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Die grösste aller Närrinnen

Seit über 60 Jahren hat Lilly Geiser keine Langenthaler Fasnacht ausgelassen. Und auch heuer nimmt die 85-Jährige an den Festlichkeiten teil – wenn auch nicht mehr im gleichen Umfang wie in früheren Tagen.

Béatrice Beyeler
Wie man sie kennt: Lilly Geiser als Blumenkönigin der LFG.
Wie man sie kennt: Lilly Geiser als Blumenkönigin der LFG.
PD
Stets an vorderster Front, wie hier bei der «Päng»-Übergabe 2002 mit dem damaligen Stadtpräsidenten Hans-Jürg Käser (links).
Stets an vorderster Front, wie hier bei der «Päng»-Übergabe 2002 mit dem damaligen Stadtpräsidenten Hans-Jürg Käser (links).
Thomas Peter
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«Frau Geiser, freuen Sie sich schon auf die Fasnacht?», fragt eine Besucherin im Lindenhof. «Wenn es denn nur gut geht», antwortet Lilly Geiser mit einem sorgenvollen Blick. Die Gesundheit macht ihr derzeit zu schaffen, die Beine der 85-Jährigen wollen ihre Aufgabe nicht mehr richtig erfüllen. Deshalb lebte sie vorübergehend im Pflegeheim.

«An der Fasnacht kann ich aber wieder nach Hause», sagte die Langenthalerin letzte Woche voller Vorfreude. Gestern haben ihre beiden Söhne sie nun abgeholt und direkt an den Gönnerabend im Bären chauffiert. Dabei hat das Ehrenmitglied der Langenthaler Fasnachtsgesellschaft (LFG) nach wie vor eine Aufgabe: Lilly Geiser kontrolliert, dass ausschliesslich jene Fasnächtler mit dem richtigen Ticket Zutritt in den Barocksaal des Bären erhalten.

Wie ein roter Faden

Ein Leben ganz ohne Fasnacht, für Lilly Geiser eine kaum erträgliche Vorstellung. Denn die fünfte Jahreszeit zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Am Fasnachtsdienstag 1933 geboren, ­besuchte sie ihren ersten Umzug im Alter von sechs Jahren. Ihr ­Vater war selber ein aktiver ­Fasnächtler.

Der Zweite Weltkrieg zog allerdings auch in der Schweiz Konsequenzen nach sich, so wurde die Tradition über 10 Jahre lang ruhen gelassen. Erst 1953 fand wieder ein Umzug in der Oberaargauer Narrenhochburg statt. Mit dabei natürlich: Lilly Geiser. Seither hat sie keine ­einzige Langenthaler Fasnacht mehr ausgelassen. Auch in den letzten Jahren war sie stets mit ihrem roten Lilly-Mobil oder zu Fuss auf der Gasse anzutreffen.

Pfarrer macht kehrt

Mit dem Fasnachtsgen infiziert hat sie auch ihre beiden Söhne, Andreas und Christoph. Schon von klein auf hätten sie mit ihren Eltern die Fasnacht besucht, erinnert sich Andreas «Gesa» Geiser. Besonderes in Erinnerung geblieben ist ihm eine Episode kurz vor seiner Konfirmation. Der strenge Pfarrer habe die Jugendlichen vom Feiern abhalten wollen.

Bei einem Hausbesuch bei den Geisers sei er auf seine Mutter Lilly gestossen, die an einem Tisch über und über mit Fasnachtsmaterialien bedeckt sass – und Kostüme nähte. «Was wollen Sie?», hörte er seine Mutter fragen. Der Pfarrer habe rechtsumkehrt gemacht und gemurmelt: «Das macht hier wohl keinen Sinn.» Beide Söhne sind stolz auf ihre Fasnachtsmutter, die ihres Zeichens seit den 1960er-Jahren Mitglied der LFG ist.

Eigene Clique

Bis Anfang der 80er-Jahre hatte Lilly Geiser gar ihren ganz eigenen Fasnachtsverein, die Schüttsteiclique. «Das war eine gute Zeit», schwärmt das Urgestein, das sich noch an jeden Umzug, jedes Kostüm und jede Wetterlage der vergangenen 65 Jahre haargenau erinnern kann. So auch an das Jahr 2006, als der Umzug wegen des heftigen Schneefalls abgesagt werden musste. «Wir konnten unser Hüttli mit dem Wagen drin nicht einmal freischaufeln, weil die Schaufel ebenfalls dort drin war», erzählt die 85-Jährige und lacht. Der Marsch zu Fuss, samt Kostüm durch den tiefen Schnee, hätte dann aber auch etwas für sich gehabt.

Schöne Wagen

Doch was genau gefällt ihr denn so gut an den närrischen Tagen? «Es ist einfach ein schöner Brauch.» Um sogleich angetan fortzusetzen: «Das Verkleiden sowie die Beizen- und Strassenfasnacht gefallen mir sehr. Alle feiern zusammen und sind fröhlich.» Auch die Möglichkeit, andere auf die Schippe zu nehmen, möchte sie nicht missen. Ohne aber dabei zu beleidigen, wie das langjährige Redaktionsmitglied des «Päng» betont. Nur die Völlerei wäre in den Augen der 85-Jährigen nicht nötig. «Ich kann auch ohne Alkohol lustig sein», sagt sie leichthin.

Seit der Gründung der LFG vor 65 Jahren hat sich das närrische Treiben verändert. «Die Guggenmusiken nehmen heute Überhand und feiern vermehrt nur noch unter sich», stellt Lilly Geiser fest. Zwar finde sie durchaus Gefallen an dieser Musik, aber nur im Freien. «In einem Saal sind sie zu laut.» Sehr erfreut ist sie indes über den stetigen Ausbau des Umzugs. «Früher waren wir viel mehr zu Fuss unterwegs, heute dominieren die schönen Wagen.»

Umso mehr schmerze sie, heuer nicht mehr am geliebten Tross teilnehmen zu können. Doch ihre Söhne haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben: «Vielleicht klappt es ja doch», sagt Andreas Geiser. Und dann wäre Lilly ­Geiser am morgigen Umzug vielleicht einmal mehr anzutreffen. Bereits zum 66. Mal notabene.

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