Zum Hauptinhalt springen

Kein gelungenes Experiment

festivalzeltEin Klassiker der Musicalgeschichte stand am Wochenende auf dem Programm. Doch das Experiment gelang nicht durchwegs.

Er wünsche sich, dass das Publikum «absolut aufgedreht aus dem Stück herauskommt», sagte Regisseur Tom Ryser von seiner «My Fair Lady», jenem Musical, das während der Saison 2009/2010 an der Basler Oper Premiere feierte. Sein Wunsch ist Ryser – seines Zeichens erfolgreicher Hausregisseur des Komikerduos Ursus&Nadeschkin – am Menuhin Festival Gstaad nicht gelungen. Zwar erwies sich seine Idee, das typisch britische Problem der klaren Unterscheidung von High Society und Arbeiterklasse in eine Schweizer Stadt mit Migrationsproblemen zu verlegen, als gelungen. Und dass Ryser seine Eliza Doolittle als polnische Strassenmusikerin, die mit allen Wassern gewaschen ist, statt als verträumtes Blumenmädel auftreten liess, hatte durchaus seinen Reiz. Eine berührende Eliza Mit Katharina Göres, die anstelle der Basler Originalbesetzung (der Polin Agata Wilewska) als Eliza auftrat, hatte Ryser zudem einen Glücksgriff getätigt. Göres’ Interpretation im Ohrwurm «Ich hätt’ getanzt heut’ Nacht» wurde zum Highlight am Samstagabend: Eliza zeigte auf berührende Weise ihre Zerbrechlichkeit und die langsame Wandlung vom verunsicherten und daher grossmauligen polnischen Strassenmädchen zur selbstsicheren Frau, die weiss, was sie will – und was nicht. Dagegen blieben die übrigen Figuren wie Henry Higgins (Dirk Glodde) als Elizas Lehrmeister, Colonel Pickering (Christoph Mory) oder Elizas Vater Alfred P. Doolittle (Andrew Murphy) seltsam konturlos. Dass Glodde mit den Tücken der Technik zu kämpfen hatte und sich nie darauf verlassen konnte, ob sein Mikrofon auch funktionierte, erleichterte ihm seine Aufgabe keineswegs. Erst spät durfte er endlich jenen cholerischen und asozialen Gelehrten spielen, den er sein wollte. Dass Rysers Inszenierung nicht mit dem Lichterlöschen im Festzelt anfing, sondern bereits mit der Türöffnung, wurde vom Publikum zwar gut aufgenommen; doch die Basler Sinfonietta und deren Leiter David Cowan kamen mit dieser Situation nicht vollends zuwege. Slapstick mit Fragezeichen Dafür wuselten und wirbelten die drei Damen des aufreizenden Staubsaugerballetts in schönster Kleinkunstmanier in den Zuschauerrängen und auf der Bühne herum. Worin allerdings deren tieferer Sinn lag, blieb dem Publikum verborgen. Und nicht immer waren deren Slapsticknummern erheiternd, sondern hin und wieder einfach fehl am Platz. Zum Rätsel geriet in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass die stets korrekte Haushälterin Mrs. Pearce (Sigrun Schneggenburger) kurz vor Schluss des Musicals nach Elizas wütendem Abgang in vollkommen betrunkenem Zustand ins Arbeitszimmer ihres Arbeitgebers torkelt und undefinierbare Verrenkungen vollführt. Sicher, auch auf dieser Ebene lässt sich die Doppelmoral des englischen Klassikers mit der stets fein säuberlich gepflegten Fassade aufdecken; doch dafür zeigte Schneggenburger zuvor zu wenig Ecken und Kanten. Als wesentlich gelungenere Einfälle erwiesen sich die Reminiszenzen und ironischen Anspielungen auf die Slam-Poetry-Szene sowie die diversen Castingshows wie «Germany’s Next Topmodel» oder «Musicstar», in denen jungen Menschen der Traum vom erfolgreichen Eintritt in die Glamourwelt der Schönen und Reichen vorgegaukelt wird. Wäre Ryser diesem Ansatz treu geblieben, wäre seine Adaption von «My Fair Lady» geglückt.HeinerikaEggermann Dummermuthwww.menuhinfestivalgstaad.ch>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch