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Diese Trouvaille soll ins Schaufenster statt ins Archiv

Einen alten Flurplan förderten Mitarbeitende der Denkmalpflege ­zutage. Die Gemeinde Wangenried liess ihn restaurieren und will ihn nun zugänglich machen.

Es zeigt einen Teil des Gemeindegebiets: Das Dokument aus dem Jahr 1822 bebildert das Gebiet südlich der Dorfstrasse. Sie verläuft von der unteren Planmitte gegen die linke Seite hin mittig.
Es zeigt einen Teil des Gemeindegebiets: Das Dokument aus dem Jahr 1822 bebildert das Gebiet südlich der Dorfstrasse. Sie verläuft von der unteren Planmitte gegen die linke Seite hin mittig.
pd

Im Foyer des Mehrzweckgebäudes von Wangenried hängt ein alter Plan der Gemeinde. Wann genau er erstellt wurde, lässt sich ihm nicht mehr entnehmen. Einzelne Stellen sind stark verbleicht. Trotzdem findet er bei Anlässen häufig Beachtung, stellt Gemeindepräsident Hansruedi Gygax immer wieder fest, gruppieren sich um ihn Leute, tauschen Erinnerungen aus und frischen diese auf.

Bald erhält besagter Plan Gesellschaft von einem weiteren. Dieser ist viel schöner, mit Tusche gezeichnet von unbekannter, aber offensichtlich versierter Hand und sorgfältig aquarelliert. Auch datiert ist er: 1822. Einen kleinen Nachteil hat er allerdings: Er zeigt nur einen Teil des Gemeindegebietes. Es ist Plan I, die Pläne II, III und IV sind offenbar nicht erhalten geblieben.

Nicht zurück ins Archiv

Noch breitet Hansruedi Gygax Plan I im Gemeinderatszimmer auf einer Kartonmappe aus. Die Denkmalpflege empfahl der ­Gemeinde aus konservatorischen Gründen, ihn in die Kartensammlung des Staatsarchivs zu übergeben. Doch an seiner ­letzten Sitzung am Montag beschloss der Gemeinderat, ihn im selben Stil rahmen zu lassen wie jenen Plan, der bereits hängt, und ihn künftig neben diesem zu ­zeigen.

Die Präsentation in der Kartonmappe bedeutet allerdings bereits einen Fortschritt. Bisher wurde der Plan gerollt im Gemeindearchiv aufbewahrt. Jedes Mal, wenn er konsultiert wurde, entstanden – trotz aller Vorsicht – kleine Schäden.

Entdeckt wurde er letztes Jahr von Mitarbeitenden der kanto­nalen Denkmalpflege. Im Rahmen ihrer Recherchen für den neuen Band der Kunstdenkmäler der Schweiz über den ehemaligen Amtsbezirk Wangen durchforsteten sie auch das Gemeindearchiv von Wangenried.

Die Rolle der Gemeinschaft

Sie regten an, die Trouvaille fachgerecht restaurieren zu lassen. «Die Idee stiess im Gemeinderat auf offene Ohren», erklärt der Präsident. «Wir waren uns einig, dass dieser Plan eine wichtige Quelle aus unserer Vergangenheit ist.» Der Rat ist überzeugt, damit auch im Sinne der Bevöl­kerung zu handeln. Wangenried stimmte zwar dem Fusionsprojekt Oberaargau-Nord zu. Man sei sich aber einig, dass die Dorfgemeinschaft auch bei einer Grossfusion weiter eine wichtige Rolle spiele, erklärt Gygax.

Er engagiert sich für den Erhalt: Gemeindepräsident Hansruedi Gygax, der sich als «Ur-Wangenrieder» bezeichnet, sieht den Flurplan als Quelle und verspricht sich von der Zurschaustellung viel. Foto: Thomas Peter.
Er engagiert sich für den Erhalt: Gemeindepräsident Hansruedi Gygax, der sich als «Ur-Wangenrieder» bezeichnet, sieht den Flurplan als Quelle und verspricht sich von der Zurschaustellung viel. Foto: Thomas Peter.

Er habe das etwa während der Infoveranstaltungen zur Ortsplanungsrevision wieder festgestellt. «Umso wichtiger ist es, unsere Wurzeln zu kennen. Der Flurplan von 1822 ist dafür eine wichtige Quelle.» 1440 Franken kostet die Restaurierung die Gemeinde. Die Denkmalpflege übernahm die Kosten für die ­Erstellung einer publikations­fähigen Reproduktion des Plans.

Hansruedi Gygax, der sich selbst als Ur-Wangenrieder bezeichnet, zeigt die Bedeutung des Plans gleich am eigenen Beispiel. Er findet darauf nicht nur das Bauernhaus, das er für sich um­gebaut hat, sondern auch dasjenige seiner Eltern und Grosseltern. Daneben findet er vieles, was sich verändert hat: Wo heute neben alten Bauernhäusern jüngere und ältere Einfamilienhäuser stehen, war in der noch weitgehend landwirtschaftlichen Gemeinde von 1822 Land in zahl­reiche schmale Felder aufgeteilt. Sie sind, wie im neuen Kunstdenkmäler-Band nachzulesen sein wird, die Flurstücke der landwirtschaftlichen Flächen des Zelgdorfes und der gemeinschaftlichen Allmenden.

Zeugen der Industrialisierung

Man findet in Wangenried noch Bauernhaustypen aus praktisch allen Epochen vor, beginnend mit einem voluminösen Ständerbau aus der Zeit um 1700 am Rainweg 7. Doch nicht nur die bäuerliche Architektur würdigen die Autorinnen, sondern auch die Schulhäuser von 1809/20 und 1865 an der Dorfstrasse 45 und 46.

Dort, wo sich Hansruedi Gygax heute im Mehrzweckgebäude über den Plan von 1822 beugt, entstanden im Zuge der In­­­dustrialisierung die ersten Häuser von Arbeitern, die in die Fabriken in der Nachbarschaft pendelten. Ein Zeuge der Modernisierung ist auch die um 1870 entstandene Konsumhandlung im Neuhaus 4.

Erkenntnisse der Geschichte

Der Beitrag über Wangenried im Kunstdenkmälerband gewährt einen kurzen, interessanten Einblick in die Dorfgeschichte. Gemeindepräsident Hansruedi Gygax verspricht sich deshalb vom neuen Werk auch einiges für ­seine Gemeinde. Die Veranstaltungsbesucher in der Mehrzweckhalle werden jedoch wohl weiterhin in erster Linie Erinnerungen auffrischen und austauschen, wenn sie sich künftig um die beiden Pläne gruppieren.

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