Aufruhr in den Bergen

Der Kanton Bern revidiert seine Wildschutzgebiete – und löst im Berggebiet wilde Debatten aus. Outdoorsportler befürchten Einschränkungen auf Skitouren, beim Klettern oder Gleitschirmfliegen.

<b>Ambiente mit Übertretungsgefahr:</b> Pulververhältnisse an der Walliser Wispile im Saanenland.

Ambiente mit Übertretungsgefahr: Pulververhältnisse an der Walliser Wispile im Saanenland. Bild: Bruno Petroni

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Der Schwarzenburger René Michel, Umweltverantwortlicher im Zentralvorstand des Schweizer Alpen-Clubs, geht mit dem Kanton Bern hart ins Gericht. Der Grund: Das Berner Jagdinspektorat ist daran, in Etappen die längst angekündigte Überprüfung seiner Wildruhezonen vorzunehmen – aktuell etwa im Saanenland, aber auch im stadtnahen Gantrischgebiet.

Die Aufregung in den betroffenen Re­gionen ist gross, die Debatten sind heftig, der Ton ungehalten: Es geht um die Frage, ob der freie Zugang in die Berge zu stark eingeschränkt werde.

Bürde für Bergler?

Michels Haltung ist klar: Er kri­tisiert, wenn Wildschutzgebiete vergrössert oder sogar neu geschaffen werden: «Sie schränken die Bergsportler, den Tourismus und die einheimische Bevölkerung massiv ein. Solche rigorosen Massnahmen dürfen nur kleinräumig und zum Schutz von wirklich bedrohten Arten angewendet werden», findet er.

René Michel ist gleichzeitig als Projektleiter Routen des Naturparks Gantrisch tätig. Er befürchtet unter anderem Totalsperrungen in heute von Natursportlern teilweise intensiv genutzten Gebieten – von Schneeschuhrouten etwa, die von der Strasse von Riffenmatt nach Schwarzenbühl abgehen.

Ähnlich heftig fliegt den Kantonsbehörden die Kritik aus dem Saanenland um die Ohren. Namentlich Touristiker verwahren sich dagegen, dass unten in der Volkswirtschaftsdirektion in der Hauptstadt Bern flächendeckende Wildschutzzonen ausgeheckt werden, die der Bergbevölkerung neue Bürden auferlegen.

Populäre Skitourenrouten, die nie offiziell kartiert wurden, aber häu­fig begangen werden, drohen in den Augen der Kritiker plötzlich zur Verbotszone zu werden. Und weil in Wildschutzzonen die Leinenpflicht für Hunde verordnet wird, befürchtet man gar das ­Ende von Lawinenrettungen mit Suchhunden.

Niklaus Blatter, kantonaler Jagdinspektor, verzieht ein wenig das Gesicht, als er auf Anfrage dieser Zeitung zur Kritik aus den Regionen Stellung nimmt. Blatter verantwortet die Revision der Wildruhezonen und steht zwischen den Fronten, wenn die Interessen von Naturschützern und Natursportlern aufeinanderprallen. «Ich verstehe natürlich», sagt Blatter, «dass bei diesem Thema die Emotionen hochgehen. Es lässt niemanden kalt.»

Heikle Kompromisssuche

Er findet aber, dass die gesetzlich verordnete Überprüfung der Wildruhezonen genau besehen wenig Grund zur Aufregung ergebe. «Unser Ziel ist es nicht, etablierte Skitourenrouten oder häufig begangene Wege plötzlich zu sperren», sagt Blatter.

Die Revision der Wildschutzgebiete sei als partizipativer Prozess angelegt. Deshalb lägen im Moment etwa für das Simmental oder das Gantrischgebiet Kartenentwürfe vor, die im wesentlichen die Schutzvorstellungen des Jagdinspektorats wiedergäben.

Nun diskutiere man in den Regionen mit den betroffenen Interessenvertretern die offenen Konfliktpunkte. Die am Ende gültigen Wildschutzzonen sollen laut Blatter Kompromisse sein, die für Naturschützer und Natursportler akzeptabel sein müssten.

