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Wenn die Hypothek auf der Seele lastet

Das eigene Haus, der Traum von Sicherheit, Freiheit, Unabhängigkeit – und rechnerischer Vernunft. Aber was richtet der Haus­besitz in der Seele an? Der Weg vom Freak zum Spiesser, vom Traum zum Albtraum ist oft kürzer, als man denkt.

Wer hätte gedacht, dass man beim Feierabendbier plötzlich so cool über Hypothekarzinsfüsse redet wie zuvor über die ange­sagtesten Bands? Dass man unter Freunden gut gelaunt Tragbarkeitsrechnungen und Amortisationsraten vergleicht wie früher Reiseziele?

Es kann schnell gehen.

Das haben Bettina und Christian Hirsig, beide 36, Eltern zweier kleiner Buben und als ­Betriebswirtschafter beruflich selbstständig unterwegs, gerade erfahren. Sie sind flexibel und polyglott, haben Unternehmen gegründet, waren monatelang auf Reisen und liebäugelten noch vor kurzem damit, sich in der Start-up-Szene von Kalifornien niederzulassen.

Jetzt das: Vor drei Wochen haben sie den Kaufvertrag unterschrieben für ein Reihenhaus aus den 1930er-Jahren im Breitenrainquartier der Stadt Bern, Kostenpunkt über eine Million Franken. Die beiden Betriebswirtschafter kennen Tragbarkeitsberechnungen von Fremd­finanzierungen aus dem Effeff. Doch nun geht es um etwas, das nahe am Herzen liegt. «Vernunft und Traum kommen bei unserem Hauskauf auf wunderbare Art zusammen», blickt Christian Hirsig auf den Weg zurück, der ihn und seine Frau zu Hausbesitzern machte.

Grosse Emotionen

Die Vernunft nährt eine simple Rechnung mit spektakulärem Ergebnis. Zurzeit lebt die vierköpfige Familie in einer 4-Zimmer-Neubauwohnung im Wylerquartier und zahlt einen Mietzins von über 3000 Franken. Im neuen Reihenhaus mit Gärtchen werden monatliche Hypothekarzinsen von 800 Franken anfallen, mit Amortisation kommt man auf monatliche Kosten von 1500 bis 2000 Franken. Salopp gesagt: doppelte Wohnqualität zum halben Preis.

Bettina Hirsig trug die Sehnsucht nach dem eigenen Häuschen in der Stadt schon lange in sich, und dieser Traum dehnte sich während der mehrmonatigen Metamorphose von der Mieterexistenz zum Besitzerdasein auch in der Gefühlswelt ihres Mannes aus. Auf jeden Fall er­griffen Christian Hirsig im Moment, als der Hauskauf unter notarieller Aufsicht besiegelt wurde, fast so starke Emotionen wie vor drei Jahren, als das Paar geheiratet hatte: «Ich empfinde den Hauskauf als tiefes Bekenntnis zu meiner Frau, zu unserer Familie, zu unserem Lebensmittelpunkt Bern.» Und Christian Hirsig lernte beim Hauskauf auch, dass es sich auszahlt, Träume zu haben. Und daran zu glauben, dass sie Realität werden können.

Die «dritte Haut»

Die ganz grossen Schritte ins Eigentümerleben stehen Hirsigs noch bevor. Viele werden Freude machen, aber nicht alle fallen leicht.

Man weiss, dass sich Ausflüge zum Küchenbauer oder Maler für frischgebackene Hausbesitzer zum ernsthaften Belastungstest für die Beziehung auswachsen können, besonders dann, wenn die Debatte über die Plättlifarbe Konfliktlinien aufreisst, von denen man zuvor gar nichts wusste.

Eine neue Note erhalten in der Einstiegsphase im Eigentümerleben auch Nachbarschaftsbe­suche – speziell dann, wenn man sich dort auf die Ikea-Stühle setzt, die man vor wenigen Tagen selber gekauft hat. Die identitätsstiftende Individualität, an die man sich klammert, ist entblösst, und das trifft Eigenheimbesitzer im existenziellen Kern. Wie war es mit der Immunität gegen das Spiessertum?

Es ist wahr: In den eigenen vier Wänden entdeckt man nicht nur seinen Partner neu. Sondern auch sich selber. Das Haus sei «die dritte Haut», sagen Umweltpsychologen: ein Spiegel unseres Innenlebens, unserer Gedanken, Wünsche und Träume. Es ist schnell passiert, dass aus links­liberalen Mietern kostenbewusste Eigner werden. Und auf einmal wird einem bewusst, dass man vielleicht, als Bewohner der rot-grünen Stadt Bern, vor wenigen Monaten noch heimlich mit Hausbesetzern sympathisierte, und jetzt nervt man sich schon, wenn sich die Nachbarskatze im eigenen Garten versäubert. Privateigentum! Der Hausbesitzer droht zu einem anderen Menschen zu werden.

Die feinstofflichen Faktoren

Wie ein Haus auf den Menschen wirke, werde oft unterschätzt, bestätigt Walter Stauffer, der in Gunten bei Thun als selbstständiger Baufachmann und Geomant tätig ist und sich auf die Optimierung von Wohn- und Geschäftsräumen im Hinblick auf Gesundheit und seelisches Wohlbefinden spezialisiert hat. Er hat sich auch mit den Ursprüngen des chinesischen Feng-Shui beschäftigt.

Stauffer beobachtet, dass die tiefen Hypothekarzinsen und die damit leichtere Finanzierbarkeit von Wohneigentum dazu ver­leite, die materiellen Aspekte überzubewerten. «Man beschäftigt sich zu wenig damit, ob das Haus zu mir als Person passt oder nicht», sagt Stauffer. Öfter als man denke, passiere es, dass Leute ihren lang ersehnten Haustraum verwirklichten – und dann doch nicht glücklich oder sogar krank würden. Weil Dinge wie die Raumaufteilung, die Strahlenbelastung oder die energetischen Verhältnisse nicht auf die Be­wohner abgestimmt seien.

Ge­rade bei Minergiehäusern etwa sei der Energiefluss zwischen Innen- und Aussenraum oft unterbrochen. Das seien feinstoffliche Sachen, die sich nicht messen liessen und oft belächelt würden. Dass sie auf das Wohlbefinden der Menschen einwirkten, stehe ausser Frage: «Das eigene Heim kann zum Paradies werden. Oder zur Hölle», sagt Stauffer.

Man müsse sich gerade als Neuhauseigentümer auf einen Lern- und Anpassungsprozess einstellen. «Es ist wichtig, wach zu bleiben, auf seine Gefühle und Empfindungen zu hören und darauf zu achten, was das Haus mit einem macht.» Oft könne man mit relativ einfachen Mitteln eingreifen. Etwas an der Einrichtung verbessern. Oder kleine bauliche Veränderungen vor­nehmen. Oft aber, sagt Stauffer, warteten die Leute, bis sie krank würden. Und die Hypothek schwerer auf die Seele drückt als aufs Portemonnaie.

Eigenheim Bern Messe auf dem Gelände der Bernexpo, Freitag 16 bis 20 Uhr, Samstag/Sonntag 10 bis 16 Uhr. Schwerpunktthemen: Verdichtetes Bauen und Urban Gardening. Samstag, 12 Uhr, Eigenheim-Forum: Diskussion, u. a. mit Stadtpräsident Alec von Graffenried.

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