Weshalb Mirali Akbari keine Lehre machen kann

Fehlende Ausbildung und Sprachkenntnisse erschweren die Arbeitsintegration von Flüchtlingen. Stolpersteine gibt es aber auch im System, wie das Beispiel des Afghanen Mirali Akbari und der Thuner Boss Holzbau AG zeigt.

Hoffen auf den Kanton: Franz Gyger, Personalchef bei der Boss Holzbau AG (links), würde Mirali Akbari gerne anstellen und ausbilden – wäre da nicht der Mindestlohn nach GAV.

Hoffen auf den Kanton: Franz Gyger, Personalchef bei der Boss Holzbau AG (links), würde Mirali Akbari gerne anstellen und ausbilden – wäre da nicht der Mindestlohn nach GAV.

(Bild: Andreas Blatter)

Mirali Akbari will arbeiten. Er könne vieles, schliesslich habe er in der Heimat als Polizist, Schneider, Mechaniker, Spengler und Hilfsschreiner gearbeitet, sagt der 42-jährige Afghane.

Trotzdem reichen seine beruflichen Qualifikationen für eine Stelle in der Schweiz nicht aus. Denn eine Berufsausbildung hat er keine. «Eine Lehre, wie es sie in der Schweiz gibt, existiert in Afghanistan nicht.»

Akbari lebt mit seiner Frau und den drei Kindern in Thun. Die Familie ist vorläufig aufgenommen. Das heisst, dass sie jederzeit in die Heimat zurückgeschickt werden kann, falls sich die Lage dort verbessert. In der Praxis bleibt die Mehrzahl der vorläufig Auf­genommenen hier.

Firma bietet Hilfsarbeiterjob und Lehre an

Die Familie lebt wie die Mehrheit der vorläufig aufgenommenen und anerkannten Flüchtlinge von der Sozialhilfe. Zwar haben Bund und Kantone erkannt, dass die Integration verbessert werden muss. Die Berner Regierung liess dafür gar ein Strategiepapier erarbeiten. Darin fehlen indes konkrete Antworten auf die Frage, wie die wirtschaftliche Inte­gration von Menschen wie Mirali Akbari gelingen könnte.

«Eine Lehre, wie es sie in der Schweiz gibt, existiert in Afghanistan nicht.»Mirali Akbari

Eine sehr konkrete Antwort hatte dagegen die Thuner Firma Boss Holzbau AG. Sie hätte Akbari angestellt und ausgebildet – wenn sie vom Kanton dabei ­finanziell unterstützt worden wäre.

Anstellungshindernis Mindestlohn

Im Juni konnte Akbari bei der Thuner Firma eine Schnupperwoche absolvieren. Mit Erfolg: «Aufgrund der positiven Rückmeldungen unserer Mitarbeiter wollten wir Herrn Akbari eine Anstellung als Hilfsarbeiter im Rahmen einer Vorlehre ermöglichen», sagt Geschäftsleitungsmitglied Cornelia Boss.

Für eine Lehre reichten Akbaris schrift­liche Deutschkenntnisse noch nicht aus. «Unser Ziel ist aber, ihn während seiner Arbeit in unserer Firma fit für die Lehre zu machen und ihn anschliessend in unserem Betrieb auszubilden.»

Das Problem: Im Holzbau gilt der Gesamtarbeitsvertrag (GAV). Und danach muss ein Hilfsarbeiter im ersten Dienstjahr mit 13 Monatsgehältern à 3851 Franken entlöhnt werden. Zu viel angesichts der fehlenden Branchen- und Sprachkenntnisse Akbaris.

Ein Unternehmen kann allerdings, wenn es die GAV-Vorgabe unterschreiten will, bei der Schweizerischen Paritätischen Berufskommission Holzbau (SPBH) ein sogenanntes Min­derleistungsgesuch einreichen. Gibt die Kommission diesem statt, kann eine Firma jemanden zu einem tieferen Lohn beschäftigen.

Diese Lösung sei für ihr Unternehmen jedoch nicht praktikabel, weil die Bewilligung, einen tieferen Lohn auszubezahlen, auf ein bis drei Jahre begrenzt sei und danach nur eine Weiterbeschäftigung zu den Mindestlohnbestimmungen des GAV Holzbau möglich sei, sagt Boss.

Zudem liege der tiefste bis heute bewilligte Lohn bei 2900 Franken im Monat. Damit wäre Akbaris Hilfsarbeiterlohn höher als das Gehalt, das er später in der Ausbildung erhalten würde. «Auszubildende, die wie Herr Akbari bereits älter sind oder die schon eine andere Ausbildung mitbringen, verdienen bei uns im ersten Lehrjahr monatlich maximal 2600 Franken», so Boss. Und daran will sie nicht rütteln: «Unsere Mitarbeitenden würden zu Recht nicht verstehen, wenn wir die Lernenden unterschiedlich bezahlten und das Lohngefüge nicht im Gleichgewicht halten würden.»

Boss Holzbau AG: «Wir sind enttäuscht»

Um Akbari keine Absage erteilen zu müssen, suchte die Boss Holzbau AG nach Unterstützung. Die Anfragen bei Stellen wie dem Arbeitsamt, dem Sozialamt, der Arbeitslosenkasse, der Arbeitsvermittlung Beco Berner Wirtschaft, der Asylkoordination, der Flüchtlingshilfe oder dem RAV blieben jedoch fruchtlos.

«Unsere  Mitarbeitenden würden zu Recht nicht verstehen, wenn wir das  Lohngefüge nicht im Gleichgewicht halten würden.»Cornelia Boss

Mitte September schliesslich erteilte die Firma Mirali Akbari dann doch die Absage. In einem Brief hält sie fest: «Wir sind enttäuscht, dass wir als Unternehmen Hand bieten und soziale Verantwortung wahrnehmen, jedoch die gesetzlichen Grundlagen nicht geschaffen sind, um die finanziellen Aspekte breit abzustützen.» Konkret: dass es keine Möglichkeit gibt, die Differenz zum Mindestlohn auszugleichen.

Laut Cornelia Boss gibt es nun doch einen Hoffnungsschimmer am Horizont: «Das Beco hat uns signalisiert, dass man eine Lösung sucht, damit Herr Akbari doch bei uns arbeiten kann.»

Kanton verweist auf die geltenden Gesetze

Wie diese aussehen könnte, war gestern beim Kanton nicht in Erfahrung zu bringen. Das Beco verwies auf Anfrage auf das kanto­nale Migrationsamt, dieses sei in solchen Fragen federführend. Dessen Geschäftsführer Markus Aeschlimann teilt in einer schriftlichen Stellungnahme mit, dass sein Amt keine Kenntnis von Akbaris Fall hat und daher auch nichts über mögliche Lösungen weiss.

Und dann schliesst Aeschlimann den Kreis: Grundsätzlich sei es so, dass vorläufig aufgenommene Personen einer Erwerbstätigkeit nachgehen dürften. Der Stellenantritt sei al­lerdings bewilligungspflichtig. «Dies bedeutet, dass der künftige Arbeitgeber ein Stellenantrittsgesuch beim Migrationsdienst einreichen und nachweisen muss, dass er die Lohn- und Arbeitsbedingungen einhält.»

Im Klartext: Wenn die Boss Holzbau AG Mirali Akbari den Mindestlohn nach GAV zahlen würde, dürfte sie ihn anstellen.

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