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«Mesfen kann nie mehr der Alte werden»

thunAm Montag beginnt der Prozess zur brutalen Schlägerei im Mokka im Februar 2010: Dem schwer verletzten Opfer Mesfen Semer Hagos geht es zwar besser, als anfänglich angenommen werden konnte. Doch wegen der Hirnverletzung bleibt er behindert und kann nie mehr alleine für sich selbst sorgen.

Mesfen Semer Hagos sitzt inmitten vieler anderer Gäste, hält sein volles Glas Mineralwasser auf dem Tisch und schaut dem Treiben im Café zu. Er verfolgt, wie die Leute bestellen, trinken, gehen und kommen – und lächelt ihnen zu. «Mesfen», lockt Ibrahim Ahmed Hassan dessen Aufmerksamkeit auf sich, «Mesfen, wie heisse ich?», fragt er auf seine eigene Brust tippend. Semer Hagos schmunzelt, wippt mit dem Oberkörper und antwortet: «Mesfen.» Ahmed Hassan erwidert: «Nein, das ist dein Name. Und meiner?» Er schlägt ihm vor, ihn mit dem Handy anzurufen. Semer Hagos lächelt verschmitzt und runzelt die Stirn, als ob er sagen wollte, dass dies unlogisch sei, wo sie sich doch gegenübersitzen. «So siehst du meinen Namen im Display», begründet Ahmed Hassan seinen Vorschlag. Semer Hagos sucht in den Kontakten, tippt mit dem Zeigefinger auf ein Foto, neben dem ein Name erscheint, und buchstabiert strahlend: «Ebrahim!» Das Glas, das voll bleibt «Mesfen lächelt die meiste Zeit und geniesst einem Kind ähnlich den Moment und das, was gerade ist», sagt der Sudanese Ibrahim Ahmed Hassan aus Thun. «Eine Konversation ist jedoch unmöglich – und ob ein Nein ein Nein und ein Ja ein Ja ist, ist schwierig zu beurteilen», sagt er. Sein Freund erinnere sich zeitweise an Orte und Menschen, doch er vergesse eigentlich fast alles sogleich wieder. «Ich kann ihn fragen, ob er Durst hat, und er sagt Ja, doch um zu erfahren, was er trinken möchte, braucht er Vorschläge», beschreibt er eine Alltagssituation. «Danach entscheidet er sich zwar für etwas, trinkt jedoch womöglich keinen Schluck davon.» Zur Erinnerung: Dem Eritreer aus Heimberg wurde bei der brutalen Schlägerei im Mokka eine Hirnverletzung zugefügt (wir berichteten mehrmals; vgl. Kasten «Tatnacht» und «Gericht»). Nächste Schritte abklärenZurzeit wohnt Semer Hagos immer noch in einem Heim in der Region, doch die zuständige Gemeinde Heimberg sucht einen neuen Platz für ihn. «Obwohl mit Operationen, der Spitalpflege, speziellen Rehabilitationsprogrammen und Therapien mehr als je erwartet erreicht werden konnte, kann Herr Semer wohl nie mehr ohne Hilfe von Dritten leben», sagt Konrad Steiner, Abteilungsleiter Sozialdienste und für das vormundschaftliche Mandat verantwortlich. Die Halbseitenlähmung, die Defizite beim Sprechen und die Gedächtnisprobleme würden kaum je gänzlich heilen können. «Er ist nicht urteilsfähig und kann weder vorausschauend denken noch handeln», nennt Steiner Beispiele. Zurzeit würden mehrere Plätze abgeklärt: «Wenn alles klappt, kann Herr Semer auf einem speziell eingerichteten Bauernhof oder in einem Heim mit wenigen Betreuungsplätzen längerfristig wohnen», sagt Steiner. Ahmed Hassan nimmt Semer Hagos an den Wochenenden oft zu sich und macht mit ihm Ausflüge. «Ich habe viel gelernt in dieser Zeit, doch es ist nicht immer einfach», gesteht er und schaut seinen Freund an. «Mesfen ist nicht mehr der Mesfen, den ich kannte, sondern ein ganz anderer Mensch.» Kommt sein Bruder? Die Gemeinde Heimberg ist – im Auftrag des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK), welches die Kosten von Semer Hagos finanziert und diese via Lastenausgleich dem Kanton verrechnet – für den anerkannten Flüchtling zuständig. Das SRK hat sich zudem dafür eingesetzt, dass dessen Bruder eine Einreisebewilligung für die Schweiz erhält. «Wie es in ferner Zukunft weitergeht, ist noch offen», sagt Steiner. Fürsprecher Peter Huber vertritt Mesfen Semer Hagos am Gericht. «Dieser Fall, der bis ans Lebensende meines Klienten andauert, kostet sehr viel», sagt er zur Frage der Kosten. Diese genau zu beziffern, sei zum jetzigen Zeitpunkt schwierig. «Die Haftungsquote würde eigentlich beim Täter liegen, denn Versicherungen zahlen solche Delikte nicht.» Ob dieser jedoch einen Rappen bezahlen werde, könne er schwer beurteilen. Der Prozess macht nervös Am Montag startet der Prozess, auf den Ibrahim Ahmed Hassan gespannt ist. «Mesfen kennt das Mokka und Pädu wieder, wenn wir dort sind, doch Erinnerungen an die Tatnacht hat er nicht – und er könnte von seinem Zustand her auch nicht befragt werden», sagt der Sudanese, selber auch anerkannter Flüchtling, der als Zeuge aussagen muss. Ihn beschäftigt der Prozess und alles, was damit zusammenhängt. «Ich bin nervös, aufgeregt und natürlich auf die Urteile gespannt», sagt er und schüttet versehentlich Zucker in das Glas Wasser statt in den Espresso. Semer Hagos ruft: «Nein, Halt!» Doch es ist zu spät. Die beiden Freunde lachen, schauen ins Zuckerwasser, stehen auf und verlassen das Café. Das Glas Mineralwasser von Mesfen Semer Hagos ist voll geblieben. Franziska Streun>

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