Er gehört längst nicht zum Alteisen

Niederönz

Von seinen ­Anfängen bis heute: Das neue Buch «Heiko Schütz. Eisenwerker» präsentiert das umfangreiche Schaffen des Niederönzer Eisenplastikers zwischen zwei Buchdeckeln. Auch seine spannende Lebensgeschichte kommt nicht zu kurz.

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Sebastian Weber

Heiko Schütz führt durch sein Reich: Seit 24 Jahren ist der Künstler im rund 230-jährigen Luderhaus am Schlyffiweg in Niederönz zu Hause. Dort in der einstigen Fuhrhalterei, die er über die Jahre umbauen liess, hat er sich seine Werkstatt und seinen Ausstellungsraum eingerichtet.

Im Haus und darum herum liegt fast überall Alteisen. Schrott würde der eine oder andere dazu sagen. Für Heiko Schütz sind es die Materialien für seine Kunstwerke. Überall sammelt er diese ein. Er wisse halt, wo man dafür hinmüsse, sagt er und schmunzelt. Selbst in den Ferien hat er Schrott zusammengesucht. «Das Sammeln liegt mir wohl einfach im Blut», schätzt er.

Gleich nebenan liegt der Skulpturengarten, der Weg gesäumt von zahlreichen Eisenskulpturen – Knoten, Schlaufen, Köpfe, Zeichen, auch einen nicht ganz alltäglichen Springbrunnen gibt es da zu bestaunen. Teils sind es doppelt mannshoch ragende Gestalten.

Sofort ins Auge fällt auch ein riesiger Pfeil, der aus Tausenden von Schrottstücken zusammengeschweisst ist. 1987 wurde dieser zum Fernsehstar und stand im Mittelpunkt einer populären Samstagabendsendung. Ein anderes Objekt hat Schütz aus zwei Dampfkesseln des ehema­ligen Brienzersee-Dampfschiffes Lötschberg erschaffen.

«Wir machen ein Buch»

Diese und viele andere Werke, so auch seine Eisenbücher, für die er in den 80er-Jahren vor allem ­Bekanntheit erlangte, finden sich auch in dem Buch «Heiko Schütz. Eisenwerker», das vor wenigen Tagen auf den Markt gekommen ist.

In seinem Vorwort erzählt Valentin Binggeli, der Heiko Schütz schon seit vielen Jahren kennt, einen amüsanten Dialog nach, wie es dazu kam. «Ich: Heiko, wir machen ein Buch! Und er sagte: Du hast gut reden. Ich: Natürlich genügt hier Reden nicht. Heiko: Und wer soll das bezahlen? Ich: Da wollen wir dann schauen.» Das war vor rund 3 Jahren.

Die beiden schauten sich um und holten in der Folge für die Texte den Kunstkritiker Peter Killer und für die Publikation den Riedtwiler Verleger Daniel Ga­berell an Bord, in dessen Kulturbuchverlag Herausgeber.ch das Buch nun auch erschienen ist. «Eine Art von Viererbande», schreibt Binggeli. «Bald freundschaftlich verbunden.»

Viele Treffen in Niederönz später gelangt die Viererbande schliesslich an ihr Ziel. Entstanden ist ein 156-seitiger Band mit rund 160 Abbildungen von Hansruedi ­Riesen und Willy Jost.

Werke aus mehr als 40 Jahren

Es hätten ihn über die Jahre die verschiedensten Themen beschäftigt, sagt Schütz. Dies wird auch bei einem Blick in das Buch deutlich: Den 62-Jährigen faszinieren einfache Silhouetten genauso wie ausgetüftelte Wasserspiele oder Gussglaselemente.

Einen längeren Abschnitt hat ­Peter Killer zudem den Auftragsarbeiten gewidmet. Die vielleicht bekannteste davon ist der Sonnenradbrunnen auf dem Vorplatz der Berufsschule Langenthal. ­Damit war er 1992 be­auftragt worden.

Heiko Schütz ist mit dem Ergebnis, dem «Eisenwerker», zufrieden. «Man merkt, dass alle mit viel Freude dabei waren.» Das Buch bilde mehr als 40 Jahre Schaffenszeit ab, vom Frühwerk bis zu einigen seiner jüngsten Arbeiten, sagt er. Abgebildet ist auch eine Plastik, die ungefähr 1972 während der Lehrzeit entstanden ist. Heiko Schütz, geboren und aufgewachsen in Kirchberg, machte seine Lehre 1970 bis 1973 als Maschinenmechaniker bei der Firma Aebi AG in Burgdorf.

Dort lernte er unter anderem bohren, schleifen und drehen. Das Schweissen gehörte eigentlich nicht zu seiner Ausbildung. Trotzdem verliess er die Firma nach der Lehre als routinierter Schweisser. Heiko Schütz muss schmunzeln, wenn er von dieser Zeit erzählt. Zum Leidwesen des Lehrmeisters schuf er aus Eisenreststücken, die bei der Arbeit anfielen, seine ersten ­Objekte.

Mit Stolz habe Heiko Schütz sein Erstlingskunstwerk an seinem Arbeitsplatz platziert, schreibt Peter Killer in seinem Text. «Die Frage, ob das Kunst sei, beschäftigte ihn in keiner Weise.» Ein ihm wohlgesinnter Aebi-Mitarbeiter brachte Schütz, mehr oder weniger heimlich, das Schweissen bei.

Von Luginbühl gelernt

Nach der Lehre war allerdings nicht Schluss. Schütz setzte seine künstlerische Arbeit bald in der alten Dorfschmiede in Rüti bei Lyssach fort, die er zu günstigen Bedingungen hatte mieten können. 1977 erhielt er dort Besuch von Basil Luginbühl, dem Sohn von Bernhard Luginbühl, damals schon eine feste Grösse in der Kunstszene.

Ob er sich nicht bei seinem Vater vorstellen wolle, fragte ihn der 17-Jährige. Der ­suche für grössere Projekte ­immer wieder mal nach Mitarbeitern. Es begann seine Assistenzzeit bei Luginbühl im Nachbardorf Mötschwil. Diese dauerte bis 1980 und hinterliess bei Heiko Schütz bleibende Erinnerungen. «Ich habe damals viel gelernt.» Ohne recht zu wissen, wie ihm ­geschah, rutschte er in die Schweizer Kunstszene und lernte so unter anderem auch Jean ­Tinguely kennen.

1980 folgte schliesslich ein entscheidendes Jahr in der Karriere von Heiko Schütz. Von Bernhard Luginbühl ermutigt, wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit und mietete sich hierfür ein Haus in Burgäschi. Dort entstanden seine ersten Eisenbücher. Doch das Haus sei winzig gewesen, erinnert sich Schütz. Weshalb er letztlich auch nach Niederönz umzog.

Den Buchstaben verfallen

Die Liebe zum Schweissen ist Schütz bis heute geblieben. «So entstehen die meisten meiner Werke», sagt er. Er sei einer, der gerne zupacke, beschreibt er seine Arbeitsweise. Müde sei er mit seinen 62 Jahren deswegen aber noch lange nicht geworden.

«Ich brauche mehr Hilfsmittel als früher», gesteht er. Was seiner Kreativität aber keinen Abbruch getan hat: Aktuell beschäftigt ihn das Thema Buchstaben. Damit sei viel Arbeit verbunden, sagt er und lacht.

Zurück in der Werkstatt, wird klar, wieso: Stück für Stück schweisst er die Buchstaben aus – wie könnte es auch anders sein – Eisen zu kleinen und grossen Türmen zusammen. Dem Betrachter präsentiert sich so ein wilder Buchstabendschungel.

Und wie lange hält so ein Objekt? Auch unter freiem Himmel hätten seine Werke eine lange ­Lebensdauer, sagt Schütz. «Die Vergänglichkeit habe ich aber noch nicht überwunden.»

Das Buch«Heiko Schütz. Eisenwerker» ist in den Buchhandlungen oder beim Verlag Herausgeber.ch (Tel. 062 922 18 18) erhältlich.

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