«Samichlous, hesch du öppe es Outo?»

Einen roten Mantel überwerfen, den weissen Bart montieren, die Stimme verstellen – fertig ist der perfekte Chlous. Denkste! Weihnachtsmann spielen ist gar nicht so einfach.

Bei seinem Auftritt im Wald passierte dem BZ-Redaktor ein Missgeschick. Die Kinder bemerkten es nicht oder sahen gnädig darüber hinweg.

Bei seinem Auftritt im Wald passierte dem BZ-Redaktor ein Missgeschick. Die Kinder bemerkten es nicht oder sahen gnädig darüber hinweg. Bild: Thomas Peter

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Dieser kleine Frechdachs! Während die meisten Kindergärteler vor Ehrfurcht schier erstarren, legt dieser Junge eine ungeahnte Neugierde an den Tag. Als ich dabei bin, mit dem (wirklich!) schweren Jutesack schlurfend auf dem Waldspielplatz anzukommen, löchert er mich bereits mit Fragen.

Und natürlich ist der kleine Kerl auch dann auf Zack, als ich meinen Verlierermoment als Samichlaus-Novize einziehe: Während ich wort- und gestenreich erkläre, weshalb heute der Esel nicht mitkommen durfte (er war unartig), wühle ich in meiner Manteltasche, um den Kindern wenigstens ein Bild des abwesenden Grautiers zeigen zu können.

Dummerweise ziehe ich statt des Fotos den Autoschlüssel hervor. Welch Anfängerfehler! Die Frage des Knirpses kommt wie aus der Pistole geschossen: «Samichlous, hesch du öppe es Outo?»

Au Backe! Bringts der kinderlose, ledige Endzwanziger tatsächlich fertig, die anwesenden Kindergärteler ihrer friedvollen Illusion vom Weihnachtsmann zu berauben? Ich merke, wie die sonst schon verschwitzte Thermounterwäsche noch ein kleines bisschen feuchter wird. Meine Wangen fühlen sich feurig an (gottlob haben wir beim Schminken das Rouge weggelassen).

Jetzt nur nicht die Nerven verlieren! Ach ja, da war doch was mit einem Buch – etwas daraus vorlesen, die Notizen der Kindergärtnerin über das Verhalten der Kinder zurate ziehen. Ich schlage den Wälzer an der markierten Stelle auf, rücke meine Brille zurecht und bemerke mit ge­künstelter Coolness: «Das ist kein Autoschlüssel, meine lieben Kinder, sondern eine Kette.» Uff! Gerade noch mal gut gegangen. Er scheint sich mit der Antwort zufriedenzugeben, der wissbegierige Junge.

Vermutlich mache ich mir einfach zu viele Sorgen. Den Kindergärtelern geht es doch gar nicht darum, mich als Journalist im Chlousekostüm zu entlarven. Beste Beweise dafür sind die schüchtern lächelnden Gesichter und die erwartungsvollen Blicke, die mir und jeder meiner Handbewegungen zuteil werden.

Und auch im Gespräch mit den beiden Lehrpersonen vom Langenthaler Kindergarten Oberfeld, Andrea Geiser und Nathalie Scheibli, wird klar: Die Sprösslinge hegen keine detektivischen Absichten. «In diesem Alter wollen die Kinder noch an den Samichlaus glauben, sie steigen voll und ganz darauf ein», weiss Andrea Geiser.

Ein Mann wie er entspreche ganz ihrer mystischen Fantasiewelt. «Solche Sachen geben den Kindern Sicherheit und Geborgenheit in einer sich wandelnden Gesellschaft. Etwa, wenn beide Elternteile arbeiten und dem Nachwuchs nur beschränkt Zeit widmen können.»

Es ist dieses Vorgespräch mit den Kindergärtnerinnen, das mich nach meinem Schreckmoment wieder neue Hoffnung schöpfen lässt. «Der Samichlaus ist eine Respektsperson. Die Kinder werden ehrfürchtig sein – aber nicht ängstlich», höre ich Andrea Geiser in meinen Gedanken sagen, als ich aus dem Buch Dinge vorlese wie: «Im Bäbiegge müsste man halt nicht gar so viele Sachen auf einmal hervornehmen.»

Ich finde: Hilfe, das hört sich lächerlich an – das kaufen die mir nie und nimmer ab. Die Kinder finden: Wie recht er doch hat, dieser alte Mann mit dem dicken Bauch und dem langen weissen Bart. Leider bemerke ich die Hochachtung erst, nachdem ich die vor­bereitete Liste zu Ende gelesen habe – und in einem erneuten Anflug von Transpiration un­gläubig über den Rand meiner Brille linse.

Mucksmäuschenstill ists geworden. Ich blicke in weit offene Augen und o-förmige Münder. Das Schwitzen hat sich gelohnt. Darob ermutigt ist der Rest ein Kinderspiel: Sich einen Vers vortragen lassen, einem Lied lauschen, den Sack mit den Leckereien übergeben – und ganz zum Schluss jedem Kindergärteler das Händchen schütteln. Alsdann trotte ich davon.

Beim Parkplatz angekommen, stosse ich auf einen zweiten Samichlaus samt Schmutzli. Die beiden haben zur gleichen Zeit im selben Waldstück ebenfalls eine Kinderschar beglückt. Ich ertappe mich dabei, wie ich das Duo zuerst argwöhnisch betrachte, dann wortkarg grüsse.

Es kann nur einen geben, denke ich. Der einzig Wahre, der bin ich! Ob das die Starallüren sind, die ein Samichlaus entwickelt, nachdem ihm knapp zwanzig Kinder an den Lippen gehangen sind? Seis drum, es fühlt sich gerade echt gut an. (Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 06.12.2016, 17:29 Uhr

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