Die Werkstätte für Behinderte muss sich neu erfinden

Madiswil

Die Stiftung WBM in Madiswil leidet darunter, dass niederschwellige Arbeit immer öfter von Maschinen erledigt wird. Um weiterhin betreute Arbeitsplätze anbieten zu können, muss sie neue Ideen realisieren.

Ein Übungsfeld für grosse Pläne der Stiftung WBM: Das Kuriosum. Foto: Raphael Moser

Ein Übungsfeld für grosse Pläne der Stiftung WBM: Das Kuriosum. Foto: Raphael Moser

Jürg Rettenmund

WBM stand in Madiswil lange Zeit für «Werkstätte für Behinderte». Erst seit ein paar Jahren benützt die Stiftung, die hinter der Institution steht, nur noch das Kürzel. Im aktuellen Jahresbericht gibt sie diesem eine neue Bedeutung. Mit «Wir bewegen Menschen» werden die drei Buchstaben neu ausgedeutscht, angelehnt ans Motto des letztjährigen Jubiläums, «50 Jahre in Bewegung». 

Dass die Stiftung WBM sich neu erfinden muss, war bereits im Festjahr ein Thema. Die Stiftung stellte ihren Rat neu auf, erweiterte ihn gezielt um neue Fachleute. Nun wird er mit der ehemaligen Madiswiler Gemeinderätin Christine Badertscher ergänzt. 

Der Betreuungsauftrag bleibt

Der Stiftungsrat hat in den letzten Monaten stark an einer Neupositionierung gearbeitet. Denn die WBM steht vor einer Herausforderung: Digitalisierung und Automatisierung dringen in immer mehr Bereiche der mechanischen Fertigung und Montage/Verpackung ein, zwei Hauptstandbeine der WBM. Das konkurrenziert diese einerseits, zwingt sie aber auch, selbst nachzurüsten. Das stehe oft im diametralen Gegensatz zum Betreuungsauftrag seiner Institution, hielt Geschäftsführer Stefan Weber vor den versammelten Stiftern fest. 

Die WBM begegnet dem mit neuen Formen der Zusammenarbeit. Bereits bisher suchte sie den Kontakt zu Firmen aus dem ersten Arbeitsmarkt, um ihren Angestellten, die das wollen und können, dort externe Arbeitsplätze anzubieten. Nun plant sie erstmals, eine ganze Abteilung an einen Industriebetrieb auszulagern: Die Abfüllerei wird ab 2020 im Neubau der Motorex in Langenthal angesiedelt sein. Verstärkt will die WBM zudem in der beruflichen Integration aktiv werden. Für einen Leistungsauftrag ist sie in Verhandlungen mit dem Kanton. Gegenwärtig betreut sie elf Lernende.

Unterschiedliche Bedürfnisse

Vor anderen Herausforderungen steht das Wohnheim im Madiswiler Unterdorf. Der Kanton plant, seine Beiträge nicht mehr an Institutionen auszurichten, sondern an die Behinderten selbst. «Wir werden deshalb verstärkt auf deren unterschiedliche Bedürfnisse reagieren müssen und können nicht einfach warten, bis diese zu uns ins Heim kommen», prognostiziert der Geschäftsführer. 

Um betreute Arbeitsplätze anbieten zu können, werde die WBM ganz neue Tätigkeitsfelder suchen müssen, gaben sich Stefan Weber und Stiftungsratspräsidentin Karin Habegger überzeugt. Sie präsentierten diese unter dem Stichwort «Markthalle». Zu dieser könnte eine Bio-Bäckerei gehören, eine Kaffeerösterei, aber auch ein Bistro und ein Laden, für die die WBM mit dem Kuriosum bereits erste Erfahrungen gesammelt hat.

In der Markthalle soll aber auch der Waschsalon den Kontaktpunkt zur Kundschaft pflegen können. Auch in diesem Bereich ist die WBM bereits tätig, möchte die Menge der verarbeiteten Wäsche aber verdreifachen. Schliesslich hat die Stiftung für ein weiteres Projekt bereits einen Spezialisten an Bord geholt: Christoph Hauri verliert diesen Sommer seine Anstellung bei der Neuen Schule für Gestaltung, weil diese geschlossen wird. Er will für die WBM ein Kunstatelier aufziehen.

Konkrete Liegenschaften im Auge

Für den Standort der Markthalle sei die WBM bereits in Verhandlung mit Besitzern geeigneter Liegenschaften, informierte Stefan Weber. Sicher sei es nicht die Markthalle in Langenthal, ergänzte er.

Die verschiedenen Ideen sind unterschiedlich weit gediehen. Nun müssten Prioritäten gesetzt werden, hielt Stiftungsrat Kurt Schär fest. Für diese Evaluation hat sich der Stiftungsrat einen Zeithorizont von zwei bis drei Jahren gegeben. Umgesetzt werde nur, was finanzierbare gute Handarbeit für die Beschäftigten bringe, versprach Kurt Schär.

Die Stifter stellten sich in einer Konsultativabstimmung einstimmig hinter diese offensive Strategie des Stiftungsrates, auch im Bewusstsein, dass dafür rund 200'000 Franken noch finanziert werden müssen. Der Rat seinerseits hat bereits gehandelt und Stiftungsratspräsidentin Karin Habegger für einen Tag in der Woche angestellt, damit sie die Geschäftsleitung von dieser Aufgabe entlasten kann. 

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