Zum Hauptinhalt springen

Kostners Kirschen auf der Torte

Carolina Kostner hat das Berner Publikum verzaubern wollen. Das italienische Glamourgirl im Eiskunstlauf erlebte mit zwei Stürzen aber ein Debakel.

Wenn Gudrun Jacobs diese Zeilen liest, sitzt sie wieder zu Hause in Aachen. Die rüstige Seniorin hat ihre Ferienwoche in Bern abgebrochen, weil sie genug vom Bibbern hatte. «Mir war so kalt im Eispalast», sagte Jacobs vor zwei Tagen, als sie zufrieden in der gut temperierten Trainingshalle sass. Dort ist es 10 Grad wärmer als in der kühlen Postfinance-Arena (+5 °C). Sie habe sich noch einmal das Vergnügen geleistet, eine Eiskunstlauf-EM zu besuchen, erzählte sie. «Vielleicht ist es meine Letzte.» Jacobs reiste wegen einer Läuferin nach Bern: Carolina Kostner. «Ich kenne sie seit vielen Jahren. Ihre Ausstrahlung, Eleganz und Technik begeistern mich. Schauen Sie mal, wie graziös sie sich bewegt.» Auch Jamal Othman verfolgt das Training von Kostner, die ihren vierten EM-Titel nach 2007, 2008 und 2010 anstrebt. Der Berner Eiskunstläufer, ein Weggefährte der 23-jährigen Italienerin, ist hingerissen von ihrem Auftritt. «Ihre Beweglichkeit, ihre Schönheit und ihr Körperbewusstsein sind bewundernswert. Wegen ihrer Körpergrösse wirkt sie wie ein Strich auf dem Eis», schwärmt der Olympiateilnehmer von Turin. Kostner ist mit 1,69 Metern eine der Grössten im Feld der kontinentalen Titelkämpfe. Wenn sie nicht gerade auf dem Eis stehe, sei sie eine ganz normale, bescheidene Frau, verrät der 24-jährige Othman mit einem Schmunzeln. «Auf dem Eis jedoch lebt Carolina in ihrer eigenen Welt.» Kostner ist die einzige Europäerin, welche bisher in einem Wettkampf die Kombination Dreifach-Flip-Dreifach-Toeloop stand. Wortlos läuft Kostner an den Journalisten vorbei. Die ehemalige Freundin von Stéphane Lambiel gibt in Bern keine offiziellen Interviews. Das müsse man verstehen, sagt ihr Trainer Michael Huth (41) entschuldigend. Sie sei fokussiert auf die Titelverteidigung und wolle nicht unnötig Energie verschwenden. Der Hintergrund: Kostner musste in ihrer Karriere bittere Niederlagen verarbeiten. Die Nerven hatten ihr an Grossanlässen bisweilen einen Streich gespielt. An den XX. Winterspielen 2006 in Turin trug sie bei der Eröffnungsfeier die italienische Fahne ins Stadion. Die hohen Erwartungen erdrückten sie, Kostner enttäuschte mit Rang 9. Vier Jahre später in Vancouver patzte sie bei sechs von zwölf Sprüngen, dreimal stürzte sie. Nach dem 16.Rang herrschte bei der WM-Zweiten von 2008 Ratlosigkeit. Im vergangenen Juni kehrte Kostner zu Huth ins Leistungszentrum nach Oberstdorf zurück. Der einjährige Trainingsabstecher im olympischen Winter bei Frank Carroll in den USA geriet zum Desaster: Anstatt vom Starcoach betreut zu werden, wurde Kostner zu Crista Fassi abgeschoben. Heimweh nach Freund und Familie beschleunigten die Rückkehr ins Allgäu. In Italien ist Carolina Kostner ein Glamourgirl. Mal posiert sie im knappen Bikini, mal sitzt sie während einer Fernseh-Talkshow von Simona Ventura ihrem Freund Alex Schwazer, 2008 Olympiasieger über 50 km Gehen, auf dem Knie. Kostner wird vom italienischen Modeschöpfer Roberto Cavalli stilgerecht eingekleidet. Die Südtirolerin, welche in St.Ulrich im Grödnertal aufgewachsen ist und in Turin Geschichte und Kunst studiert, parliert fliessend in vier Sprachen (Italienisch, Deutsch, Englisch, Französisch). Kostner stammt aus einer sportlichen Familie. Ihr Vater Erwin, der jahrelang Kapitän der italienischen Eishockey-Nationalmannschaft gewesen war, trainierte von 2008 bis 2010 den NLB-Klub Thurgau. Isolde Kostner, die zweifache Skiweltmeisterin, ist die Cousine von Carolina. Die bisweilen extrovertierten Auftritte von Kostner korrespondieren nicht unbedingt mit ihrem scheuen Charakter, wie ihn Trainer Michael Huth beschreibt. «Ihr Ehrgeiz ist ihr grösster Feind», sagt der 41-jährige Sachse. Sein Schützling wolle es gelegentlich zu perfekt machen. «Carolina möchte die Torte manchmal mit zu vielen Kirschen dekorieren. Fehlerfreie Trainingseinheiten können im Wettkampf nun mal nicht mehr verbessert werden», meint Huth. Im gestrigen Kurzprogramm garnierte Kostner die Torte mit zu vielen Kirschen. Sie erlebte in ihrer ausdrucksstarken Flamenco-Kür mit zwei Stürzen ein Debakel. Mit über zehn Punkten Rückstand hat Kostner auf Rang sechs nur noch geringe Siegeschancen. «Irgendwie muss ich lachen über meine dummen Fehler. Ich war sehr nervös, obwohl meine Trainingsleistungen so gut waren», sagte die weltbeste Gleiterin gestern. Heute wolle sie nochmals angreifen. Italienische Experten trauen ihr sogar Silber zu. In Führung liegt die Finnin Kiira Korpi. An Europameisterschaften fühlt sich Kostner gewöhnlich wohl. Das hänge mit ihren schönen Erinnerungen zusammen, sagt Huth. Im Jahr 2003 belegte sie gleich bei ihrem ersten Auftritt mit einem sensationellen Kürprogramm den vierten Platz. Wenn Carolina Kostner heute in Bern tatsächlich Silber gewinnt, wäre das für Gudrun Jacobs das Sahnehäubchen. Sie drückt ihr in Aachen vor dem Fernseher die Daumen. Thomas Wälti>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch