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Nostalgiker feiern die Wiedergeburt der Schallplatte

KursaalAn der 20. Berner Schallplattenbörse waren sich rund 500 Besucher und Vinylspezialisten einig: Die LP boomt und wird die CD

Pierre-Alain Grossmann ist mit seiner Frau Claudine von Marin-Epagnier am Neuenburgersee an die Schallplattenbörse nach Bern gereist. Der passionierte Schallplattensammler hat zu Hause 18000 Schallplatten. «Ja, wir sind schon nicht ganz dicht», sagt er schmunzelnd. Er erklärt sogleich den Hauptgrund seiner Leidenschaft: «Mit der Schallplatte hältst du noch etwas in der Hand. Da musst du noch in den Laden gehen, anstatt einen Song einfach vom Internet runterzuladen», sagt der 61-Jährige. Sie hätten kürzlich ein Jazzstück verglichen, zuerst auf CD und dann auf Schallplatte, sagt Claudine Grossmann. «Es war frappant. Auf der Schallplatte tönte es, wie wenn die Musiker irgendwie mit viel mehr Herz und Seele gespielt hätten. Der Sound fuhr einem direkt ein», sagt sie. Bei der CD habe die gleiche Aufnahme steriler geklungen. «Die interessanten Zwischentöne waren digital wie weggeputzt. Wenn man zu einer LP Sorge trägt, macht sie umso länger Freude», sagt Pierre-Alain Grossmann, der noch keine der 20 Ausgaben der Berner Schallpattenbörse verpasst hat. Überfluss an Nostalgie In Grossmanns Wohnung ist seine Sammlung auf drei Stockwerke verteilt. «Im ersten Stock führen wir Jazz, Rock’n’Roll, Jimi Hendrix und Progressives, im Parterre Pop, Rock und Heavy Metal und im Keller haben wir eine Jukebox, Singles und Klassik», sagt Claudine Grossmann. Ihr Mann habe ein riesiges Wissen über Musiker und Bands, weshalb viele junge Leute zu ihnen nach Hause kämen, um sich beraten zu lassen. «Die Erbschaft ist schon geregelt. Unser 40-jähriger Sohn Joël wird dann schon was Gescheites damit anfangen», sagt Pierre-Alain Grossmann. «Eine Vinylplatte entlädt sich nicht von selber wie die CD und hat einen Langzeitwert», sagt Daniel Lemp, Organisator und seit Jahren das Herz der Schallplattenbörse. Deshalb sei die CD auf dem absteigendem Ast. Beim Eingang des Kursaals spielen um 12Uhr gerade Big Balls alias Rockabilly-Busker Skinny Jim Tennessee und sein Partner Johnny Bravo. Die Elvis-Locke baumelt dem Sänger zu «Shake, Rock and Roll» ins Gesicht. In der grossen Ausstellungshalle drängen sich die Sammler an den Tischen der Händler und spähen eifrig nach Häppchen, staunen hier über ein wunderbares Plattencover oder schreien auf, wenn sie eine seltene Beatles-Version entdecken, die sie noch nicht haben. «Gerade gabs einen Knatsch mit einem Kunden, weil ein anderer ihm eine rare Rolling-Stones-Pressung aus der Schweiz vor der Nase weggeschnappt hatte. Ich hatte im zwar versprochen, die Scheibe für ihn wegzulegen. Doch der Schnellere hat mehr bezahlt», sagt Händler Bernhard Bolliger aus Burgdorf. Vinyl-Industrie im AufwindDie Schallplattenindustrie habe in den letzten Jahren stark zugelegt, sagt Bolliger. «Viele 50-Jährige hängen der alten Zeit nach und haben inzwischen genug Geld für das Sammlerhobby», so der 56-Jährige. Inzwischen würden viele neue Alben auch wieder als LP hergestellt, doch auch die alten Sachen wie Tina Turner, Pink Floyd und Beatles würden nochmals neu gepresst. «Zudem ist der Verkauf von hochwertigen Plattenspielern wieder stark angestiegen», weiss Bolliger. Plattenhändler Philippe Bachelin sortiert an seinem Stand Beatles-Platten. Er hat 1986 die Zürcher Schallplattenbörse gegründet. Er besitzt über 60000 Schallplatten und hat einen riesigen Fundus an Schweizer Musik. Deshalb habe er vor zwei Jahren das Buch «Swiss Singles Cover Gallery» geschrieben, um mal alles ordentlich zu archivieren, «damit man auch sieht, welche Platte in etwa wie viel Wert hat», meint Philippe Bachelin. Börsenorganisator Daniel Lemp zeigt sich zufrieden mit der diesjährigen Jubiläums-Schallplattenbörse. Unter den Händlern und Sammlern habe beste Stimmung geherrscht, und sie hätten vielen Menschen eine grosse Freude machen können. Für viele sei Schallplatten sammeln vergleichbar mit «briefmärkele mit de Ohre», findet Lemp.Norbert Hunziker>

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