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Wer zuschlägt, wird vom Statthalter aufgeboten

Im Kanton Bern sollen Täteransprachen die Rückfallgefahr vermindern. Wer zu Hause Gewalt ausübt, für den wird das Gespräch mit dem Statthalter zum Muss. Das verlangt die Revision des Gesetzes über die Regierungsstatthalter.

Gewalt in Paarbeziehungen ist nicht selten. Im Kanton Bern soll bald obligatorisch werden, was heute noch freiwillig ist: Das Tätergespräch mit dem Regierungsstatthalter.
Gewalt in Paarbeziehungen ist nicht selten. Im Kanton Bern soll bald obligatorisch werden, was heute noch freiwillig ist: Das Tätergespräch mit dem Regierungsstatthalter.
Keystone

Während der Feiertage standen Familie, Beziehungen und Freunde im Mittelpunkt. Doch nicht überall ist alles schön und gut. In vielen Familien und Paarbeziehungen herrscht ein Klima der Angst und der Gewalt. Meistens ist es Gewalt gegenüber Frauen und Kindern, ausgeübt von Männern.

Gemäss Polizeistatistiken sind aber auch Frauen gewalttätig, oder Kinder greifen ihre Eltern tätlich an. 954-mal rückte die Kantonspolizei im Jahr 2015 wegen häuslicher Gewalt aus. 221 dieser Täter traten im Anschluss an die ersten Einvernahmen und einem polizeilichen Rapport bei einem der zehn Regierungsstatthalter zur sogenannten Täter­ansprache an.

Im Verwaltungskreis Bern-Mittelland gab es in diesem Zeitraum 359 Polizeimeldungen. Davon wurden dem Regierungsstatthalter 143 Fälle zugewiesen. 140 dieser Gespräche fanden im Regierungsstatthalteramt in Ostermundigen denn auch wirklich statt, erklärt Regierungsstatthalter Christoph Lerch.

Es sind also im ganzen Jahr 2015 nur drei Täter nicht zum Gespräch erschienen. «Viele sind froh, wenn sie ­reden und sich erklären können», hat Lerch die Erfahrung gemacht. Und man tue auch etwas dafür, dass so viele dann auch wirklich erscheinen würden.

«Die wenigen, die nicht zum Gespräch erscheinen, hätten es wohl am ­nötigsten.» Regierungsstatthalter Christoph Lerch.
«Die wenigen, die nicht zum Gespräch erscheinen, hätten es wohl am ­nötigsten.» Regierungsstatthalter Christoph Lerch.

Fälle werden weiterverfolgt

«Wir nehmen sofort persönlichen Kontakt auf, wenn jemand nicht beim ersten Termin da ist», sagt Lerch. 80 Prozent dieser 140 Gespräche wurden mit männlichen Tätern geführt. Es seien aber auch Jugendliche und Frauen darunter gewesen. Diese Täteransprachen macht Lerch selber, oder seine Abteilungsleiterin Mirella Isenschmid.

«Wir geben den Leuten schriftliche Verhaltensempfehlungen ab und versuchen sie so weit zu bringen, dass sie sich in einem Lernprogramm anmelden oder dass sie wenn ­nötig eine Einzelberatung in Anspruch nehmen», beschreibt Lerch das Ziel dieser Gespräche.

Und: «Wir verfolgen die Fälle weiter, verlangen eine Rückmeldung und stellen fest, wenn jemand die schriftlichen Abmachungen nicht einhält.»

Im Bericht der Polizei- und Militärdirektion zur häuslichen ­Gewalt wird die Täteransprache durch die Regierungsstatthalter löblich erwähnt. «Es kann ein positives Fazit gezogen werden», steht dort zu lesen.

Nicht alle müssen hin

Nicht alle Täter, die zu Hause gewalttätig waren, werden zum Regierungsstatthalter geladen. Die schweren Fälle werden direkt der Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Wenn Kinder die Opfer sind oder wenn die Polizei bei der Intervention auf hilfsbedürftige erwachsene Personen (Alte, Kranke oder Behinderte) trifft, sind die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden die erste Anlaufstelle.

«Wir arbeiten aber auch mit der Fremdenpolizei beziehungsweise mit dem Migrationsdienst zusammen», sagt Lerch. Das geschehe immer dann, wenn Ausländer die Täter sind und eine Ausweiserneuerung oder -verlängerung im Raum steht.

Künftig im Gesetz verankert

Gegenwärtig ist im Kanton Bern der Entwurf zur Änderung des Gesetzes über die Regierungsstatthalter in der Vernehmlassung. Dort wird die heutige Praxis festgeschrieben, denn die Täteransprachen finden erst seit dem Jahr 2015 statt und sind noch nicht gesetzlich verankert.

«Man schreibt nun also fest, was heute schon passiert, und macht das Ganze obligatorisch», erklärt Statthalter Lerch. Das wird heissen, dass die drei nicht erschienenen Täter in Zukunft polizeilich dem Statthalter vorgeführt werden können. Denn Lerch ist überzeugt: «Die hätten es am nötigsten.»

Das Ziel der Übung ist klar: weniger Wiederholungstäter. Denn heute schlagen 56 Prozent der Täter nicht zum ersten Mal zu. So hoch ist die Rückfallquote, die mit der Täteransprache und mit Lernprogrammen und Therapien tiefer werden soll. Laut Christoph Lerch ist die Mehrbelastung für das Regierungsstatthalteramt mit internen Ressourcenverschiebungen ohne Stellenaufstockung «knapp zu schaffen», auch wenn diejenigen Täter dazukommen werden, die sich heute noch entziehen.

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