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Kleist und der «Wir.»-Aufkleber

kleist in thunDie deutsche Koordinatorin Anett

Er ist rechteckig und türkis, der Aufkleber mit dem Logo zum Kleist-Jahr 2011. Das «Wir.» ist grösser als das «Heinrich v.». Der Nachname erscheint optisch geteilt. Es kann kein Zweifel bestehen: Beim Gestalten der Wortmarke wurde nachgedacht. Und wir – beziehungsweise «Wir.», die Kleist-Leser und -Freunde – sind damit herausgefordert, gleichfalls nachzudenken. Vielleicht über die Zerrissenheit des Autors. Oder über unser Verhältnis zu ihm, wie das in Gedenkjahren so ist. Beginnen wir mit dem Punkt. Durch ihn wird das «Wir.» – auch Kleist benutzte Satzzeichen bekanntlich tiefgründig – nicht nur theatralisch, sondern eine Aussage. Aber welche? Ist der unüberbrückbare Gegensatz von Leser und Autor gemeint? Oder war/ist Kleist schlicht einer von uns? Oder war/ist er gerade keiner von uns, weil er so viel mehr so viel ungewöhnlicher ausdrücken konnte als die meisten des Deutschen mächtigen Menschen und weil er eben überhaupt «anders» war? Auch wenn kein Konterfei den Sticker schmückt: «Wir.» verzichten deswegen noch lange nicht darauf, uns ein Bild vom abwesenden Autor zu machen. Das im Falle Kleists seit je praktisch unlösbare Problem, einen Selbstmörder angemessen zu würdigen, der sich nicht nur durch ästhetisierte Gewaltexzesse (wie in «Penthesilea») hervorgetan hat, sondern zugleich durch patriotische Ausbrüche (wie in «Germania und ihre Kinder»), die heute eher peinlich berühren; diese Sperrigkeit Kleists hat auch schon die Organisatoren früherer Gedenkjahre beschäftigt. Während man sich früher aber mit dem Errichten von Denkmälern und dem Abhalten von Gedenkfeiern und Theateraufführungen begnügte, wird heute nicht selten Inhaltsreduziertes versinnbildlicht. Gedenken hat sich verändert Für unsere Zeit muss es vor allem grellfarbig sein; worum es genau geht, interessiert nicht so sehr. Kaum mehr vorstellbar, dass man über Kleist schon in den finsteren Zeiten nachdenken konnte, als er noch nicht über eine «Domain» im Internet verfügte und es noch nicht einmal eine «Kleist-Medienlounge» gab. Über den «Zeit-Geist-Kleist» hat man zwar schon 1911 gespottet, gleichwohl aber darf die Gedenkpraxis des Jahres 2011 nachdenklich stimmen. Natürlich und glücklicherweise hat sich das (früher nicht selten säbelrasselnde und nationalistische) Gedenken an Kleist im Lauf des 20.Jahrhunderts substanziell verändert. Heute aber inszeniert und zelebriert man kaum mehr ihn, sondern gnaden- und hemmungslos kollektive, oder, schlimmer noch, eigene Befindlichkeiten, und dies weitgehend entrückt von historischen Kontexten. So mutiert denn – wie in der Berliner Ausstellung – der Autor mühelos zum traumatisierten Kindersoldaten, dessen Homosexualität zudem durch ein Gayvideo «belegt» werden kann. Womöglich sollte man sich doch einmal wieder auf Lessing zurückbesinnen, der schon 1753 wusste, was Schriftstellern am Herzen liegt: «Wir wollen weniger erhoben und fleissiger gelesen sein.» Zeit genug wäre dafür vorhanden: Das nächste Kleist-Jahr ist erst 2027. Anett Lütteken«Kleist in Thun» ist eine dreiteilige Serie zum 200.Todesjahr des deutschen Dramatikers Heinrich von Kleist, der 1802/1803 in Thun gelebt und gearbeitet hat. Die Autorin hat sich in ihrer Doktorarbeit mit der Wirkungsgeschichte Heinrich von Kleists im 19. und frühen 20.Jahrhundert beschäftigt. Die ersten zwei Teile sind am 28.Juli und am 10. August erschienen. >

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