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Mit dem Alter bekamen die Bäuerinnen neue Freiheiten

Ältere Emmentaler Bäuerinnen haben in den letzten Jahrzehnten starke Veränderungen erlebt. Aber sie kommen damit viel besser zurecht, als

«Ob ältere Emmentaler Bäuerinnen alten Zeiten nachtrauern, weil sie der Meinung sind, das Leben sei früher schöner gewesen?» Das wollte Jeannine Ryser auf ihrem Fragebogen in Erfahrung bringen. Die 33-jährige gebürtige Sumiswalderin studiert Alterswissenschaft und widmet sich in ihrer Masterarbeit dem «Älterwerden als Bäuerin im Emmental». Zuerst befragte sie 122 Emmentalerinnen – zumeist ebenfalls Bäuerinnen – schriftlich und stellte ihnen dabei unter anderem die Frage nach dem Leben von früher. Harte Arbeit, hartes Brot Die meisten nahmen an, dass ältere Bäuerinnen «eher schon» alten Zeiten nachtrauern. Aber sie täuschten sich: Jeannine Ryser hat 20 Emmentaler Bäuerinnen im Alter von 65 bis 80 Jahren persönlich interviewt und herausgefunden, dass die meisten keineswegs der Meinung sind, früher sei das Leben schöner gewesen als heute. Zu hart sei die tägliche Arbeit gewesen, und sie hätten «viel weniger Möglichkeiten» gehabt als die jungen Leute von heute, so der Tenor. Jeannine Ryser hält fest: «Auffallend viele der Interviewten betonten, dass es ihnen im Leben noch nie so gut gegangen sei wie heute als älter werdende Frau.» «Spontan geplaudert» Die Studentin fand in ihren Gesprächen zudem heraus, dass im Emmental nicht nur Bescheidenheit zu den grundlegenden Werten zählt, sondern auch das Bestreben, «mit wenig zufrieden sein zu können». Das führte dazu, dass sich die Frauen als junge Bäuerinnen in ihre Aufgaben schickten. «Wir kannten nichts anderes», bekam die Studentin oft zu hören. Zwischen 4 und 5 Uhr morgens aufstehen und bis spätabends hart arbeiten – das war normal. Der Alltag der Bäuerinnen war geprägt von anstrengenden Wasch-, Back- und Schlachttagen und von harter Feldarbeit. Das Kochen war aufwändig, das Essen einseitig. Verständlich, dass die Bäuerinnen den technischen Fortschritt lobten – und sich über Waschmaschinen, Kochherde und Badezimmer freuten. Mit Blick auf soziale Aspekte hingegen sind die Bäuerinnen über die Veränderungen nicht durchwegs glücklich: Sie trauern zwar der starken sozialen Kontrolle und den strengen Regeln von einst nicht nach. Aber viele finden, früher seien Zusammengehörigkeitsgefühl und Nachbarschaftspflege stärker gewesen. Man habe öfter «spontan miteinander geplaudert». Kritisch beurteilten die älteren Bäuerinnen zudem die heutige Kindererziehung. Zwar begrüssen sie es, dass heute viel stärker auf die Kinder eingegangen wird und Konflikte offen zur Sprache kommen. Doch mit dem Verschwinden der Mehrgenerationenhaushalte hätten die Kinder weniger Ansprechpersonen, und die gesamte Verantwortung für die Erziehung laste zunehmend auf einer Person. Nicht zur Last fallen Obwohl sich die Bäuerinnen vor dem Verlust der Selbstständigkeit und dem Eintritt ins Altersheim fürchten, «würden sie sich trotzdem für das Altersheim entscheiden, um die Familie nicht zu bemühen», schreibt Jeannine Ryser und erklärt: Viele hätten als junge Frauen schwer pflegebedürftige Angehörige betreuen müssen. Diese Belastung möchten die Bäuerinnen ihren Familien offenbar ersparen. Jeannine Ryser hat die älteren Emmentaler Bäuerinnen als pragmatisch und aufgeschlossen erlebt – 12 von 20 besitzen einen Computer. Die subjektive Zufriedenheit der älteren Bäuerinnen sei hoch. «Sie sehen ihr eigenes Älterwerden nicht als eine von Defiziten geprägte Lebensphase, sondern geniessen ihre mit dem Altern erlangte Freiheit.»Susanne Graf >

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