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Die zwei Seiten einer stillen Wohltäterin

Marie-Jost- Garten heisst der Umschwung des Seniorenzentrums Sunnehof in Rohrbach. Die Namensgeberin hatte die grosszügige Gestaltung mit einem Legat ermöglicht. Doch wer war die Schenkerin? Eine Spuren­suche.

In diesem ­Bauernhaus im Unterdorf wuchs Marie Jost auf. Später führte sie den elterlichen Betrieb mit der Schwester und einem Angestellten weiter.
In diesem ­Bauernhaus im Unterdorf wuchs Marie Jost auf. Später führte sie den elterlichen Betrieb mit der Schwester und einem Angestellten weiter.
Thomas Peter

Ein Weiher mit kleinem Wasserfall, Bäume, die in Zukunft Schatten spenden werden, verschlungene Wege mit Ruhebänken, Hochbeete, in denen ein Gärtnern auch im Alter bequem möglich ist: Dies alles hat im Seniorenzentrum Sunnehof in Rohrbach Marie Jost ermöglicht. Sie hatte 1993 Einwohner- und Kirchgemeinde ein Legat hinterlassen, aus dem die grosszügige Gartenanlage finanziert werden konnte. Doch wer war Marie Jost?

Die Spurensuche führt zum Steg, der von der Mühlegasse über die Langeten ins Steggässli führt. Dort lebte Marie Jost zuletzt zusammen mit dem ehemaligen Angestellten ihrer Eltern, Werner Zimmermann. Bescheiden und zurückgezogen hätten diese dort gehaust, erzählt eine Rohrbacherin, die in der Zeitung nicht genannt werden will, die die grosszügige Wohltäterin aber noch gekannt hatte.

Bescheiden und grosszügig

Grosszügig sei diese nicht nur mit ihrem letzten Willen gewesen, sondern bereits zeitlebens. Sie wisse von zahlreichen Rohrbacherinnen und Rohrbachern, die von ihr ohne jeden Anlass einen grosszügigen Betrag erhalten hätten – einfach, weil sie befunden habe, diese könnten das Geld gebrauchen. Dabei habe Marie Jost selbst sehr bescheiden gelebt. Den kleinen Garten habe sie mit ihrem Mitbewohner liebevoll unterhalten. «Jedes Jahr wurden Zinnien und Löwenmäulchen ausgesät und gezogen.»

Geboren wurde Marie Jost 1903 auf einem Bauernhof im Unterdorf. Die Eltern ermöglichten ihr den Besuch der Sekundarschule in Kleindietwil. Das war damals keine Selbstverständlichkeit, war doch der Unterricht nicht unentgeltlich. Danach durfte sie sogar eine Handelsschule in Neuenburg besuchen.

Deuxpièces und hohe Absätze

Ihre erste Stelle fand die junge Frau in der Schuhfabrik Hug in Herzogenbuchsee. Nach sechseinhalb Jahren wechselte sie 1927 als Sekretärin in die Maschinenfabrik Ammann nach Langenthal. Sie habe sich dort umfassende Fachkenntnisse angeeignet und Korrespondenz in deutscher und französischer Sprache erlernt, heisst es im Nachruf, der dieser Zeitung vorliegt. «Auch Italienisch sprach Marie Jost», ergänzt die Gewährsperson.

Das war die eine Seite von Marie Jost: Morgens sei diese auf den 7-Uhr-Zug gegangen, immer perfekt gekleidet: Im Deuxpièces und mit Stöckelschuhen, die Haare so tadellos zusammengesteckt wie nur bei wenigen im Dorf. Dazu war sie breit interessiert, las Bücher und Zeitungen. «Wenn man sich mit ihr Zeit für einen Tee nahm, wollte sie diskutieren», erinnert sich die Gewährsperson. Sass man bei ihr in der Stube, grüsste aus einem Bilderrahmen Patron Ulrich Ammann.

In dieses Haus am Mühleweg zog sie im Alter um, nachdem sie den Bauernbetrieb aufgegeben hatte. Foto: Thomas Peter
In dieses Haus am Mühleweg zog sie im Alter um, nachdem sie den Bauernbetrieb aufgegeben hatte. Foto: Thomas Peter

Berufsschürze und Mistgabel

Am Samstagmorgen wurde damals in den Betrieben noch gearbeitet. Am Samstagnachmittag oder auch am Abend traf man im Dorf dann die andere Marie Jost: In einer abgegriffenen Berufsschürze, die Mistgabel in der Hand, half sie zusammen mit ihrer Schwester dem Vater auf dem Betrieb. Als dieser 1961 starb, führten die beiden Schwestern den Betrieb zusammen mit dem Angestellten Werner Zimmermann weiter, und zwar über die Pensionierung von Marie Jost bei Ammann hinaus.

Erst 1973 zogen die drei an die Mühlegasse, wo die Schwester aber schon zwei Jahre später starb. Ihre Wohltätigkeit, aber auch ihren tiefen Glauben hängte Marie Jost nicht an die grosse Glocke. Sie habe jeden Sonntag den Gottesdienst in der Kapelle der Evangelischen Gesellschaft besucht, weiss die Gewährsperson. Zudem habe sie jeden Tag in der Bibel gelesen und gebetet.

Da sie ein Leben lang ledig ­geblieben war und keine Kinder hatte, beschäftigte sie sich rechtzeitig mit ihrem Nachlass. Dass sie an ein Legat für ein Altersheim dachte, verriet sie bereits ihrem Mitbewohner. «Ein Altersheim fehlt in Rohrbach», soll sie ihm gegenüber laut der Gewährsperson gesagt haben. «Das wäre doch auch für uns etwas.» Im Herbst 1993 starb Marie Jost kurz nach ihrem 90. Geburtstag.

Dass ihre Saat nicht gleich aufgehen konnte, damit dürfte Marie Jost gerechnet haben. Sie bedachte in ihrem Nachlass denn auch nicht nur die Gemeinde und die Kirchgemeinde, sondern sorgte zusätzlich dafür, dass Werner Zimmermann bis zuletzt im Stöckli am Steggässli bleiben konnte.

Fast ein Vierteljahrhundert

Dass allerdings fast ein Vierteljahrhundert ins Land gehen würde, bis ihre Saat Früchte trug, dürfte Marie Jost kaum erwartet haben. Die Rohrbacherin, die sich an sie erinnert, wagt deshalb nicht zu sagen, was sie zum Garten sagen würde, der nun ihren Namen trägt.

Sie, die so bescheiden lebte, hätte wohl alles für zu gross befunden und sich kaum darin zurechtgefunden, vermutet sie. Um so mehr können sich die heutigen Bewohnerinnen und Bewohner am Weiher mit dem kleinen ­Wasserfall erfreuen. Und an den Hochbeeten, in denen ein Gärtnern auch im Alter bequem möglich ist. Vielleicht säen sie Marie Jost zu Ehren dort im Frühling Zinnien und Löwenmäulchen.

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