleichbedeutend mit dem Ende der Schweizer Olympiaträume. Nun wird sich zeigen, ob es den Initianten um Swiss-Olympic-Präsident Jürg Stahl und den Berner Ständerat Hans Stöckli über die letzten Monate hinweg gelungen ist, ihr Konzept überzeugend zu verkaufen. Ob es die beiden «Üsserschwiizer» geschafft haben, im Wallis das olympische Feuer zu entfachen.

In der Vergangenheit hat das Wallis dreimal Ja zu Olympiakandidaturen gesagt. Es gibt wenig Gründe, daran zu zweifeln, dass es auch ein viertes Mal Ja sagen wird. Selbst wenn der Zeitgeist heute ein anderer, die zum Teil berechtigte Kritik am Kommerz und am Gigantismus Olympischer Spiele breit etabliert ist. Denn: Die Walliser Kandidatur hat das Potenzial dazu, den Anlass wieder in ein vernünftigeres Format zurückzuführen, so wie dies das Internationale Olympische Komitee (IOK) in seiner Agenda 2020 postuliert hat. Das dezentrale Konzept unter Einbezug bestehender Infrastruktur besticht. Wer, wenn nicht die Schweiz, sollte vernünftige, nachhaltige Spiele ausrichten können?

Man mag über die hohen Kosten die Nase rümpfen. Den Plan, die Bundesmilliarde für die Spiele allein durchs Parlament entscheiden zu lassen, verwerflich finden. Aber man sollte dabei die positiven Aspekte von Olympia nicht ausblenden. Die wirtschaftlichen Impulse zum Beispiel, das Signal zum Aufbruch. Oder den Imagegewinn, den perfekt organisierte, nachhaltig ausgerichtete Spiele mit sich bringen würden. Wie das IOK letztlich entscheidet, ist nicht abzuschätzen. Dass die Schweizer Olympiakampagne nicht bereits vorzeitig ein jähes Ende an der Urne finden wird, liegt hingegen allein in den Händen der Walliserinnen und Walliser.

Mail: peter.jost@bernerzeitung.ch

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