Bühne frei für den Nationalheiligen

In Wangen wird am Freitag das Musiktheater «Ranft-Ruf» des ehemaligen reformierten Huttwiler Pfarrers Simon Jenny aufgeführt. Es befasst sich mit dem katholischen Einsiedler Bruder Klaus.

<b>Proben für den Auftritt in Wangen an der Aare:</b> Simon Jenny (stehend) mit (v.l.) Tamar Jenny (Tochter, Regieassistenz) und den Schauspielern Markus Amrein, Luc Müller und Sylvia Garatti.

Proben für den Auftritt in Wangen an der Aare: Simon Jenny (stehend) mit (v.l.) Tamar Jenny (Tochter, Regieassistenz) und den Schauspielern Markus Amrein, Luc Müller und Sylvia Garatti.

(Bild: Nicole Philipp)

2017 wurde das 600. Geburtsjahr von Niklaus von Flüe gefeiert. An der katholischen Kirchgemeinde Langenthal ging dieses spurlos vorbei, obschon die katholische Kirche in Huttwil Bruder Klaus geweiht ist. Zu sehr waren Kirchgemeinde und Geistlichkeit mit der Einführung des neuen Pastoralraums absorbiert, als dass sie dafür Kapazitäten hätten frei­setzen können.

Doch nun, ein Jahr nach dem offiziellen Gedenkjahr, kommt der Schweizer Nationalheilige doch noch in den Oberaargau. ­Allerdings nicht nach Huttwil, sondern in die Christophorus-Kirche in Wangen an der Aare. Dies liege einerseits daran, dass diese Kirche mit ihrer Arena besser für die Aufführung geeignet sei, erklärt Thomas Gehrig, der OK-Chef von Wangen.

Zudem besteht eine Zusammenarbeit mit dem Verein Kirchenradio Oekumera, das neben dem Oberaargau auch auf Solothurn ausgerichtet ist. Von dort versprechen sich die Organisatoren mehr Publikum, wenn die Aufführung am Jurasüdfuss stattfindet.

In Huttwiler Tradition

Eine Verbindung zu Huttwil besteht trotzdem: Geschrieben hat das Musiktheater Simon Jenny, der dort von 1991 bis 2010 re­formierter Pfarrer war. Dort begründete er auch eine Art von Kirchenspielen, in denen er Wort, Musik und Tanz verbindet. In dieser Tradition steht sein neuestes Werk, «Ranft-Ruf», das sich mit Niklaus von Flüe befasst.

Dieser lebte von 1417 bis 1487 und war in Sachseln im Kanton Obwalden Bauer, Familienvater, Offizier, Richter und Vorsteher der Gemeinde, ehe er sich als Einsiedler in den abgelegenen Flüeli-Ranft zurückzog und zum Rat­geber und Friedenstifter wurde.

In Huttwil wohnte Simon Jenny im Pfarrhaus Südstrasse und hatte damit die katholische Bruder-Klaus-Kirche stets vor Augen. Seit 2013 wohnt der Pfarrer, der ursprünglich Musik studiert hatte, in Gümligen und arbeitet nebst einem Regionalpfarramt in Teilzeit als Autor, Komponist und Regisseur.

Seine Faszination für den Einsiedler aus der Ranft sei allerdings nicht in Huttwil geweckt worden, gesteht Simon Jenny. «Ich war mir dieser Nachbarschaft nicht recht bewusst.»

Das verwundert eigentlich nicht, hängt doch die katholische Pfarrei das Wissen um ihren Schirmherrn nicht an die grosse Glocke. Auf Wikipedia gibt es eine Liste der Bruder-Klaus-Kirchen in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Dort fehlt Huttwil als vermutlich zweitälteste.

Ein reformiertes Kloster

Im Theologiestudium sei der Einsiedler vom Ranft natürlich gestreift worden, hält der Autor des Musiktheaters fest. Sich intensiver mit ihm zu beschäftigen begonnen habe er jedoch erst, als er vom Kloster Kappel den Auftrag für das Stück erhalten habe.

Dieses war mit der Reformation in Zürich aufgehoben worden, ist jedoch seit 1983 wieder Bildungszentrum der Evangelisch-re­formierten Landeskirche Zürich und damit wie geschaffen für ein Stück über Niklaus von Flüe. ­Dieser ist von Katholiken wie von Reformierten gleichermassen als «Landesvater» anerkannt.

Dort wurde Simon Jennys Werk am Bettag 2017 auch uraufgeführt. Anschliessend gastierte es im Gedenkjahr an dreizehn Orten in der Schweiz. Mit der Aufführung in Wangen wird nun eine zweite Tourneesaison gestartet. Figuren im Stück von Simon Jenny sind neben Niklaus von Flüe dessen Ehefrau Dorothea sowie ein Historiker und eine junge Journalistin aus unserer Zeit.

Eigene Sprachbilder

Ihn faszinierten an Niklaus von Flüe vor allem seine Visionen, hält Simon Jenny fest. Er habe die Sprachbilder, die er dafür ­verwendete, nachweislich selbst geschaffen. Zudem wirkten sie sehr akustisch; etwas, was für ein Musiktheater besonders fruchtbar sei. Sein Interesse weckte auch Niklaus von Flües Beziehung zu seiner Frau Dorothee, die er als sehr gleichberechtigt beurteilt.

«Niklaus von Flüe schuf die Sprach­bilder, die er verwendete, nach­weislich selbst.»Simon Jenny

Die von ihm eingeführte Figur der jungen Journalistin schliesslich schafft mit ihren Fragen dem Publikum einen Zugang in die Welt des 15. Jahrhunderts, aber auch jene des Historikers, der sich mit dieser in seinen Büchern befasst. Eine Frage, die sie stellt: Wie soll man einer Figur, die weder lesen noch schreiben konnte, in dicken Büchern gerecht werden?

Ein Büchlein über Niklaus von Flüe schrieb ein anderer Pfarrer aus dem benachbarten Lützelflüh: Jeremias Gotthelf verfasste 1851 eine kurze Biografie für ei­nen Berliner Kalender. Die katholische Pfarrei Huttwil zitiert ihn, wenn sie auf ihrer Website ihren Kirchenpatron charakterisiert: «Sein Leben war im Himmel, aber klar lagen vor ihm die menschlichen Verhältnisse. Gottes Wort und Zeitläufe kannte er ungetrübt.»

An Gotthelf erinnert ebenfalls die Website zu Jennys «Ranft-Ruf», indem dort geschrieben steht, es sei schön, dass wieder ein reformierter Pfarrer ein Stück über Niklaus von Flüe geschrieben habe. Nun also kommt Simon Jenny mit seinem Musiktheater in den Oberaargau. Unterstützt wird er dabei erstmals von Tochter Tamar, die Regieassistenz führt.

Aufführung: Freitag, 14. September, 19.30 Uhr, kath. Kirche St. Christophorus, Wangen an der Aare.

Langenthaler Tagblatt

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