Beispielsweise sollen sämtliche auf der offiziellen Karte verzeichneten Skitouren innerhalb der Wildruhezonen weiterhin möglich sein. Selbstverständlich, so Blatter, versuche man, auch nicht kartierte, aber traditionelle Routen aufzunehmen, sofern sie von Bergführern oder -sportlern gemeldet werden.

«Wenn inoffizielle Routen seit Jahren begangen werden, haben sich die Tiere daran gewöhnt oder sich zurückgezogen», erklärt der Jagdinspektor. Höchstens in Einzelfällen werde es deshalb so weit kommen, dass der Schutz höher gewichtet und Routen untersagt würden.

Man suche, verspricht Blatter auch, Lösungen für die Startplätze von Gleitschirmfliegern oder für Schneeschuhtrails. Und was den Leinenzwang angehe: Ar­beitshunde, zu denen Lawinensuchhunde gehören, seien explizit davon ausgenommen.

Heftiger Druck auf die Natur

Die Schweizer Bevölkerung, namentlich in den Städten, wächst, das Bedürfnis, das Wochenende outdoor in den Bergen zu verbringen ebenso: Aus Niklaus Blatters Sicht sind Wildruhezonen keine behördliche Obsession, sondern eine ökologische Notwendigkeit. Es gehe darum, «die wachsende Freizeitnutzung in den Bergen naturverträglich zu kanalisieren».

Ob sich Naturschützer und Natursportler finden oder die Fetzen noch wilder fliegen, wird sich in diesen Tagen zeigen. Heute Donnerstag veranstaltet das Jagdinspektorat in Saanenmöser einen runden Tisch mit Betroffenen aus dem Saanenland. Am 26. März folgt die Konfrontation im Gantrischgebiet.

Wenn man verstehen will, worum es in dieser hitzigen Debatte im Kern geht, hilft es, mit Rolf Zumbrunnen zu reden. Zumbrunnen ist Wildhüter im Saanenland und selber erfahrener Skitourenfahrer. Nach nächtlichem Schneefall beobachtet er am nächsten Tag regelmässig komplett verfahrene Pulverschneehänge – auch in längst bestehenden kommunalen Wildschutzgebieten.

«Heute sind viel mehr Leute unterwegs als früher», sagt Zumbrunnen, «dazu kommt, dass man mit der besseren Ausrüstung inzwischen auch Hänge locker meistert, die man früher mied.» Die Folge: Der Druck auf die Natur steigt mehrfach, was in der für Tiere schwierigeren kalten Jahreszeit besonders heikel sei.

Zumbrunnen, dessen Lachfalten ein heiteres Gemüt verraten, bringt die laufende Revision der kantonalen Wildschutzzonen auf einen Nenner. Im Prinzip würden vor allem die bereits bestehenden lokalen Wildruhezonen offizialisiert. Wer diese bisher beachtet habe, sagt Zumbrunnen, werde weiterhin kein Problem haben. Wer nicht, künftig aber schon – in Form einer Ordnungsbusse.

Sofern man – Zumbrunnen lächelt – beim Übertreten vom Wildhüter gesehen wird. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.03.2018, 06:29 Uhr

High Noon ob Grindelwald

Die heftigste Auseinandersetzung zwischen Bergsportlern, Naturschützern und Behörden tobt um das Skitourengebiet Schwarzhorn über Grindelwald. Konfliktgegenstand ist nicht eine kantonale Wildruhezone wie im Saanenland oder im Gantrischgebiet.

Es geht um eidgenössisches Jagdbanngebiet, weshalb auch das Bundesamt für Umwelt involviert ist. Das juristische Hin und Her dauert seit Jahren an. Aktueller Stand: Von sieben Routen in dem Gebiet gelten drei als gesperrt.

Vor Verwaltungsgericht erstritten sich aber die Grindelwalder Bergführer die Legiti­mation, gegen die vom kantonalen Jagdinspektorat verordnete Schliessung der drei Routen Gerstenlücke, Schöniwenghorn und Bandspitz Beschwerde zu führen.

Im Moment ist nicht abschliessend geklärt, ob die Sperrung gilt oder nicht. Der Kanton hält daran fest. Auf gültigen Skitourenkarten im Internet sind die drei Routen nicht mehr aufgeführt.

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