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Mit Faltprospekt gegen Zwangsheirat

PartnerwahlDie 19-jährige A. will in den Sommerferien nicht mit der Familie in die Heimat reisen. Denn dort droht ihre eine Zwangsheirat. Mit einem Informationsblatt will der Kanton Bern nun dafür

«Du entscheidest, ob, wen und wann du heiratest!», schreibt die Berner Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt in ihrem Faltblatt, das sie gestern veröffentlicht hat. «Hast du Angst, gegen deinen Willen verheiratet zu werden? Hol dir Unterstützung!», werden Jugendliche und junge Erwachsene aufgefordert. Letztes Jahr verlangten die beiden Grossräte Daniel Steiner-Brütsch (EVP, Langenthal) und Ruedi Löffel (EVP, Münchenbuchsee) mit einer Motion vom Regierungsrat, dass er Massnahmen ergreift zur Verhinderung von Zwangsheiraten. Es ist kein Zufall, dass der Kanton Bern sein neues Informationsblatt zu diesem Thema kurz von den Sommerferien herausgibt: Viele ausländische Familie reisen demnächst zu den Verwandten ins Heimatland – und einige von ihnen haben dort bereits eine Hochzeit arrangiert. Auch die Familie der 19-jährigen A. (Name der Red. bekannt) aus dem Kosovo wollte diesen Sommer in die Heimat reisen und dort die von langer Hand geplante Heirat von A. mit einem jungen Mann aus dem Dorf feiern. A. kann sich durchaus eine Heirat vorstellen, aber nicht jetzt – und vor allem nicht mit einem Mann, den sie gar nicht kennt. In ihrer Not wandte sich A. an die Informationsstelle Zwangsheirat.ch. Vor den Sommerferien häufen sich die Anfragen, erklärt Ganga Jey Aratnam vom Beratungsteam. Im Normalfall melden sich durchschnittlich zwei Betroffene pro Woche, vor den Ferien sind es doppelt so viele. Die meisten Fälle von Zwangsheiraten und Zwangsehen, welche die Informationsstelle kennt, betreffen kosovarische, türkische, kurdische und tamilische Familien. Zwangsehen kommen aber auch bei Einwanderern aus Äthiopien, Eritrea und Somalia vor. Nicht nur für Frauen Zwangsheiraten sind keineswegs ein typisches Frauenproblem: Nicht nur die Braut, auch der Bräutigam wird von der Familie zur Heirat gedrängt. Doch viele Männer empfinden eine solche Heirat nicht als Zwang, oder sie leiden weniger als Frauen darunter. Deshalb melden sich auch weitaus häufiger junge Frauen bei der Informationsstelle. Fingerspitzengefühl nötig Es braucht Fingerspitzengefühl, A. und anderen Betroffenen zu helfen. Viele schwanken zwischen dem Wunsch, es den Eltern und der Familie recht zu machen und dem Bedürfnis, selbst über die Zukunft zu bestimmen. Häufig zögern sie lange, bis sie sich an Dritte wenden und um Hilfe bitten – oft auch aus Angst, dass sie ihrer Familie schaden könnten. Denn die freie Partnerwahl ist ein Menschenrecht, und Zwangsheiraten sind in der Schweiz verboten. «Das Ziel unserer Beratung ist es nicht, jemanden zu bestrafen», betont Ganga Jey Aratnam. Es ist meistens eine schlechte Lösung, wenn die Situation eskaliert und betroffene Jugendliche aus der Familie herausgenommen und an einen anderen Platz vermittelt werden müssen. Überzeugungsarbeit nötig Den Betroffenen ist anders mehr gedient: Im Fall von A. konnte Zwangsheirat.ch mit dem Arbeitgeber von A. vereinbaren, dass er ihr diesen Sommer keine Ferien gewährt. Damit hat A. die bevorstehende Zwangsheirat hinausgeschoben und hat nun Zeit, ihre Familie in kleinen Schritten davon zu überzeugen, dass sie selber über ihre Heirat entscheiden kann. A. versucht derzeit ihren Eltern zu zeigen, dass sie durchaus selber die Initiative ergreifen kann und hat zum Beispiel für ihre Mutter einen Ausflug an den Rheinfall in Schaffhausen arrangiert. «Das Ziel ist es, den Eltern bewusst zu machen, dass nicht nur ihre Tochter von ihnen, sondern auch sie von ihrer Tochter abhängig sind – etwa, wenn sie Übersetzungshilfe brauchen», erklärt Ganga Jey Aratnam. Erstmals im Ausgang Kürzlich ist A. sogar bis 22 Uhr zum ersten Mal in den Ausgang gegangen. Sie war wie angekündigt pünktlich zurück. Ihr Vater hat vier Tage nichts mehr mit ihr gesprochen. Doch Jey Aratnam ist zuversichtlich, dass sich A. durchsetzen wird und dereinst selber entscheiden wird, ob, wen und wann sie heiratet. Esther Diener-MorscherFaltblatt «Zwangsheirat» erhältlich bei: Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt des Kantons Bern, Kramgasse 20, 3011 Bern, 0316335033. info.big@pom.be.ch>

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