Keiner zu alt, ein Klimaschützer zu sein

Spiez

Er ist bald 90-jährig und hat eine Vision. Mit einem gewaltigen Projekt liesse sich die Seewärme im grossen Stil nutzen, ist Christian Hofstetter überzeugt.

Christian Hofstetter, an der Ländte Spiez, ist überzeugt: Seethermie lässt sich im grossen Stil nutzen.

Christian Hofstetter, an der Ländte Spiez, ist überzeugt: Seethermie lässt sich im grossen Stil nutzen.

(Bild: hpr)

«Dieser See birgt ein schier unvorstellbar gewaltiges Energie­reservoir in sich!» Mit einer ausladenden Geste weist Christian Hofstetter an der Schiffländte in Spiez auf den Thunersee, der in der Sonne glitzert. «Rechnen Sie mal: Wenn man einem einzigen Liter Wasser ein Grad Wärme entzieht, gewinnt man daraus 1000 Kalorien, also 4186 Joule.»

In der Tat. Angesichts der Grösse des Sees und der Tatsache, dass in ihm 6,5 Milliarden Tonnen Wasser lagern, ist die gespeicherte Energie riesig. Und sie erneuert sich ständig. Jede Sekunde fliessen 110 Kubikmeter, also 110 000 Liter, Wasser frisch in den See und ebenso viel wieder hinaus.

Reservoirs im Spiezberg

Dies hat Hofstetter, der seit nahezu 50 Jahren in Spiez wohnend den Thunersee überblickt, zu einer Idee inspiriert: Warum nicht die Seethermie, also die Energie, die in Form von Wärme im See steckt, nutzen? «Wäre der See ein Kohlelager, das zur Verbrennung abgebaut würde, hätten wir am Ende die Luft verschmutzt, mit enormen Mengen an Kohlen­dioxid zur Klimaerwärmung beigetragen und stünden vor dem Nichts», sagt der 88-Jährige. «Die potenzielle Energie, die in Form der Wassertemperatur im See lagert, ist hingegen unerschöpflich. Also nutzen wir sie!»

Dazu hat der Wahlspiezer eine grosse Vision. Ihm schwebt nicht bloss vor, mittels Wärmetauschern Seewärme zu gewinnen und diese etwa zum Heizen von seenahen Liegenschaften zu verwenden. «Wärme zum Heizen wird nur im Winter benötigt, Elektrizität aber an 365 Tagen», sagt Hofstetter. Das erwärmte Wasser könnte man «in sehr grosse Reservoirs im Innern des Spiezbergs pumpen. Diese müssten erdbebensicher gebaut werden und eine hohe Wärmeisolation aufweisen.» Weitere Wärmepumpen könnten dann «als zweite Stufe auf höherem Niveau Hochdruckdampf erzeugen für den Betrieb einer Dampfturbine zur Gewinnung von Elektrizität oder Wasserstoff». Wasserstoff würde sich «vermutlich für den Antrieb grosser Verbrennungsmotoren mit Generator eignen».

Eine Utopie?

Das wirft viele Fragen auf. Was geschähe zum Beispiel mit dem Aushub für die Riesenreservoirs im Spiezberg? Wo, wie und in welcher Seetiefe würden die Panels der Wärmetauscher sowie Pumpen angebracht? Wie würden sie vom Algenbewuchs befreit? Wie sähe es mit der Wirtschaftlichkeit aus? Und könnte eine solche Anlage überhaupt effizient Energie gewinnen? Hofstetter hat viele Antworten bereit, betont aber gleichzeitig, er wolle lediglich Anstoss geben für eine Gesamtkonzeption. Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie wären Fachleute der verschiedensten Disziplinen beizuziehen.

«Der Anreiz zur Bildung der Fachgruppe müsste baldmöglichst vom Spiezer Gemeindeparlament erfolgen. Nach Vorliegen der Machbarkeitsstudie würde ein Joint Venture dann helfen, eine in der Öffentlichkeit breitabgestützte Bau- und Betreibergesellschaft zu gründen.» Leider werde er «2035, wenn der erste Anlageteil ans Netz geht und Spiez ein grosses Energiestadtfest feiert, nicht mehr dabei sein dürfen», sagt der Visionär mit ironischem Lächeln.

Doch was treibt einen «bald 90-Jährigen», wie er sich selbst bezeichnet, noch an, alternative Energiekonzepte zu entwerfen, um gegen die Klimaerwärmung anzukämpfen? «Auch unsere Nachfahren sollen noch eine lebenswerte Welt übernehmen können», antwortet der Vater, Grossvater und Urgrossvater ganz selbstverständlich: «Da weltweit millionenfach nur Forderungen gestellt werden, habe ich versucht, eine mögliche Variante aufzuzeigen, wie die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und der Atomenergie beendet werden kann.»

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